Beschädigte Oberleitung legt den Bahnverkehr in Hannover lahm
Am Hannover Hauptbahnhof läuft am Freitag, 25. September 2026, kaum etwas nach Plan. Eine beschädigte Oberleitung legt den Fern- und Nahverkehr rund um den Bahnhof mindestens den ganzen Freitag über teilweise lahm. Die Gleise 9 und 10 sind gesperrt, Reparaturteams arbeiten voraussichtlich den ganzen Tag an der Leitung. Nach Angaben aus Hannover soll die Reparatur voraussichtlich bis Freitag um 18 Uhr dauern.
Der Schaden entstand in der Nacht: Eine Oberleitung hing laut Bahn und Bundespolizei wegen Materialermüdung durch, anschließend riss ein Güterzug die Leitung ab. Verletzt wurde niemand. Seit Freitagmorgen kommt es nun zu Zugausfällen, Umleitungen und Verspätungen – und wegen der eingeschränkten Gleiskapazität sind auch auf weiteren Linien Verzögerungen möglich.
Fernverkehr fährt weiträumig an Hannover vorbei
ICE-Züge aus Nordrhein-Westfalen über Bielefeld, Hannover und Berlin werden umgeleitet. Die vorgesehenen Halte zwischen Hamm (Westfalen) Hbf und Hannover Hbf entfallen; als Ersatz dienen Hannover-Linden/Fischerhof und Lehrte. Verspätungen von bis zu 75 Minuten sind möglich.
Auch ICE-Verbindungen zwischen Amsterdam, Osnabrück, Hannover und Berlin fahren teilweise eine andere Strecke. Hier entfallen die Halte zwischen Osnabrück Hauptbahnhof und Hannover Hauptbahnhof, ebenfalls mit Ersatzhalten in Hannover-Linden/Fischerhof und Lehrte.
Bei ICE-Zügen aus Nordrhein-Westfalen über Bielefeld nach Hannover und Berlin fallen die vorgesehenen Halte zwischen Hamm und Hannover aus. Die Ersatzhalte bleiben Hannover-Linden/Fischerhof und Lehrte. Reisende müssen dabei mit bis zu 75 Minuten Verspätung rechnen.
ICE-Züge von Hamburg über Hannover und Kassel-Wilhelmshöhe in Richtung Nürnberg und München halten nicht am Hannover Hauptbahnhof. Sie werden über Celle und Hannover Messe/Laatzen geführt. Bei ICE- und IC-Zügen, die weiterhin am Hauptbahnhof halten, sind Verspätungen bis zu 30 Minuten möglich.
Die IC-Verbindungen auf der Strecke Norddeich–Emden–Oldenburg–Bremen–Hannover–Magdeburg–Leipzig fallen aus. Weitere Fernverkehrszüge werden über Braunschweig und Hildesheim umgeleitet; dort sind Verspätungen von 20 bis 30 Minuten möglich.
Busse statt S-Bahn und Regionalbahn
Im Nahverkehr fährt die Regionalbahn RE 30 derzeit nur zwischen Dollbergen in der Gemeinde Uetze und Wolfsburg. Zwischen Hannover und Dollbergen ist ein Bus-Ersatzverkehr eingerichtet.
Die S-Bahn-Linie S3 fällt vollständig aus. Ersatzbusse fahren zwischen Hannover Hauptbahnhof und Lehrte sowie zwischen Lehrte und Hildesheim. Zusätzlich entfallen vier Fahrten der Linie S7. Zwischen Hannover, Lehrte und Hildesheim wurde außerdem ein Busnotverkehr eingerichtet.
Wegen eines weiteren Oberleitungsschadens in Neustadt am Rübenberge bestehen bereits seit Mittwoch zusätzliche Einschränkungen. Für Reisende ist das eine ziemlich zähe Mischung: Umsteigen, warten, wieder umsteigen. Die Bahn empfiehlt deshalb, die Verbindung vor der Reise im DB Navigator oder in der Fahrplanauskunft zu prüfen.
Häufen sich die Schäden an den Oberleitungen?
Oberleitungskabel der Bahn bestehen aus Kupfer und haben einen Durchmesser von etwa einem Zentimeter. Sie versorgen die Züge mit Strom, sind aber Umwelteinflüssen ausgesetzt. Wiederholt stürzten zuletzt Oberleitungen herab, am Wochenende etwa auf der ICE-Strecke Berlin–Leipzig. In den vergangenen Monaten gab es im gesamten Netz der Deutschen Bahn mehrfach Zugausfälle und Verspätungen wegen beschädigter Leitungen.
Fachleute führen die Häufung auf einen jahrelangen Investitionsstau zurück. Lars Schnieder, Professor für Eisenbahnwesen und Verkehrssicherung an der TU Braunschweig, sagt, das Oberleitungsnetz spiegle den allgemeinen Zustand der Schieneninfrastruktur wider. In den vergangenen Jahrzehnten sei zu wenig in den Erhalt der Anlagen investiert worden, dadurch habe sich ein Rückstand bei Erneuerungen aufgebaut.
Das Oberleitungsnetz der Deutschen Bahn umfasst knapp 60.000 Kilometer. Gut 11 Prozent gelten derzeit als in schlechtem Zustand und müssen repariert oder ersetzt werden. Bis 2045 soll sich die Länge der sanierungsbedürftigen Oberleitungen auf insgesamt etwa 19.000 Kilometer erhöhen. Diese Angaben stammen aus einer Antwort der Bundesregierung auf eine Kleine Anfrage der Grünen im Bundestag vom September.
Bahnsprecher Achim Stauß räumt den Investitionsrückstau ein. Zugleich seien die Bundesmittel, auch durch das Sondervermögen des Bundes, zuletzt deutlich gestiegen. Die Investitionen in Oberleitungen erhöhten sich von 106 Millionen Euro im Jahr 2021 auf mehr als 238 Millionen Euro im Jahr 2024. Die Bahn erwartet künftig weitere Steigerungen der Investitionen.
Ein akutes Sicherheitsrisiko für Fahrgäste sieht der Fahrgastverband Pro Bahn dennoch nicht. Stauß zufolge stellen die Oberleitungen wegen regelmäßiger Wartungen und Prüfungen kein gravierendes Sicherheitsrisiko dar. Im Streckenabschnitt bei Wittenberg, in dem am Samstag eine Oberleitung auf einen ICE stürzte, seien keine sicherheitsrelevanten Mängel festgestellt worden; die genaue Ursache des Vorfalls ist noch ungeklärt.
Auch Pro Bahn sieht für Fahrgäste im Zug oder am Bahnsteig grundsätzlich keine akute Gefahr. Der stellvertretende Pro-Bahn-Bundesvorsitzende Michael Koch verweist auf verschiedene vorgeschriebene Wartungsstufen – von Sichtkontrollen bis zur detaillierten Prüfung mit einem Turmwagen. Das Eisenbahn-Bundesamt führt Stichprobenkontrollen an Oberleitungen durch, weist aber darauf hin, dass die Bahn in erster Linie selbst für die Sicherheit verantwortlich ist.
Pro Bahn fordert seit Längerem eine neue Finanzierung der Infrastruktur mit stärkerem Fokus auf die Schiene statt auf Autobahnen. Als mögliche Alternative zu elektrisch betriebenen Zügen mit Oberleitung nennt Bahnexperte Schnieder Batteriezüge, insbesondere im Regional- und Nahverkehr. Batteriezüge verkehren bereits heute auf Strecken ohne Oberleitungen.
