Österreichs Bauwirtschaft entdeckt den Rohstoff vor der eigenen Haustür
Österreichs Bauwirtschaft steht vor einer gewaltigen Rechenaufgabe: Jährlich gelangen rund 77 Millionen Tonnen Baustoffe in Gebäude, Straßen und Infrastrukturen. Pro Person entspricht das einem „Baustoff-Rucksack“ von etwa 360 Tonnen – ungefähr so viel wie ein Airbus A380. Gleichzeitig fallen rund 49 Millionen Tonnen Bauabfälle an. Viel Material kommt also hinein, vieles wieder heraus.
Die TU Wien hat im Auftrag der STRABAG untersucht, wie die Kreislaufwirtschaft im österreichischen Bauwesen vorankommen kann. Wissenschaftlich geleitet wurde die Studie von Iva Kovacic und Helmut Rechberger. Im Mittelpunkt standen Materialströme, Recycling, Re-Use, Klimaschutz, Ressourcenschonung, Kosten und verfügbare Deponiekapazitäten. Anlass genug: Österreich will bis 2040 klimaneutral werden, während die ressourcenintensive Bauwirtschaft einen erheblichen Anteil am Rohstoffverbrauch, am Abfallaufkommen und an den CO₂-Emissionen verursacht.
Vom Baustoff-Rucksack zum Materiallager
Bau- und Abbruchabfälle werden derzeit zu 78 Prozent stofflich verwertet. Das klingt zunächst ordentlich, hat aber einen Haken: Ein erheblicher Teil wird lediglich downgecycelt. Aus hochwertigen Baustoffen werden dann etwa Materialien mit geringerer Qualität oder Untergrundfüllungen. Hochwertige Kreisläufe könnten dagegen Rohstoffe schonen, CO₂-Emissionen verringern und den Druck auf Deponien lindern.
Damit das bestehende Materiallager künftig wirklich genutzt werden kann, braucht es moderne Recyclingtechnologien, bessere Daten zur Materialzusammensetzung und passende Rahmenbedingungen. Gerade bei älteren Gebäuden weiß heute oft niemand exakt, was in Wänden, Decken oder Fassaden steckt. Ohne verlässliche Informationen wird Wiederverwenden schnell zum Blindflug.
Das größte ungenutzte Potenzial sieht die Studie beim Bodenaushub. Rund 38 Millionen Tonnen fallen davon jährlich an. Das entspricht 57 Prozent des gesamten österreichischen Abfallaufkommens. Technisch wären etwa 90 Prozent verwertbar, tatsächlich werden derzeit aber nur 21 Prozent stofflich genutzt. Knapp 60 Prozent landen auf Deponien. Der übrige Anteil wird statistisch weder der Deponierung noch der Verwertung zugeordnet – etwa wegen Lagerveränderungen oder anderer Zuordnungen während der Behandlung. Was verwertet wird, endet überwiegend im Downcycling, zum Beispiel als Untergrundfüllung.
Nach Branchenangaben werden sogar bis zu 80 Prozent des anfallenden Bodenaushubs deponiert. Die Zahlen beziehen sich auf unterschiedliche Betrachtungen: Aushubmaterialien machen rund 57 Prozent der etwa 64 Millionen Tonnen Abfall in Österreich aus. Klar ist trotzdem, dass hier gewaltige Mengen bewegt werden – und noch gewaltigere Chancen liegen bleiben. Konkrete Anwendungen könnten kurzfristig zu einer Verdopplung der Recyclingraten führen.
Neue Regeln für Aushub und Recycling
Die geplante Aushubverordnung soll einen Systemwechsel einleiten. Aushub soll stärker als Rohstoff und weniger als Abfall behandelt werden. Regulatorische Hürden sollen fallen, technische Standards verbindlicher angewendet werden. Vorgesehen ist unter anderem, Aushub zu Gesteinskörnungen aufzubereiten. Für definierte Qualitätsklassen wie A1, A2 und A2-G ist ein vorzeitiges Abfallende geplant. Eine verpflichtende Sieblinie für Gesteinskörnungen und klarere Anwendungsdefinitionen sollen dazukommen. Selbst sprachlich ändert sich etwas: Der Begriff „Verfüllungen“ soll durch „Erdbaumaßnahmen“ ersetzt werden.
Ab einer Menge von 10.000 Tonnen Aushub soll künftig ein Verwertungskonzept verpflichtend werden. Eine neue digitale Plattform soll Angebot und Nachfrage bei Bodenaushub und Baustoff-Recycling zusammenbringen. Das könnte Transportwege verkürzen, Ressourcen effizienter nutzen und vorhandene Recyclingkapazitäten besser auslasten – statt dass Lkw mit Material durch Österreich fahren, während anderswo genau dieses Material fehlt.
Auch bei Vegetationstragschichten kommt Bewegung hinein. Mit der neuen ÖNORM B 1131 wurden erstmals standardisierte Lösungen festgelegt. Hintergrund sind zunehmende klimatische Extreme, darunter Starkregenereignisse mit bis zu 400 Millimetern Niederschlag innerhalb weniger Tage. Die Norm unterscheidet zwischen der Herstellung der Tragschicht und der anschließenden Begrünung. Dadurch können Recyclingmaterialien wie Ziegelgranulat gezielt eingesetzt werden. Österreich nimmt bei diesen standardisierten Vegetationstragschichten laut Branchenangaben eine Vorreiterrolle in Europa ein.
Deponieverbote sollen den Wandel zusätzlich anschieben. Seit 2024 gelten Verbote für die Deponierung von Beton, Asphalt und Gleisschotter. Ab 2026 sollen auch Gipsplatten von der Deponierung ausgeschlossen werden. Eine weitere Novelle der Deponieverordnung soll den Umgang mit PFAS neu regeln; eine umfassendere Reform könnte 2027 in Kraft treten.
Re-Use spart Emissionen und mitunter Geld
Die systematische Wiederverwendung ganzer Bauteile wird bislang kaum eingesetzt. Dabei zeigen Referenzprojekte CO₂-Einsparungen von bis zu 91 Prozent durch Re-Use. Wiedergewonnene Materialien sind teilweise rund 20 Prozent günstiger als neue Produkte. Kreislaufoptimierte Gebäude können über ihren gesamten Lebenszyklus geringere Kosten verursachen als konventionelle Bauweisen.
Besonders viel bringt die Wiederverwendung von Primärkonstruktionen und tragenden Bauteilen. Sie umfassen die größten Materialmengen eines Gebäudes. Ein ausgebauter Träger, eine Decke oder ein anderes tragendes Element ist eben nicht bloß irgendein Bauteil, sondern steckt voller Material, Energie und bereits geleisteter Arbeit.
Die TU Wien und STRABAG empfehlen deshalb praxistauglichere Qualitätskriterien für Recyclingbaustoffe, mehr regulatorischen Spielraum für die Verwertung von Bodenaushub und einen verpflichtenden Gebäuderessourcenpass. Vor Abrissen sollen standardisierte Re-Use-Checks stattfinden. In der öffentlichen Beschaffung könnten verbindliche Zirkularitätskriterien gelten. Dazu kommen Förderungen für Forschung und Pilotprojekte sowie eine standardisierte Zertifizierung von Re-Use-Bauteilen.
Mehr Recycling im Beton – ohne Qualitätsverlust
Wie weit technische Lösungen bereits sind, zeigt das Forschungsprojekt UPCRETE!. Es untersucht höhere Recyclinganteile in Beton. Die bisherigen Ergebnisse zeigen, dass mehr Recyclingmaterial möglich ist, ohne Druckfestigkeit und Materialqualität zu verschlechtern.
Parallel laufen Untersuchungen zur Trocken-Nass-Aufbereitung und zu sensorbasierten Sortiertechnologien. Störstoffe sollen gezielt entfernt, die Qualität von Recycling-Baustoffen verbessert werden. Beim BRV-Tag des Österreichischen Baustoff-Recycling Verbands standen genau diese Fragen im Mittelpunkt: Bodenaushub, Baustoff-Recycling und neue regulatorische Vorgaben. Entwicklungen aus Forschung, Regulierung und praktischer Anwendung wurden dort zusammengeführt.
Die Kreislaufwirtschaft im österreichischen Bauwesen gewinnt damit politisch, technisch und organisatorisch an Bedeutung. Der Weg ist allerdings noch kein gerader Neubau mit sauberem Plan: Es geht um Daten, Normen, Genehmigungen, Sortieranlagen, Baustellenpraxis und um die Bereitschaft, gebrauchte Bauteile nicht automatisch als zweitklassig abzuschreiben.
Die Studie der TU Wien wurde am 25. September 2026 veröffentlicht. Für die Bauwirtschaft heißt das vor allem: Der nächste große Rohstoff liegt nicht unbedingt im Steinbruch. Manchmal liegt er schon nebenan – auf der Baustelle, im Rückbau oder unter einer Schicht Boden.
