Baustelle am Rhein: Bauarbeiter füllen Hotelzimmer, während Touristen ausbleiben
Die Generalsanierung der rechten Rheinstrecke zwischen Wiesbaden und Troisdorf ist eine der größten Bahn-Baustellen Deutschlands. Rund 2.350 Menschen arbeiten nach Angaben der Deutschen Bahn an der Strecke. Für Hotels und Gaststätten am Mittelrhein ist das spürbar – allerdings nicht überall gleich.
Während einige Betriebe über weniger Touristen klagen, haben andere in den Bauarbeitern neue Gäste gefunden. Zwischen Baustellenverkehr, langen Schichten und leereren Fremdenzimmern verschiebt sich der Alltag im Tal. Die Bahn soll die Strecke nach fünfmonatiger Sperrung planmäßig am 12. Dezember wieder freigeben.
Weniger Urlauber, volle Zimmer mit Handwerkern
Arno Geisel, der in St. Goarshausen das „Loreley Weinstübchen“ mit neun Fremdenzimmern und Ferienwohnungen betreibt, hat im Sommer deutlich weniger Touristen beherbergt als üblich. Zeitweise kamen Bauarbeiter als Gäste. Deren Übernachtungen glichen den Ausfall der Urlauber nach Geisels Angaben aber nur geringfügig aus. Viele Arbeiter hätten Zwölf-Stunden-Schichten und seien danach zu erschöpft für längere Aufenthalte im Lokal.
Ganz anders sieht es im Hotel „Rheingraf“ in Kamp-Bornhofen aus. Uwe Girnstein führt den Betrieb seit 2016 gemeinsam mit seiner Lebensgefährtin. Das Haus liegt etwa 140 Meter von den Gleisen entfernt. Schon bei früheren, kleineren Baustellen hatte Girnstein Bahnarbeiter beherbergt. Zu Beginn der Generalsanierung bot er einer rund 40-köpfigen Gruppe Mittag- oder Abendessen zu einem bezahlbaren Preis an.
Sein Hotel bleibt trotz der veränderten Lage durchgehend geöffnet. Inzwischen ist es für viele Arbeiter eine feste Anlaufstelle. Auf der Speisekarte stehen unter anderem ein „Handwerkerteller“ und natürlich Übernachtungen. Alle 30 Zimmer seien durchgehend belegt, sagt Girnstein. Abends säßen teilweise etwa 50 Handwerker verschiedener Firmen auf der Terrasse – ein ziemlich anderer Sommer als jener, den sich ein Ausflugstal normalerweise wünscht.
Die Arbeiter kommen aus verschiedenen Teilen Deutschlands an den Mittelrhein. Bauleiter Hagen Eberhard aus dem Erzgebirge lobt Girnsteins Verpflegung und die Zusammenarbeit. Sein Team baut derzeit eine Unterführung in St. Goarshausen-Wellmich. Girnstein liefert das Essen direkt an die Baustelle, wo es nach langen Stunden vermutlich weniger auf feine Tischdekoration als auf eine ordentliche Portion ankommt.
Offene Türen trotz Baustellenalltag
Zusätzliche Ruhetage könnten zwar Personalkosten sparen, meint Girnstein. Für das Tal würde sich die Lage dadurch aber weiter verschärfen, weil Besucher dann vor verschlossenen Türen stünden. Trotz der derzeitigen Abhängigkeit von den Bauarbeitern hofft er auf die Rückkehr der Touristen.
Die Generalsanierung endet technisch allerdings nicht mit jedem sichtbaren Baufortschritt. Die DB InfraGO AG hat auf Nachfrage weitere Details zur laufenden Sanierung zwischen Troisdorf und Wiesbaden veröffentlicht. Demnach dauern Arbeiten an der Leit- und Sicherungstechnik voraussichtlich länger als ursprünglich angekündigt und reichen teilweise über Ende 2026 hinaus.
Mehr Signale und ETCS für die Strecke
An mehreren Engpassstellen sowie im Zusammenhang mit dem Ankerprojekt S13 sollen zusätzliche Blocksignale installiert werden. Für die geplante vollständige Inbetriebnahme des European Train Control System, kurz ETCS, bis Ende 2027 ist außerdem eine umfassende ETCS-Blockverdichtung vorgesehen. Insgesamt sollen knapp 200 zusätzliche Blocksignale entstehen.
Damit soll eine dichtere und flexiblere Betriebsführung möglich werden, insbesondere für Züge, die mit ETCS ausgerüstet sind. Der Abschnitt zwischen Oberlahnstein und Kaub ist bereits mit ETCS Level 2 in Betrieb. Bis Ende 2027 soll die gesamte Strecke zwischen Troisdorf und Wiesbaden mit ETCS Level 2 mit Signalen ausgerüstet werden.
Auch bei den Stellwerken wird umgebaut. Veraltete Stellwerke sollen durch elektronische Stellwerke ersetzt, bestehende Anlagen an neue betriebliche Anforderungen angepasst werden. Wegen des Umfangs der Sanierungen an Gleisen, Weichen, Brücken und Verkehrsstationen werden jedoch nicht alle Stellwerksmaßnahmen bis Dezember 2026 abgeschlossen. Einzelne Inbetriebnahmen sollen sich laut DB InfraGO bis Juli 2027 verschieben.
Vollständige Angaben zu konkreten Stellwerksstandorten und technischen Ausführungen veröffentlicht die Bahn aus Sicherheitsgründen nicht. Die geplanten Maßnahmen erhöhen die technische Leistungsfähigkeit der rechten Rheinstrecke. Mehr Signale, moderne Stellwerkstechnik und ETCS können engere Zugfolgen erlauben – auf einer Strecke, die für Güter- und Personenverkehr gleichermaßen wichtig ist.
Mehr Kapazität, aber auch mehr Verantwortung
Die Bürgerinitiative erwartet durch die technische Modernisierung ein Potenzial für dichtere Zugfolgen und eine intensivere Nutzung durch Güter- und Personenverkehr. Sie fordert deshalb zusätzlich ein übergeordnetes Konzept zur Entlastung des Mittelrheintals.
Nach Darstellung der Initiative fehlt weiterhin eine verbindliche Perspektive, wie die Belastungen für die Anwohner nachhaltig verringert werden können. Neben Bund und Deutscher Bahn sieht sie auch Rheinland-Pfalz und Hessen in der Verantwortung. Lärmschutz, Gesundheitsvorsorge und langfristige Perspektiven für die Anwohner müssten gleichrangig berücksichtigt werden.
Für die Betriebe am Fluss bleibt der Blick damit zweigeteilt: Im „Rheingraf“ brennen die Lichter, die Terrasse ist voll und der Handwerkerteller geht raus. Im „Loreley Weinstübchen“ fehlen dagegen viele der Menschen, die sonst wegen Rheinblick, Loreley und ein paar ruhiger Urlaubstage kommen. Wenn die Züge am 12. Dezember wieder fahren, wird sich zeigen, wie rasch auch die Touristen zurückkehren – und was von der Baustelle im Alltag des Mittelrheintals bleibt.
