Deutschland hat aus britischer Sicht lange etwas Teures, Schwerfälliges und ziemlich Humorloses gehabt. William Cook, der nach eigenen Angaben seit den frühen 1990er-Jahren aus Deutschland berichtet, hat sich für den britischen „Telegraph“ anlässlich des Oktoberfests einige dieser Bilder vorgenommen: Lederhosen, Bier, Essen, Umgangsformen und Städte. Sein Eindruck: Vieles davon ist überholt – oder deutlich komplizierter, als es auf den ersten Blick wirkt.

Auch im Bau- und Reisealltag zeigt sich, wie hartnäckig solche Bilder sein können. Vorurteile und Stereotype sind vereinfachte Vorstellungen, nach denen alle Menschen einer Gruppe gleich seien. Früher reisten viele Menschen wenig und kannten andere Länder hauptsächlich aus Erzählungen, Büchern oder Berichten von Händlern. So entstanden Bilder, die sich manchmal erstaunlich lange halten.

Weniger teuer als gedacht – mit Einschränkungen

Deutschland galt früher als teures Reiseziel. Laut „Telegraph“ seien Unterkünfte, Restaurantbesuche und öffentliche Verkehrsmittel inzwischen günstiger als in Großbritannien. Als durchschnittliche Zimmerpreise nennt der Artikel 98 Euro pro Nacht in Deutschland, 113 Euro in Frankreich, 130 Euro in Spanien und 169 Euro in Italien. Besonders ländliche Regionen und Ostdeutschland böten vergleichsweise günstige Urlaubsziele.

Ganz so glatt lässt sich dieser Vergleich mit aktuellen Daten allerdings nicht mehr bestätigen. Der Hotelverband Deutschland nennt für 2025 einen durchschnittlichen Netto-Zimmerpreis von 109 Euro. Nach Angaben des Statistischen Bundesamts waren Hotels und Restaurants zusammen zuletzt etwa in Spanien und Italien günstiger als in Deutschland. Das vermeintliche Schnäppchenland ist also keineswegs überall eines – manchmal entscheidet schon der Ort, nicht die Landesgrenze.

Wer an deutsche Küche denkt, hat schnell schwere Teller, knusprige Krusten und Bierkellergeruch in der Nase. Die traditionelle Bierkellerküche ist tatsächlich deftig. Gleichzeitig gibt es vor allem in Großstädten eine große Auswahl an vegetarischen, veganen und internationalen Angeboten. Mehr als 300 Michelin-Sterne-Restaurants, offiziell sind es 339, passen jedenfalls schlecht zum Bild vom ewigen Sauerkrauttopf. Die Autorin von Slow German schreibt sogar, dass sie höchstens einmal pro Jahr Sauerkraut isst.

Zwischen Lederhose, Küste und Kulturorten

Die Lederhose ist eine Tradition aus Bayern und wird in vielen anderen Regionen Deutschlands gar nicht getragen. Weltweit gilt sie trotzdem als Symbol für Deutschland. Besucher Berlins können deshalb enttäuscht sein, wenn ihnen dort nur wenige Menschen in Lederhose begegnen. Zumal auch der Bierkrug nicht überall dazugehört: In vielen Gegenden wird lieber Wein getrunken – je nachdem, ob Weinberge oder Hopfengärten die Landschaft prägen.

Norddeutsche gelten als ruhig und wenig gesprächig, Süddeutsche als besonders gemütlich. Solche Schubladen können unterhaltsam sein, solange man sie nicht ernst nimmt. Schwieriger wird es, wenn jemand ausschließlich danach beurteilt wird. In Deutschland kann es etwas dauern, bis man einen Menschen näher kennenlernt; danach zeigen sich viele offen und herzlich. Das ist eine andere Art, mit neuen Personen umzugehen, nicht automatisch Unfreundlichkeit.

Cook hält auch das Bild vom unterschätzten Deutschland als Reiseland für bemerkenswert. Die Nord- und Ostseeküste mit ihren Sandstränden, Badeorten und Inseln wie Sylt, Norderney und Rügen werde von britischen Touristen oft übersehen. Dazu kommen der Bodensee, die Weinregionen Rheingau und Rheinhessen sowie die Seen rund um Berlin. Dresden, Leipzig und Weimar haben sich seit der Wiedervereinigung kulturell und touristisch weiterentwickelt. Ehemalige Industriestädte im Westen wurden attraktiver, weil alte Fabriken und Bergwerke in Kulturorte umgewandelt wurden. Wo früher Maschinenlärm und Kohlenstaub dominierten, stehen heute Ausstellungen, Bühnen oder Veranstaltungsräume.

Das Klischee vom ernsten Deutschen hält sich ebenfalls. Ein typisches Bild verbindet Pünktlichkeit, distanziertes Auftreten, wenig Lachen und korrekte Kleidung. Ganz falsch ist das nicht, aber eben nur halb. Es gibt ernste Menschen, genauso wie viele, die gern Witze machen und fröhlich sind. Deutschen Humor findet man unter anderem im Kabarett, etwa bei Jochen Malmsheimer und Loriot. Oft ist er trocken und für englischsprachige Besucher nicht sofort zu erkennen.

In Filmen und Serien werden Deutsche zudem häufig mit einer an Adolf Hitler erinnernden Sprechweise dargestellt und als unfreundlich oder böse gezeigt. Das ist ein ziemlich grobes Raster. Cook beschreibt Deutsche als direkt und teilweise schroff, zugleich aber zuverlässig. Hinter der nüchternen Außenwirkung sieht er Naturfreunde, Romantiker und Exzentriker – also Menschen, die am Wochenende wandern gehen, Gedichte mögen oder sich mit großem Ernst einem völlig eigenwilligen Hobby widmen.

Pünktlichkeit mit Verspätungsanzeige

Von Zügen, Bussen und Verabredungen wird in Deutschland erwartet, dass sie planmäßig beginnen. Pünktlichkeit ist für viele Menschen wichtig. Und dann ist da die Deutsche Bahn. Im Oktober 2025 hatte jeder zweite Fernzug in Deutschland Verspätung. Als Gründe werden zahlreiche Baustellen und ein marodes Schienennetz genannt. Cook meint deshalb, die Bahn tauge inzwischen kaum noch als Beleg für deutsche Zuverlässigkeit; auch Städte seien nicht immer perfekt organisiert.

Das Bild deutscher Effizienz sieht er skeptischer als viele Großbritannien-Klischees. Deutschland sei weniger teuer, weniger langweilig und weniger humorlos, als manche britische Vorstellung nahelegt – möglicherweise aber auch weniger effizient. Der Satz sitzt, ein bisserl. Im Baustellenland Deutschland kennt man diesen Widerspruch ohnehin: Der Plan hängt sauber aus, während daneben seit Monaten ein Bauzaun steht.

Klischees erkennen, bevor sie festkleben

Vorurteile entstehen häufig aus Unkenntnis oder Angst vor Neuem. Politische Gruppen haben negative Stereotype wiederholt genutzt, um Menschen zu trennen und zu verletzen. Organisationen, Schulen und Projekte in Deutschland informieren deshalb darüber, wie solche Vorstellungen entstehen und wie man sie erkennt. Die Empfehlung der Slow-German-Autorin ist denkbar schlicht: andere Menschen kennenlernen und mit ihnen sprechen.

Auch der internationale Blick auf Deutschland ist nicht nur eine Sammlung von Lederhosen, Verspätungen und trockenen Witzen. Das Goethe-Institut wollte mit der „Außenblick“-Studie ein möglichst vollständiges Bild davon gewinnen, wie Deutschland international wahrgenommen wird. Befragt wurden Menschen aus verschiedenen Ländern und gesellschaftlichen Bereichen, um wiederkehrende und verbreitete Wahrnehmungsmuster zu erkennen.

Dabei ging es auch um Fragen, die weit über Urlaubsbilder hinausreichen: Klimawandel, soziale Spannungen, Flucht und Migration, Digitalisierung sowie Veränderungen der Arbeitswelt. Nach Einschätzung der Befragten müssen diese Themen global diskutiert werden; dafür braucht es internationalen Austausch.

Viele Befragte berichteten aus persönlicher Erfahrung, dass Deutschkenntnisse den Integrations- und Ankommensprozess erleichtern. Das Goethe-Institut sieht sich dadurch darin bestärkt, seine Angebote zum Deutschlernen weiterzuentwickeln. Dem internationalen Kultur- und Wissenschaftsaustausch wird ebenfalls hohe Bedeutung zugeschrieben. Die Befragten beschrieben ihn als fair, vielfältig, kreativ und kooperativ.

Das passt zu einem Deutschlandbild, das nicht bei Bier und Bahn enden muss. Das Goethe-Institut will seinen inklusiven Ansatz fortführen, zuhören und die eigene Arbeit regelmäßig überprüfen. Und wer noch ein altes Vorurteil über Deutschland im Kopf hat – oder eines, das längst aufgegeben wurde –, kann es zur Diskussion stellen. Manchmal beginnt die Korrektur mit einem Gespräch. Oder mit einem Zug, der ausnahmsweise pünktlich einfährt.

Quellen: Business Insider, Slow German und deutschland.de. Stand: 29.09.2026. Ort: Bahnbau.