Seit der Nacht zum Samstag, dem 26. September 2026, steht der Bahnverkehr rund um Gelsenkirchen wegen eines mutmaßlichen Kabeldiebstahls still. Im Stadtteil Gelsenkirchen-Ückendorf, an der Almastraße, durchtrennten Unbekannte entlang der Gleise mehrere Kabel und entfernten sie teilweise. Signalanlagen und Steuerungskabel wurden beschädigt – mit Folgen, die weit über ein paar ausgefallene Züge hinausreichen.

Am Samstagmorgen war laut Zuginfo.nrw der gesamte Großraum Gelsenkirchen vorübergehend nicht befahrbar. Der Hauptbahnhof Gelsenkirchen ist seit 4:55 Uhr morgens nicht per Zug erreichbar. Zahlreiche Verbindungen fielen aus oder wurden umgeleitet, darunter auch Fernzüge auf den Strecken Dortmund–München, Hamburg–Basel und Norddeutschland–Köln.

Umleitungen und Ersatzbusse

Die Polizei wurde gegen 4.55 Uhr informiert. Wann die Reparaturen abgeschlossen sein würden, war zunächst unklar; kurzfristige Änderungen im Fahrplan blieben möglich. Der Regionalexpress RE1 zwischen Dortmund und Düsseldorf wurde ohne Zwischenhalte über Essen umgeleitet. Züge des RE2 begannen und endeten in Wanne-Eickel.

Andere Züge auf dem betroffenen Streckenabschnitt endeten vorzeitig oder nahmen weiträumige Umwege. Für einige Verbindungen setzte die Bahn Ersatzbusse ein. Für Reisende bedeutete das: aussteigen, warten, nachschauen, wieder warten. Ein Samstagmorgen, der auf den Bahnsteigen rund um Gelsenkirchen ziemlich lang werden konnte.

Die Täter sind bislang unbekannt. Ermittler der Bundes- und Landespolizei sicherten am Tatort Spuren, während die Polizei Gelsenkirchen weiter ermittelt. Hinweise können telefonisch unter 0209 365 8240 oder 0209 365 8112 gemeldet werden.

Warum wenige Kabel so viele Züge stoppen

Signal- und Kommunikationskabel versorgen häufig ganze Streckenabschnitte mit Blocksignalen, Bahnübergängen und Zugfunk. Fällt ein zentraler Verteilerpunkt aus, verliert der Fahrdienstleiter die Kontrolle über den betroffenen Abschnitt. Aus Sicherheitsgründen müssen dann alle Züge anhalten – nicht nur jene, die unmittelbar an der beschädigten Stelle unterwegs sind.

Digitale Stellwerke bündeln Steuerungsfunktionen zusätzlich. Das macht Abläufe effizienter, kann bei einem Schaden aber auch die Auswirkungen vergrößern. Kabel verlaufen teilweise sichtbar entlang der Gleise, sind damit relativ leicht zugänglich und nur begrenzt baulich geschützt. Außerdem liegen Haupt- und Reserveleitungen teilweise im selben Kabelgraben. Dann hilft die Reserve bei einem Schaden möglicherweise ebenfalls nicht mehr.

Kein Einzelfall im Bahnnetz

Die Deutsche Bahn registrierte im ersten Halbjahr 2026 rund 2.200 Vorfälle an ihrer Infrastruktur durch Sabotage, Brandstiftung, Metalldiebstahl und andere gefährliche Eingriffe. Das waren 7 Prozent mehr als im Vorjahreszeitraum. Die Vorfälle verursachten mehr als 220.000 Verspätungsminuten.

Wie empfindlich solche Infrastruktur ist, zeigte sich am 14. Juli 2026 bei einem Brand in einem Verteilerkasten nahe Neu-Wulmstorf. Dabei wurden Signalkabel beschädigt, 200 Personenzüge fielen aus und 19 Güterzüge wurden gestoppt. Die Motive hinter solchen Vorfällen können unterschiedlich sein: Manchmal geht es um Diebstahl, manchmal um gezielte Sabotage – und nicht immer ist sofort klar, was dahintersteckt.

Bereits im Oktober 2022 legten zwei durchtrennte Glasfaserkabel nahe Herne und Berlin-Karow den Zugverkehr in Norddeutschland für rund drei Stunden lahm. Zunächst wurde wegen Verfassungssabotage ermittelt, später galten mutmaßliche Kupferdiebe als mögliche Täter.

Neue Pflichten für Betreiber kritischer Anlagen

Seit März 2026 verpflichtet das vom Bundestag im Januar beschlossene KRITIS-Dachgesetz Betreiber kritischer Anlagen zu Maßnahmen für physische Resilienz und zur Meldung relevanter Vorfälle. Gemeinsam mit NIS2 berücksichtigt der regulatorische Rahmen neben Cyberangriffen auch Sabotage, technische Ausfälle und Naturgefahren.

Für Betreiber kritischer Technik heißt das, physische und digitale Schutzmaßnahmen gemeinsam zu planen und einzelne physische Ausfallpunkte zu identifizieren. Gerade bei Bahnstrecken kann ein durchtrenntes Kabel reichen, damit Signale verstummen, Steuerungen ausfallen und ein ganzer Knotenpunkt plötzlich stillsteht.