Am 27. September 1986 fuhr der letzte Personenzug von Fulda über Götzenhof nach Hilders und zurück. An diesem Tag endete die Geschichte der Rhönlinie im Personenverkehr. Heute rollen dort Fahrräder statt Schienenbusse: Auf der ehemaligen Bahntrasse verläuft der Milseburgradweg, durch den Milseburgtunnel führt Hessens längster Radwegtunnel.

Zur letzten Fahrt kamen Eisenbahnfreunde aus der Region. An der Lokomotive hing ein Kranz, an den Haltestellen winkten Menschen dem Zug hinterher. Helmut Dörig aus Petersberg kannte die Strecke aus eigener Erfahrung: Drei Jahre lang fuhr er mit der Bahn zur Konrad-Zuse-Schule nach Hilders. Er erinnert sich an laute, ruckelnde Fahrten im roten Schienenbus, an die Durchfahrt durch den Milseburgtunnel und an Verspätungen, wenn der Zug im Winter im Schnee stecken blieb.

Vom Rhönklub angestoßen

Die Bahnstrecke Götzenhof–Wüstensachsen war eine eingleisige Nebenbahn in Hessen. Sie trug die Streckennummer 3820, war 35,3 Kilometer lang und in Normalspur mit 1435 Millimetern ausgeführt. Gebaut wurde sie abschnittsweise zwischen 1889 und 1916. Über Hofbieber und Hilders führte die Trasse nach Wüstensachsen; bis Hilders hieß sie Biebertalbahn, ab Hilders Rhönbahn.

Schon 1880 gründete der Rhönklub eine Initiative zur besseren Erschließung der nördlichen Rhön. 1885 beschloss der Kommunallandtag in Kassel die Planung, 1886 wurde das Gesetz zum Bau der Eisenbahn Fulda–Hilders–Tann erlassen. Kaiser Wilhelm I. bewilligte am 19. April 1886 dafür 3,25 Millionen Mark. Der Bau wurde vor allem durch Güterverkehr und Tourismus vorangetrieben.

Der erste Abschnitt von Fulda über Götzenhof, Melzdorf-Almendorf, Wiesen, Niederbieber, Langenbieber und Bieberstein wurde am 1. Juni 1889 eröffnet. Anfangs fuhren täglich drei Zugpaare je Richtung. In Götzenhof bestand Anschluss an die Bahnstrecke Frankfurt–Göttingen, wobei die Züge meist bis zum Bahnhof Fulda weiterfuhren. Götzenhof war Trennungsbahnhof, besaß aber keine Bahnsteige an der Hauptstrecke nach Göttingen.

Für die Weiterführung nach Hilders entstand der 1,1 Kilometer lange Milseburgtunnel. Der von 1887 bis 1889 gebaute Tunnel war Ende 1889 nach gut zwei Jahren Bauzeit fertig und wurde in den Streckenverlauf integriert. Das zweite Teilstück von Bieberstein über Elters, den Bahnhof Milseburg, Rupsroth und Eckweisbach nach Hilders wurde am 12. Dezember 1890 feierlich eröffnet. Die Stationen lagen dicht an dicht in der Landschaft: Götzenhof, Melzdorf-Almendorf, Wiesen, Niederbieber, Langenbieber, Bieberstein, Elters, Milseburgtunnel, Milseburg, Rupsroth, Eckweisbach, Aura, Hilders, Brandbach, Batten, Seiferts und Wüstensachsen.

Die Bahn überquerte unter anderem die Haune und die Ulster. Die Ulsterbrücke bei Batten war 95 Meter lang. Größte Station war Hilders mit acht Weichen und 450 Metern Nebengleisen; dort mündete beziehungsweise zweigte in Aura die Bahnstrecke Vacha–Hilders ein. Für die Rhöner Wirtschaft öffneten sich neue Wege: Holz, Basalt und Vieh konnten in größere Städte gebracht werden, Kolonial- und Manufakturwaren, Hopfen und Getreide gelangten in die Rhön.

Braunkohle, Basalt und volle Züge

Die Strecke Hilders–Tann wurde am 1. Juni 1891 eröffnet. Eine Verlängerung nach Wüstensachsen war bereits 1907 geplant. Sie sollte vor allem den Abtransport von Braunkohle aus Melperts und Basalt aus Seiferts ermöglichen. Für die Braunkohleförderung im Schacht St. Barbara am Lettengraben bei Wüstensachsen war bei Melperts ein Gleisanschluss vorgesehen. Deshalb wurde die Strecke am östlichen Ufer der Ulster trassiert; der Bahnhof Hilders wurde als Schnittpunkt mit der Bahnstrecke Vacha–Hilders erheblich erweitert.

1916, mitten im Ersten Weltkrieg, wurde die Strecke in Richtung Wüstensachsen eingeweiht. Das letzte Teilstück Hilders–Wüstensachsen ging am 1. Februar 1916 in Betrieb. Beim Bau wurden französische Kriegsgefangene eingesetzt. Die Strecke sollte der Ausbeutung und dem Abtransport eines vermuteten Braunkohlevorkommens im Lettengraben dienen.

Anfangs verkehrten täglich drei bis vier gemischte Personenzugpaare mit Güterbeförderung, bespannt mit Tenderlokomotiven der Baureihe T 9. Wegen des zunehmenden Verkehrs und Beschwerden der Reisenden wurden später getrennte Personen- und Güterzüge eingesetzt. In den 1920er-Jahren erreichten Fahrgast- und Frachtaufkommen auf den Strecken Fulda–Hilders–Wüstensachsen sowie Hilders–Tann ihren Höchststand.

Nach dem Zweiten Weltkrieg nutzten Arbeiter aus dem Abschnitt bis Tann und Günthers die Bahn, um Arbeitsplätze im Thüringer Kalibergbau zu erreichen. 1952 schloss die DDR die Grenze zu Hessen; diese Nutzung fiel damit weg. Auf Hilders–Tann endete der Personenverkehr 1961 mangels Nachfrage, bis 1976 fuhren dort noch wenige Güterzüge. Der Personenverkehr zwischen Hilders und Wüstensachsen wurde 1966 eingestellt.

Der letzte Personenzug von Hilders nach Wüstensachsen fuhr am 25. September 1966. Danach wurde der Abschnitt im Schienenersatzverkehr bedient. Schienenersatzverkehr und Güterverkehr zwischen Seiferts und Wüstensachsen endeten am 1. März 1970, anschließend wurden dort die Gleise abgebaut. Auf dem Abschnitt ab Seiferts fuhren bis 1993 noch Güterzüge mit Basalt und Schotter aus dem Werk Nüdling nach Fulda. Nach anderer Abgrenzung bestand der Güterverkehr auf dem verbliebenen Abschnitt noch bis Ende 1992; die vollständige Stilllegung der Strecke Götzenhof–Seiferts erfolgte am 31. Juli 1993. Im November 1995 wurden die verbliebenen Gleise abgebaut.

Das Auto gewinnt – und die Bahn verliert

In den 1950er- und 1960er-Jahren brachte das Wirtschaftswunder einen starken Anstieg des Autoverkehrs. Auf der Strecke blieben vor allem Schüler und Ausflügler als Fahrgäste. Ab den 1950er-Jahren wurde der Personenverkehr zunehmend mit Schienenbussen der Baureihe VT 98 gefahren, Güterzüge bespannten ab den 1960er-Jahren Diesellokomotiven der Baureihe V 100. In den 1980er-Jahren verlor die Bahn dennoch zunehmend Fahrgäste an das Auto. Zuletzt nutzten weniger als 500 Menschen täglich die Verbindung.

Der Fahrplan war ausgedünnt, die Anschlüsse in Fulda an den Fernverkehr schlecht. Die Schienenbusse galten als veraltet, laut und zugig, politische Unterstützung fehlte. Gleichzeitig wurde in den 1970er-Jahren der Ausbau von Autobahnen und Straßen gegenüber dem Ausbau von Nebenstrecken bevorzugt. Der Hilderser Bürgermeister Rudolf Kimpel verhinderte eine Stilllegung bereits 1978. Auch eine Interessengemeinschaft Rhönbahn konnte das Ende trotz 2500 gesammelter Unterschriften nicht verhindern.

Am 27. September 1986 war es dann so weit: Der letzte Zug fuhr von Fulda nach Hilders und zurück. Das war das Ende des Personenverkehrs auf dieser Verbindung, aber noch nicht das unmittelbare Ende der gesamten Strecke. Bis 1993 fuhren Güterzüge von Seiferts nach Fulda und transportierten Basalt und Schotter aus dem Werk Nüdling.

Was von der Trasse geblieben ist

2003 wurde zwischen Götzenhof und Hilders der Milseburgradweg auf der ehemaligen Bahntrasse angelegt. Zwischen Rupsroth und Liebhards verläuft der Radweg auf etwa einem Kilometer Länge allerdings auf einem parallel zur Bahntrasse verlaufenden Feldweg. Wer heute durch den Milseburgtunnel radelt, hört kein Rattern mehr, sondern Reifen auf dem Belag und vielleicht den