Die ukrainische Eisenbahn fährt weiter, obwohl russische Drohnen und Bomben längst zum täglichen Risiko gehören. Sie evakuiert Menschen, transportiert lebenswichtige Güter und hält Handelswege offen. Zu jedem Zeitpunkt sind bis zu 90.000 Menschen in Passagierzügen innerhalb der Ukraine unterwegs. Für das Land ist die Bahn damit weit mehr als ein Verkehrsmittel.

Nach Angaben von Ukrsalisnyzja wurden in den ersten acht Monaten 2026 mehr als 1600 Angriffe auf Züge und Bahninfrastruktur registriert. Russland verstärkt dabei die Attacken auf Lokomotiven und Bahnhöfe. Der ukrainische Bahnchef sieht dahinter mehrere Ziele: Die Wirtschaft soll geschwächt, der Warenexport behindert und die Ukraine vom Ausland abgeschottet werden. Ein großer Teil der Güter gelangt per Bahn zu den Häfen von Odessa, die zugleich blockiert werden. Angriffe auf Grenzübergänge sollen diesen Export zusätzlich unterbrechen.

Grenzen, Häfen und die psychologische Wirkung

Frontnahe Städte wie Sumy, Charkiw und Saporischschja könnten vom Eisenbahnnetz abgeschnitten werden. Damit würde sich die sogenannte Grauzone ausweiten. Russland störe sich außerdem daran, dass die Ukraine weiterhin relativ effizient per Zug erreichbar ist: Ausländische Diplomaten, Politiker, Geschäftsleute und Künstler nutzen die Bahn häufig. Die Botschaft eines Angriffs reicht dabei weit über die beschädigten Gleise hinaus.

Ein Beispiel ist der Grenzübergang Jagodyn beziehungsweise Jahodyn. Am 13. September traf dort eine Drohne die Lokomotive eines Personenzugs – rund zwei Kilometer von Polen entfernt. Die ukrainische Bahn hatte die Drohne zuvor entdeckt und den Zug etwa 15 Minuten vor dem Einschlag evakuiert. Niemand wurde verletzt. Am Bahnhof befand sich auch ein Zug mit dem ehemaligen CIA-Direktor David Petraeus. Kurz zuvor hatte dort ein Zug mit Sicherheitsberatern mehrerer EU-Staaten und ehemaligen europäischen Regierungschefs gehalten, darunter Boris Johnson. Ukrsalisnyzja hält es für möglich, dass dieser diplomatische Zug das eigentliche Ziel war. Wegen einer Fahrplanänderung war er jedoch früher abgefahren.

Auch am 16. September wurde der Zug Kyjiw–Mykolajiw von einer Drohne getroffen. Einen Tag zuvor griff eine Drohne eine Lokomotive in der Region Wolhynien nahe der polnischen Grenze an. Nach der Abreise der US-Gesandten Steve Witkoff und Jared Kushner per Zug seien zudem S-Bahnen attackiert worden. Ob Zufall oder Signalwirkung: Für die Eisenbahner ist die Sache ohnehin ernst genug.

Nach Einschätzung des ukrainischen Bahnchefs richten sich etwa 60 Prozent der Angriffe gegen den Güterverkehr, 40 Prozent gegen Personenzüge. Getroffen werden neben Lokomotiven auch Umspannwerke, Brücken, Bahnhöfe und Depots. Fahrende Züge sind dabei besonders heikel: Ein Angriff gefährdet Menschen unmittelbar, und die Reaktion muss in wenigen Minuten sitzen.

Lokomotiven werden zum Engpass

Russland setzt zunehmend Drohnen mit Strahlantrieb ein, die vor allem Lokomotiven angreifen. Monatlich würden derzeit etwa 40 Lokomotiven beschädigt oder zerstört. Seit Beginn der russischen Invasion wurden nach ukrainischen Angaben mehr als 500 Lokomotiven beschädigt oder zerstört; Außenminister Andrij Sybiha erklärte, mehr als die Hälfte davon entfalle auf 2026. Er bezeichnet die Angriffe als gezielten Versuch, die ukrainische Logistik zu destabilisieren, und fordert schärfere Sanktionen gegen Russland sowie finanzielle Unterstützung für neue Lokomotiven.

Die Maschinen sind verwundbar. Ihr großes Wärmebild erleichtert die Ortung. Ein Treffer mit etwa 50 Kilogramm Sprengstoff kann bei einer Diesellokomotive mehrere Tonnen Kraftstoff entzünden und sie vollständig zerstören. Bei Elektrolokomotiven drohen Brände, die ganze Strecken außer Betrieb setzen können.

Besonders schwierig ist der Ersatz, weil die Ukraine ein Schienennetz mit 1.520 Millimetern Spurweite nutzt – ein Relikt aus der Sowjetzeit. In Europa beträgt die Standardspurweite 1.435 Millimeter. Lokomotiven aus Westeuropa passen daher nicht ohne Weiteres. Finnland und die Slowakei werden als mögliche Lieferländer genannt, ebenso Maschinen von DB Cargo in Deutschland. Zusätzlich sollen neue Lokomotiven im Ausland gekauft werden; gesucht werden Partner, die kurzfristig liefern können.

Bislang ist allerdings noch keine ausländische Lokomotive geliefert worden. Die Ukraine ist auf Reparaturen angewiesen. Es bestehen zwar Vorvereinbarungen, doch gesetzliche Verkaufshürden in mehreren Ländern bremsen die Beschaffung. Die ukrainische Regierung arbeitet laut dem Bahnchef an Lösungen. Ein Vertrag mit dem französischen Hersteller Alstom ist bereits unterzeichnet; erste neue Lokomotiven sollen ab 2027 geliefert werden. Ukrsalisnyzja prüft außerdem den Kauf gebrauchter Maschinen aus Ländern mit derselben Spurweite. Ersatzlokomotiven müssen bestellt werden, ihre Lieferung kann Jahre dauern.

In den eigenen Werkstätten wird rund um die Uhr gearbeitet, die Standorte wechseln. Beschädigte und ausgemusterte Lokomotiven werden repariert, oft mit einer klaren Reihenfolge: technische Einsatzfähigkeit zuerst, danach der Transport von Fahrgästen und Gütern. Kosten, Komfort des Lokpersonals und äußere Gestaltung sind nachrangig. Versuche, Lokomotiven und Waggons zusätzlich zu panzern, laufen ebenfalls – einen umfassenden Schutz gegen die eingesetzten Waffen gibt es jedoch nicht.

Drohnen, Radar und eine Evakuierung im richtigen Moment

Zum Schutz vor Drohnen setzt die Bahn Störmaßnahmen ein. Technische Einzelheiten nennt sie aus Sicherheitsgründen nicht. Russland passe seine Drohnen laufend an und verbessere sie. Neue Modelle mit Strahlantrieb könnten Ziele bereits aus fünf bis sechs Kilometern Höhe erfassen. Wird ihr Signal gestört, könnten sie automatisch weiter zum Ziel fliegen.

Die schnelleren Shahed-Drohnen verkürzen die Reaktionszeit. Züge werden deshalb häufiger vorsorglich angehalten und möglichst nicht durch gefährdete Gebiete gefahren. In besonders riskanten Regionen ersetzt die Bahn Verbindungen teilweise durch Busse. Das Konzept „Zug plus Bus“ soll gemeinsam mit den Militärverwaltungen ausgeweitet werden.

Über die Evakuierung eines Zuges entscheidet die Eisenbahn selbst, nicht das Militär. In einem Überwachungszentrum gleichen Bahn- und Militärexperten Drohnen- und Zugbewegungen landesweit in Echtzeit ab. Sicherheitszentren greifen auf präzise Daten der Luftraumüberwachung zurück und bewerten Art und Entfernung der Bedrohung. Eine Evakuierung muss früh beginnen: Der Zug muss anhalten, die Fahrgäste müssen aussteigen und sich entfernen.

Die Eisenbahn steht dabei in engem Kontakt mit den ukrainischen Luftstreitkräften. Entscheidend ist die Frage, ob eine vom Radar verschwundene Drohne abgeschossen wurde oder lediglich nicht mehr erfasst werden kann. Im Zweifel wird zugunsten der Sicherheit evakuiert. Fahrgäste erhalten Hinweise für Luftalarme und sollen sich weiter vom Bahnhof entfernen als bisher. Entlang der Strecken gibt es Karten mit Schutzräumen; Züge sollen möglichst in deren Nähe anhalten, was allerdings nicht immer gelingt. Zugbegleiter werden verstärkt psychologisch geschult, um Menschen während Angriffen zu unterstützen.

Als künftige Gefahr gilt das geplante russische Satelliteninternet „Rasswet“, ein Gegenstück zu Starlink. Damit könnten Ziele im gesamten Land und möglicherweise auch in Europa angegriffen werden. Schon jetzt ist die Unsicherheit spürbar: Ein Zug steht, alle warten, irgendwo draußen summt vielleicht eine Drohne – und niemand weiß sofort, ob das Radarbild verschwunden ist, weil die Gefahr vorbei ist oder gerade erst beginnt.

Schutzsysteme und ein harter Winterplan

Präsident Wolodymyr Selenskyj leitete am 15. September eine Sitzung zum Schutz kritischer Infrastruktur und der Logistik. Beschlossen wurden Verträge für Schutzsysteme, die Beschaffung zusätzlicher elektronischer Kriegführung, eine Neuorganisation mobiler Feuergruppen und der Flugabwehr sowie Ausweichrouten für die Logistik in Frontgebieten. Das Finanzministerium soll die erforderlichen Mittel bereitstellen.

Der Bahnalltag endet damit nicht. Für den Winter bereitet Ukrsalisnyzja die Beheizung der Züge vor und arbeitet dafür mit Stiftungen und Geldgebern zusammen. Zusätzlich werden Decken, Regenjacken und weitere Notfallausrüstung beschafft, falls Züge etwa wegen Schneestürmen außerhalb von Bahnhöfen liegen bleiben. Draußen der Wind, drinnen kalte Scheiben, irgendwo ein Kind mit einer Decke bis zur Nase – und trotzdem fährt der nächste Zug wieder los.

Die ukrainischen Eisenbahner halten den Passagierverkehr trotz des Kriegsbetriebs aufrecht. Nach Angaben von Andrij Sybiha wurden