In Wabern in Nordhessen steht das erste deutsche Gebäude, dessen Außenwände vollständig aus industriell gefertigten, tragenden Lehmsteinen bestehen. Das zweigeschossige Musterhaus gehört dem regionalen Unternehmen Kimm Baustoffe. Gefördert wurde das Projekt von der Deutschen Bundesstiftung Umwelt (DBU).

Der Gedanke dahinter ist ziemlich bodenständig: Lehm, der bei der Kies- und Sandgewinnung anfällt, soll zu normierten Lehmsteinen verarbeitet werden. Als Alternative zu Ziegeln und Beton könnten sie künftig im Massivbau eingesetzt werden. Das Musterhaus soll als Schulungs- und Seminarzentrum dienen, in dem Planer, Handwerker und Bauherren den Lehmsteinbau kennenlernen. Weitere Projekte sind in Erfurt, Bayern, Luxemburg und Frankreich geplant.

Pressen statt Brennen

Die sogenannten Conclay-Lehmsteine werden nicht gebrannt. Sie werden hydraulisch formgepresst und anschließend getrocknet. Der energieintensive Brennvorgang entfällt damit. Nach Angaben von Geschäftsführer Stefan Kimm-Friedenberg braucht die Herstellung im Vergleich zu anderen Massivwandbaustoffen nur Energie zum Pressen.

Auch am Ende des Gebäudelebens bleibt der Stein vergleichsweise unkompliziert: Er kann vollständig in seine natürlichen Ausgangsstoffe zurückgeführt werden und ist damit vollständig recycelbar. Genau das unterscheidet ihn von Beton und gebrannten Ziegeln. Weltweit leben Schätzungen der Vereinten Nationen zufolge noch rund 1,5 Milliarden Menschen in Lehmgebäuden. In Deutschland geriet der Baustoff mit der Industrialisierung allerdings weitgehend in Vergessenheit. Bis 2023 gab es hierzulande keine DIN-Normen für tragende Lehmsteine im modernen Bau.

Beim Musterhaus kommt der Conclay-Lehmstein „p3-II-2,2-S“ zum Einsatz. Der formgepresste, industriell hergestellte Lehmvollstein nach DIN 18945 misst 498 × 240 × 248 mm und ist für tragendes Lehmsteinmauerwerk nach DIN 18940 geeignet. Er gehört zur Steinfestigkeitsklasse 3, zur Anwendungsklasse II und zur Rohdichteklasse 2,2 kg/dm³. Die Baustoffklasse lautet A1, die Wärmeleitfähigkeit λ-R 1,3 W/mK, der Wasserdampfdiffusionswiderstand μ 5/10.

In dem Stein stecken Baulehm und natürliche Gesteinskörnung. Vorgesehen ist er für tragendes Mauerwerk, Ausfachungen von Holzständerkonstruktionen, tragende Bauteile, konstruktiv witterungsgeschütztes Außenmauerwerk und Innenmauerwerk. Einsatzbereiche sind der Hochbau, der Neubau, der Innenausbau sowie Sanierung und Renovierung. Laut Produktbeschreibung eignet sich das Produkt für tragende und nichttragende Wände; bei tragenden Wänden sind zusätzliche Anforderungen zu berücksichtigen.

Vom Handgriff bis zur Palette

Handvermauert wird mit Lehmmauermörtel nach DIN 18946. Lehmplansteine können außerdem mit Lehmdünnbettmörtel verarbeitet werden, ohne die Stoßfugen zu vermörteln. Für größere Bauteile sind Hebekran und Versetzzange möglich – der Baustoff ist also nicht nur etwas für vorsichtige Handarbeit und staubige Baustellenromantik.

Der Anbieter nennt mehrere bauphysikalische Eigenschaften: Die Steine wirken feuchtigkeitsregulierend, besitzen eine hohe thermische Speichermasse und können zum sommerlichen Wärmeschutz beitragen. Auch Schallschutz wird genannt. Eine Radonbelastung bestehe laut Anbieterangabe nicht. Hinzu kommen vollständige Recycelbarkeit und ein geringer CO₂-Fußabdruck, ebenfalls laut Anbieterangabe.

Geliefert wird auf Europaletten, abgedeckt mit diffusionsoffener Folie. Die Bruchquote liegt unter 7 Prozent. Trocken lagern, Paletten nicht stapeln – so lauten die wesentlichen Hinweise. Die Lagerdauer wird als unbegrenzt angegeben. Eine Palette enthält das Produkt; genannt werden 659,52 € je Palette und zusätzlich „Preis auf Anfrage“. Für Bemessung, Konstruktion und Ausführung von tragendem Lehmsteinmauerwerk gilt DIN 18940, weitere Verarbeitungshinweise stehen in der „Conclay-Verarbeitungsrichtlinie“.

Ein alter Baustoff mit neuen Aufgaben

Lehm liegt typischerweise unterhalb der Humusschicht. Er entsteht durch Verwitterung und Umlagerung von Gestein und besteht hauptsächlich aus Ton, Schluff und Sand; teilweise kommen Kies und Schotter hinzu. Die Bindekraft stammt überwiegend vom Ton. Sand, Kies oder organische Materialien können als Zuschlagstoffe beigemischt werden: Mineralische oder pflanzliche Einlagen erhöhen die Festigkeit, verringern Rissbildung und regulieren die Feuchtigkeitsaufnahme. Leichte Zuschläge können außerdem die Wärmedämmung verbessern. Optimierte Lehmbaustoffe sind inzwischen in verschiedenen kommerziellen Varianten erhältlich.

Ein Ergebnisbericht von ClimateLab vergleicht Beton, Holz, Ziegel und Lehm hinsichtlich Einsatzmöglichkeiten und Ökobilanz, mit einem Schwerpunkt auf den Eigenschaften und Entwicklungsmöglichkeiten von Lehm. Entstanden ist er im Innovationsprogramm „CO₂-reduzierte und kreislauffähige Baustoffe“, das von Jänner bis Dezember 2024 im Auftrag des Klimaschutzministeriums mit Beteiligten aus Industrie, Verwaltung und Wissenschaft durchgeführt wurde.

Der Hintergrund ist groß: Rund die Hälfte aller Stoffströme steht mit dem Bausektor in Zusammenhang. Gewinnung, Herstellung und Transport von Baumaterialien verursachen erhebliche CO₂-Emissionen, die Entsorgung von Bau- und Aushubmaterialien ist aufwendig. Lehm gilt hier als mögliche Alternative, weil er regional verfügbar, energieeffizient und dadurch potenziell kostengünstig herstellbar sowie kreislauffähig ist. Für eine breitere Anwendung fehlen laut Bericht allerdings geeignete Normen und Standards – genau an diesem Punkt setzt das Projekt in Wabern an.

Ungebrannter Lehm ohne Zusätze kann der Natur entnommen und wieder in die Natur zurückgeführt werden. Er lässt sich leicht zerkleinern und durch Zugabe von Wasser unbegrenzt wiederverwenden. Wird er direkt aus der Baugrube verwendet, beschränkt sich der Transport im Wesentlichen auf Zuschlagstoffe wie Sand oder Schotter. Dazu nimmt Lehm Feuchtigkeit schnell auf und gibt sie bei Bedarf wieder ab. Das kann die Luftfeuchtigkeit in Innenräumen ausgleichen, zu einem stabileren Raumklima beitragen und die Feinstaubbildung reduzieren.

Als relativ schweres Material speichert Lehm Wärme. In heißen, trockenen Klimazonen nimmt er tagsüber Wärme auf und gibt sie zeitverzögert nachts ab. Innenräume können dadurch tagsüber kühler bleiben, die Temperaturen insgesamt ausgeglichener. Seine Masse macht Lehm außerdem als Schalltrennwand interessant.

Zwischen Stampflehm und Trockenbauplatte

Bei Lehmziegeln und Lehmsteinen wird das Material manuell mit Wasser aufbereitet oder erdfeucht unter Druck in Formen gepresst. Die sogenannten „Grünlinge“ haben eine hohe Rohdichte und werden überwiegend für nichttragende Innenwände eingesetzt. Auf dem europäischen Markt sind mehrere Produkte erhältlich, als österreichischer Hersteller wird das Ziegelwerk Lizzi genannt.

Stampflehm besteht aus feinkrümeligem, erdfeuchtem, magerem Lehm mit hohem Schotteranteil. Verdichtet wird durch Stampfen. Solche Wände können innen und außen sowie als tragende Wände eingesetzt werden, sogar mit lokal vorhandenem Material direkt vor Ort. Vorgefertigte Stampflehmelemente ermöglichen kontrollierbare Bauabläufe, eine witterungsunabhängige Produktion und stärker industrialisierte Prozesse.

Wellerlehm wiederum wird aus Lehm, Stroh und Wasser hergestellt. Nach dem Trocknen ist er leichter als Stampflehm und kann ebenfalls als tragende Wand ausgeführt werden. In vielen Regionen Afrikas und Asiens ist diese Bauweise verbreitet; in Europa spielt sie heute vor allem bei der Sanierung bestehender Gebäude eine Rolle.

Lehmputz und Lehmmörtel bestehen aus Lehm mit Sand oder Fasern wie Stroh und Schilf. Die Zuschlagstoffe sollen unter anderem Rissbildung vermeiden. Für werkmäßig hergestellte Produkte gibt es eigene DIN-Normen. Lehmputz wird vor allem an Innenwänden und -decken eingesetzt, fertige Mischungen gibt es mit unterschiedlichen Zuschlagstoffen und Farben. Er reguliert im Innenraum die Feuchtigkeit. Lehmmauermörtel dient zum Vermauern von Lehmziegeln und gebrannten Ziegeln.

Lehmbauplatten werden als Trockenbauplatten für Wand- und Deckenverkleidungen angeboten; Anwendung und Verarbeitung ähneln Gipskartonplatten. Dünne Platten kommen auf eine Unter