Der deutsche Telekommunikationsmarkt steht vor einem tiefen Umbau. Gesättigte Märkte, hoher Investitionsdruck beim Netzausbau und die rasante Entwicklung künstlicher Intelligenz setzen die Branche unter Zugzwang. Telefónica Deutschland hat deshalb bei einem Medientag im O2 Tower in München die strategische Neuausrichtung „Transform & Grow“ vorgestellt.

Unter CEO Santiago Argelich Hesse sollen Prozesse optimiert, Geschäftsmodelle geschärft und neue Marktsegmente erschlossen werden. Gleichzeitig richtet sich das Unternehmen operativ und strategisch auf veränderte Marktbedingungen, neue Anforderungen von Verbrauchern und Gesellschaft sowie die wachsende Komplexität im eigenen Haus aus. Ende März 2026 hatten Aufsichtsrat und Management bereits Führungs- und Entscheidungsstrukturen neu geordnet – der erste Schritt des umfassenden Transformationsprozesses.

Mehr Geschäft mit Unternehmen und Behörden

Ein Schwerpunkt liegt auf dem B2B- und B2G-Geschäft. Telefónica will als Digitalisierungspartner für Unternehmen und öffentliche Auftraggeber auftreten, unter anderem in Einzelhandel und Logistik. Als Großkunden nennt der Konzern DEICHMANN SE und JYSK. Wachstumspotenzial sieht Telefónica Deutschland außerdem bei Konvergenzangeboten auf Basis der starken Mobilfunkbasis, bei Unternehmenskunden sowie bei innovativen Partnerschaften und Services.

Das Partnergeschäft und industrielle 5G-Ökosysteme sollen ebenfalls wachsen. Neben Wholesale entwickelt Telefónica Kooperationsmodelle mit Industrie- und Technologiekonzernen. Gemeinsam mit Siemens entstehen spezialisierte 5G-Campusnetze. Neue Partnerschaften und Abschlüsse mit großen Geschäftskunden gehören laut Unternehmen bereits zu den Beispielen für die angestrebte Entwicklung.

Ein anschauliches Projekt läuft mit DEICHMANN: Rund 4.700 Filialen in Europa werden mit einer einheitlichen SD-WAN-Infrastruktur ausgestattet. Das Netzwerk unterstützt unter anderem mobiles Bezahlen und datenbasierte Kundenberatung. Neue digitale Anwendungen können zentral und standortübergreifend ausgerollt werden. 2025 waren bereits rund 1.300 deutsche Filialen auf Telefónica als Provider umgestellt. Der Konzern bewegt sich damit vom reinen Konnektivitätsanbieter in Richtung IT-Infrastrukturpartner.

Vom Mobilfunkvertrag bis zum KI-Einsatz

Im Privatkundengeschäft gilt der Ansatz „All products, all customers“. Mobilfunk, Festnetz, TV, Entertainment und Cyber-Security sollen gebündelt angeboten werden. Die „o2 Plus Bundles“ sollen Kunden binden und zusätzliche Umsätze bringen. Vertrauen und Transparenz will Telefónica in allen Geschäftsfeldern als zentrale Differenzierungsmerkmale etablieren.

Unter COO Mallik Rao soll sich das Unternehmen zu einem „AI-First“-Unternehmen entwickeln. Künstliche Intelligenz wird dabei nicht nur für einzelne Aufgaben eingesetzt, sondern in die gesamte Wertschöpfungskette integriert. Heute gibt es bereits mehr als 150 operative KI-Anwendungsfälle. Die Organisation soll vereinfacht, Tätigkeiten gebündelt und der Einsatz von KI in zentralen Abläufen ausgeweitet werden.

Das klingt trocken, wird im Netzbetrieb aber ziemlich konkret: KI analysiert die Auslastung von rund 29.000 Mobilfunkstandorten und steuert Antennen zur Energieeinsparung. Der „Network Operations Agent“ unterstützt Netzingenieure bei der Störungserkennung. Im Kundenservice bearbeitet KI täglich viele Tausend Anfragen automatisiert. Die größten erwarteten Potenziale liegen im Kundenservice, im Vertrieb, im Netzbetrieb und bei B2B-Lösungen.

Qualitätsoffensiven und interne Qualifizierungsmaßnahmen sollen das künftige Betriebsmodell stützen. Telefónica verspricht sich davon höhere Effizienz und Produktivität sowie mehr Spielraum für Innovationen, Investitionen und nachhaltiges Wachstum. Der Umbau soll nicht nur Technik aufrüsten, sondern auch Abläufe im Unternehmen entwirren – was bei einem gewachsenen Konzern vermutlich leichter gesagt als getan ist.

Netzausbau zwischen Talsperre und Oktoberfest

Das Mobilfunknetz versorgt bundesweit mehr als 35 Millionen Anschlüsse. Die Leistungsfähigkeit soll durch eigene Investitionen und Kooperationsabkommen für einen beschleunigten Ausbau weiter steigen. In Nordrhein-Westfalen errichtete Telefónica seit Jahresbeginn 100 neue Mobilfunkstandorte.

An der Steinbachtalsperre im Kreis Euskirchen schließt ein neuer Mast eine Versorgungslücke. Für Anwohner, Besucher und Einsatzkräfte stehen dort 5G, 4G und 2G zur Verfügung. Beim Münchner Oktoberfest wird es derweil deutlich dichter: Telefónica errichtet ein temporäres Hochleistungsnetz mit 21 zusätzlichen Standorten und 51 Netzelementen. Die Kapazität entspricht laut Unternehmen der Versorgung einer kompletten Kleinstadt.

Auf den An- und Abreisewegen ergänzen dauerhaft installierte 5G-Straßenleuchten das Netz. Anonymisierte Mobilfunkanalysen sollen zeigen, wie die Angebote genutzt werden. Zwischen Festzelten, Menschenmassen und dem üblichen Gedränge ist das keine kleine Aufgabe.

Umbau kostet Stellen, soll aber Spielraum schaffen

Um künftige Investitionen in KI, Netztechnik und B2B zu finanzieren, wird Telefónica Deutschland organisatorisch restrukturiert. Bis Ende 2026 sollen sozialverträglich bis zu 1.100 Vollzeitstellen abgebaut werden. Die Umsetzung erfolgt über freiwillige Programme und in Abstimmung mit den Arbeitnehmervertretungen.

Rund 60 eigene O2 Shops sollen geschlossen werden. Ab 2028 sollen dadurch jährlich rund 185 Millionen Euro eingespart werden. Der Konzern verbindet den Einschnitt mit dem Ziel, Strukturen zu vereinfachen und Mittel für Innovationen, Investitionen und nachhaltiges Wachstum freizumachen. Für die Beschäftigten bleibt das trotzdem eine harte Nachricht.

Marktdaten liefern den größeren Rahmen

Wie stark sich der deutsche Telekommunikationsmarkt verändert, lässt sich auch über die regelmäßigen Marktanalysen des VATM und von Dialog Consult einordnen. Sie behandeln Festnetz und Breitband, Glasfaser, Mobilfunk sowie den Geschäftskunden- und Dienste-Markt. Betrachtet werden unter anderem Umsätze, Investitionen, Anschlüsse und Marktanteile.

Die verfügbaren aktuellen und früheren Ausgaben sollen Entwicklungen, Trends und Wettbewerbsverhältnisse abbilden. Ergänzend gibt es eine Gigabit-Studie zum Ausbaustand gigabitfähiger Netze sowie eine Wettbewerbsstudie. Für Telefónica treffen dort mehrere Linien aufeinander: ein gesättigter Markt, teurer Ausbau, neue Partnerschaften, mehr Bündelangebote und eine KI, die längst nicht mehr nur im Rechenzentrum sitzt.