Auf vielen Baustellen liegen leistungsfähige digitale Werkzeuge bereit – und trotzdem rascheln dort noch Papierpläne, Ausdrucke und handschriftliche Zettel. René Wolf, CEO von RIB Software, sieht die Baubranche bei der Digitalisierung deutlich hinter der Industrie. Seine Schulnote dafür: „Drei minus“.

Das klingt zunächst hart, trifft aber einen wunden Punkt. Einzelne Unternehmen und Geschäftsbereiche sind weit fortgeschritten, während die Digitalisierung in kleineren Betrieben häufig noch am Anfang steht. Große Bauunternehmen verfügen nach Zukäufen teils über 15 bis 17 miteinander verbundene Softwarelösungen. Nur: Verbunden heißt nicht automatisch durchgängig. Oft stehen IT-Silos nebeneinander, statt dass Daten ohne Umwege vom Entwurf bis auf die Baustelle fließen.

Wenn Daten unterwegs verloren gehen

Besonders sichtbar wird das Silodenken bei Kalkulation, Ausschreibung und Bauausführung. Änderungen und Nachträge werden nicht automatisch in den ursprünglichen Datenbestand zurückgeführt. Informationen müssen dann vielfach manuell bearbeitet werden – mit Fehlern, zusätzlichem Zeitaufwand und höheren Kosten im Gepäck.

Wolf fordert deshalb eine „Single Source of Truth“. Alle Beteiligten sollen auf die relevanten Projektdaten zugreifen können. Ein zentraler Datensatz begleitet den gesamten Projektverlauf, Änderungen werden zurückgespielt. So bleiben Planung, tatsächliche Umsetzung und Abweichungen vergleichbar, anstatt in verschiedenen Dateien und Ablagen auseinanderzulaufen.

Die Digitalisierung besteht für Wolf allerdings nicht bloß aus neuen Programmen. Entscheidend sei das Zusammenspiel von Prozessen, Mindset und technischen Werkzeugen. Wer neue Software installiert, aber die bisherigen Arbeitsweisen unverändert fortführt, hat am Ende womöglich nur ein weiteres Fenster am Bildschirm – und dieselben Umwege wie zuvor.

Bei Beratungen analysiert RIB deshalb die Abläufe eines Bauunternehmens vom Entwurf über die Kostenabschätzung bis zur Ausschreibung. Die Software soll die tatsächlichen Prozesse unterstützen, ohne unnötige Schleifen und eine große Zahl an Klicks. Denn Unternehmen bearbeiten zwar ähnliche Aufgaben, setzen ihre Prozesse aber unterschiedlich um. Einen einheitlichen Branchenstandard gibt es daher nicht.

Vom Backoffice bis zum Lieferschein

Digitalisierung ist dabei keineswegs nur ein Thema für große Baukonzerne. RIBs klassische Kundengruppe reicht vom oberen Mittelstand ab etwa 100 Beschäftigten bis zu großen Bauunternehmen. Gleichzeitig arbeiten kleinere Firmen und Handwerksbetriebe an großen Projekten mit. Sie müssen in die digitale Prozesskette eingebunden werden – sonst reißt sie ausgerechnet dort, wo auf der Baustelle der nächste Lieferschein per Hand ausgefüllt wird.

Für kleinere Betriebe muss Software einfacher, kostengünstiger und intuitiv bedienbar sein. Auf Baustellen sollten zunächst Papier, Ausdrucke, Zettel und manuell erfasste Lieferscheine reduziert werden. Das klingt unspektakulär, ist aber praktisch: Jede händische Übertragung schafft eine neue Fehlerquelle und kostet Zeit, die ohnehin knapp ist.

Auch die vom Bundesministerium für Digitales und Verkehr geförderte Interviewstudie des Konsortialprojekts „Digital Construction Management“ kommt zu einem ähnlichen Bild. Das Projekt endete am 30. April 2023. Das Fraunhofer IESE arbeitete dafür mit der RPTU, dem Fraunhofer ITWM, SIAK und buildingSMART zusammen. 26 Vertreterinnen und Vertreter der Baubranche wurden zu Erfahrungen, Wünschen und Lösungsstrategien befragt. Untersucht wurde der Digitalisierungsstand allgemein und speziell bei Infrastrukturmaßnahmen.

Gerade Straßen- und Brückenbau sind komplex und kostenintensiv; Kostenüberschreitungen kommen häufig vor. Digitalisierung gilt hier als ein Lösungsbaustein. Im Forschungsprojekt „Infra-Bau 4.0“ wurde eine digitale Plattform entwickelt, die Beteiligte, Systeme, Daten und Prozesse vernetzt und als digitales Ökosystem abbildet.

Die Befragten erwarteten von der Digitalisierung vor allem effizienteres Bauen durch optimierte Prozesse, eine bessere Zusammenarbeit durch direktere Kommunikation und ein attraktiveres Berufsbild. In der Praxis hakt es beim Datenaustausch und bei der Datenqualität. Die meisten Softwarelösungen funktionieren grundsätzlich gut, verlangen aber teilweise eine umfangreiche Einarbeitung. Schwieriger wird es, wenn verschiedene Programme miteinander sprechen sollen.

Das Problem sitzt laut Studie nicht vorrangig in der Technik. Personalmangel, fehlende Veränderungsakzeptanz und unzureichende digitale Kompetenzen bremsen ebenso wie Anschaffungskosten und Ausgaben für Weiterbildungen. Auch strukturelle Faktoren, etwa Vergabeverfahren, spielen hinein. Auf der Baustelle zählt am Ende eben nicht, wie glänzend eine Anwendung im Prospekt aussieht, sondern ob der Polier die Information schnell bekommt, wenn der Beton schon bereitsteht.

Die Datenbasis für KI

In Bauunternehmen kommen unter anderem 4D-Modellierungsprogramme zum Einsatz, die 3D-Modelle mit Zeitplänen verbinden. Dazu kommen Programme für Kosten und Arbeitsaufwand, Anwendungen zur Erstellung von Zeitplänen, Werkzeuge zur Risikoabschätzung und zur Integration von Risiken in Ablaufpläne sowie Planungssoftware für die Projektsteuerung. Für diese Steuerung ist ein schneller, unkomplizierter Datenfluss zwischen Backoffice und Baustelle wichtig.

Strukturierte, hochwertige Daten sind außerdem die Grundlage für künstliche Intelligenz und weitere automatisierte Prozesse. Ein mögliches Szenario: Ein System erstellt automatisch den Wochenbaubericht einschließlich Nachträgen und Claims. Das klingt nach Zukunftsmusik, braucht aber zuerst saubere Eingaben. Aus einem Stapel widersprüchlicher Excel-Dateien wird auch mit KI kein verlässlicher Bericht.

RIB hat mit „RIB Unify“ eine neue, KI-nativ konzipierte Lösung vorgestellt. Sie soll Auftragspartner vor und auf der Baustelle vernetzen; der Markteintritt erfolgt schrittweise. Bei der Kalkulation soll die Software Kostenschätzer entlasten. Bei Projekten mittlerer Komplexität könnte sich die Erstkalkulation um vier bis sechs Stunden verkürzen.

In Pilotanwendungen wurde laut Wolf eine Genauigkeit von rund 90 Prozent erreicht. Ziel sind 96 bis 97 Prozent, damit Kalkulatoren nur noch gezielte Korrekturen vornehmen müssen. Bei bestimmten Anwendungen könnten Prozesse laut Wolf auf die Hälfte oder ein Viertel der bisherigen Zeit sinken. Für den Büroalltag wäre das ordentlich – und für die Baustelle vielleicht der Unterschied zwischen einem ruhigen Nachmittag und dem nächsten Überstundenabend.

Österreich bleibt im Blick

Der DACH-Raum, insbesondere Deutschland und Österreich, bleibt für RIB ein wichtiger Markt. In Österreich will das Unternehmen seinen Marktanteil deutlich ausbauen. Dafür müssen lokale Normen und Anforderungen vollständig unterstützt werden.

Im etablierten Bestandssystem sind die österreichischen Anforderungen laut Wolf weitgehend abgebildet. In neueren Lösungen bestehen noch Lücken, unter anderem bei Ö-Norm-Formaten und Definitionen für die Kalkulation. Diese sollen bis Anfang 2027 umgesetzt werden.

Die Fraunhofer-Studie empfiehlt für eine nachhaltige Digitalisierung Weiterbildungen in digitalen Kompetenzen, verbindliche Standards für die Datenübertragung, mehr Zusammenarbeit zwischen Unternehmen und eine stärkere Kooperation mit Forschungseinrichtungen. Politik und Verwaltung können durch die Förderung von Digitalisierungsprojekten und Kooperationen, klare rechtliche Rahmenbedingungen, die Förderung digitaler Kompetenzen und Anreize wie steuerliche Vorteile unterstützen.

Die Studie aus dem Jahr 2023 steht kostenfrei zum Download bereit. Sie enthält eine Übersicht häufig eingesetzter IT-Systeme, eine Darstellung der Herausforderungen sowie Lösungsansätze und Handlungsempfehlungen für Baubranche, Politik und Verwaltung. Als Verfasser werden Denis Feth, Thomas Jeswein und Stefanie Ludborzs genannt.