Atlas Ganderkesee startet nach der Insolvenz unter kanadischer Führung neu
Für die Atlas-Gruppe aus Ganderkesee beginnt ein neues Kapitel. Der Verkauf an den kanadischen Landmaschinen- und Baumaschinenhersteller Buhler Versatile wurde am 1. Oktober 2026 offiziell abgeschlossen. Das sogenannte Closing kam damit vier Wochen später als ursprünglich geplant: Der Vollzug sollte bereits am 1. September erfolgen.
Seit dem Insolvenzantrag im Februar sind weniger als acht Monate vergangen. Das operative Geschäft wird künftig unter dem Dach von Buhler Versatile weitergeführt. In den kommenden Wochen soll Atlas in die Abläufe des neuen Eigentümers integriert werden. Die Marke Atlas und die Produktion von Baumaschinen bleiben am Standort Ganderkesee erhalten.
Weniger Stellen als zunächst befürchtet
Für die Übernahme mussten 135 der insgesamt 400 Arbeitsplätze abgebaut werden. Ein großer Teil der Betroffenen wechselte in eine Transfergesellschaft. Die IG Metall hatte zuvor mit dem Verlust von 200 Stellen gerechnet. Nach Angaben des Norddeutschen Rundfunks gingen bereits 124 Beschäftigte in eine Transfergesellschaft, für 14 weitere wurden individuelle Lösungen gefunden – etwa mit Blick auf einen möglichen baldigen Übergang in die abschlagsfreie Altersrente. Für elf Beschäftigte sind betriebsbedingte Kündigungen vorgesehen.
Der Stellenabbau war eine Bedingung des Investors. Die Gewerkschaft erklärte, gemeinsam mit dem Betriebsrat sei das Mögliche erreicht worden. Viel Spielraum gab es offenbar nicht: Nach Einschätzung der IG Metall wäre Atlas Ende des Monats das Geld ausgegangen. Dann hätten möglicherweise alle 400 Beschäftigten ihre Arbeitsplätze verloren.
Ob die drei Werke in Delmenhorst, Ganderkesee und Vechta erhalten bleiben, ist weiterhin offen. Auch zur künftigen Entwicklung dieser Standorte gibt es bislang keine konkreten Angaben. Atlas selbst sprach zwar von einem „neuen Kapitel der Unternehmensgeschichte“, blieb bei den nächsten Schritten aber vage.
Kanadischer Käufer mit türkischen Wurzeln
Käufer ist Buhler Versatile aus Winnipeg in der kanadischen Provinz Manitoba. Das Unternehmen entwickelt und produziert vor allem landwirtschaftliche Maschinen, ist aber auch im Baumaschinengeschäft aktiv. Buhler Versatile gehört zur türkischen ASKO-Holding, die mehr als 2.500 Beschäftigte hat. Die familiengeführte ASKO-Gruppe ist im Agrar- und Baumaschinensektor tätig und will mit der Übernahme ihre Präsenz in Europa stärken.
In die Unternehmensgruppe sollen die Baumaschinentradition, das Händlernetzwerk und die operativen Fähigkeiten von Atlas integriert werden. Über den Kaufpreis wurde Stillschweigen vereinbart. Der Kaufvertrag war am 11. Juni 2026 unterzeichnet worden; das Bundeswirtschaftsministerium erteilte Anfang August die notwendige Genehmigung.
Die Vereinbarung umfasst die Vermögenswerte der operativen Gesellschaften Atlas GmbH, Atlas Spare Parts GmbH, Atlas Group Services GmbH und Atlas Kompakt GmbH sowie die Anteile an der britischen Atlas Cranes UK Ltd.
Insolvenz nach langer Krise
Die Atlas-Gruppe steckte seit rund zwei Jahren in einer Krise. Die schwache Baukonjunktur setzte dem Unternehmen zu, hinzu kamen Konflikte zwischen dem Betriebsrat und der früheren Eigentümerfamilie Filipov. Seit Februar 2026 war Atlas zahlungsunfähig und strebte ein Insolvenzverfahren in Eigenverwaltung an.
Am 6. Februar 2026 ordnete das Amtsgericht Delmenhorst das Verfahren an. Ziel waren die Sanierung und die Fortführung des Unternehmens. Rechtlich und wirtschaftlich nicht betroffen ist die Atlas Weyhausen GmbH aus Wildeshausen: Sie ist eigenständig und gehört nicht zur Insolvenz der Atlas GmbH.
Atlas produziert seit mehr als 100 Jahren Bagger, Ladekrane und weitere schwere Baumaschinen. Zuletzt erzielte die Gruppe rund 150 Millionen Euro Umsatz. Produktion, Ersatzteilservice und Kundendienst sollten auch während des Verfahrens planmäßig weiterlaufen. Die Löhne und Gehälter waren über das Insolvenzgeld bis einschließlich April 2026 gesichert.
Bei einer Eigenverwaltung bleibt das Management grundsätzlich im Amt und wird von externen Sanierungsberatern unterstützt. Ein gerichtlich bestellter Sachwalter überwacht dabei die Wahrung der Gläubigerinteressen. Bei Atlas übernahmen Malte Köster und Hans-Joachim Berner von der Kanzlei KösterBerner die operative Restrukturierung; Hendrik Gittermann, Partner der Kanzlei Reimer, wurde zum vorläufigen Sachwalter bestellt. Die bisherige Geschäftsführung sollte im Amt bleiben.
Schwieriges Umfeld für Baumaschinenhersteller
Als Grund für das Verfahren nannte Atlas eine länger andauernde branchenweite Marktschwäche in der Bau- und Baumaschinenwirtschaft. Die Auftragseingänge gingen deutlich zurück, die Auslastung sank. Dazu kamen strukturelle Probleme, die eine finanzielle Stabilisierung außerhalb der Eigenverwaltung erschwerten. Umfangreiche Restrukturierungsmaßnahmen waren bereits vor dem Insolvenzantrag eingeleitet worden, auch die Gesellschafter unterstützten das Unternehmen mit Liquiditätsbeiträgen. Die Engpässe ließen sich trotzdem nicht vollständig verhindern.
Ein wenig Bewegung gibt es in der Branche dennoch. Der Verband Deutscher Maschinen- und Anlagenbau meldete zuletzt einen spürbaren Anstieg der Auftragseingänge. Für 2026 erwarten Baumaschinenhersteller nominal ein Umsatzplus von etwa fünf Prozent. Das wäre allerdings nur eine moderate Erholung nach einem Umsatzrückgang von 21 Prozent im Jahr 2024 gegenüber 2023.
Politische und wirtschaftliche Unsicherheiten bleiben. Der VDMA verweist auf die Überregulierung in Europa und den zunehmenden Wettbewerbsdruck durch Billigimporte aus China, wo Überkapazitäten auf den Markt drücken. Hinzu kommen die Unsicherheit über die US-Regierung unter Präsident Donald Trump und die ausgeweiteten US-Stahlzölle. Die europäischen Baumaschinenexporte in die USA gingen 2025 laut VDMA um fast 30 Prozent zurück.
Atlas ist derweil nicht das erste Unternehmen aus dem Geschäft mit schwerem Gerät, das in finanzielle Schieflage geriet. Im Vorjahr musste das Kranunternehmen Hüffermann Insolvenz anmelden. Einer der größten deutschen Anbieter von Schwerlast-Baumaschinen wurde im Dezember von der Hagedorn-Gruppe übernommen. Bei Atlas soll sich in den kommenden Monaten zeigen, wie tragfähig der Neustart unter Buhler Versatile tatsächlich wird.
