In Lamu an Kenias Küste ist der Startschuss für ein Energie- und Industrieprojekt gefallen, das mit 16 Milliarden US-Dollar veranschlagt wird. Kenias Präsident William Ruto, Ugandas Präsident Yoweri Museveni und Äthiopiens Premierminister Abiy Ahmed nahmen an der Veranstaltung teil und führten gemeinsam den Spatenstich durch.

Geplant ist eine Ölraffinerie mit einer Verarbeitungskapazität von rund 700.000 Barrel Rohöl pro Tag. Innerhalb von 40 Monaten soll die Anlage fertiggestellt werden. Doch ob auf den symbolischen ersten Spatenstich gleich die schweren Maschinen folgen, ist derzeit offen.

Raffinerie, Kraftwerk und Chemieanlagen

Zum Vorhaben gehört weit mehr als die Raffinerie. Vorgesehen sind ein integrierter Industriekomplex, ein 1.000-MW-Kraftwerk, eine Kunststofffabrik sowie Anlagen zur Herstellung von Düngemitteln und Chemikalien. Präsident Ruto erwartet vom Kraftwerk eine Stärkung der regionalen Energiesicherheit, eine geringere Importabhängigkeit und höhere Deviseneinnahmen.

Der nigerianische Milliardär Aliko Dangote, Afrikas reichster Mann, soll das Projekt leiten. Es passt zur Strategie der Dangote-Gruppe, ihre Industrie- und Energieaktivitäten auf dem Kontinent auszubauen. Dangote will Ostafrika durch weniger Importe stärker mit raffinierten Kraftstoffen versorgen. Seine Kritik klingt dabei ziemlich grundsätzlich: Afrika exportiere Rohöl und importiere raffinierte Produkte. Arbeitsplätze und wirtschaftliche Chancen entstünden dadurch außerhalb Afrikas.

Die kenianische Regierung misst dem Projekt strategische Bedeutung bei. Präsident Ruto kündigte eine Raffinerie an, die Rohöl aus dem Turkana-Becken im Norden Kenias verarbeiten soll. Künftig wäre auch Öl aus Nachbarländern wie Uganda denkbar. Ruto erklärte zudem, seine Regierung unterstütze Dangotes Expansionspläne in Ostafrika vollständig.

Dangote bringt Erfahrung aus Nigeria mit. Seine dortige Raffinerie verarbeitete im Mai 2026 bereits 650.000 Barrel pro Tag und sollte bis Ende 2028 auf 1,4 Millionen Barrel pro Tag erweitert werden. Der Bau kostete rund 20 Milliarden US-Dollar, die Anlage erreichte im Februar ihre volle Kapazität und wurde im September für Privatanleger geöffnet. Der Börsengang bewertete das nigerianische Raffinerieprojekt mit rund 49 bis 50 Milliarden US-Dollar und sollte etwa 1,6 Milliarden US-Dollar einbringen.

Gericht stoppt Arbeiten vorläufig

Dem feierlichen Auftakt ging ein juristischer Dämpfer voraus. Ein kenianisches Gericht stoppte den Bau der geplanten Raffinerie in Lamu vorläufig. Richterin Jane Onyango ordnete an, den aktuellen Zustand des Geländes bis zur nächsten Anhörung im Oktober beizubehalten.

Hintergrund ist die Klage von 133 Bewohnern der Region Chandavai im Bezirk Lamu. Sie machen angestammte Landrechte für das Areal nahe dem Hafen von Lamu und einer US-Militärbasis auf der Insel Manda geltend. Nach ihren Angaben wurden weder Umsiedlungs- und Entschädigungspläne erstellt noch die gesetzlich vorgeschriebene Umweltverträglichkeitsprüfung durchgeführt. Sie befürchten eine gewaltsame Vertreibung sowie Schäden oder die Zerstörung ihres Eigentums.

Die Dangote Group erklärte, der Gerichtsbeschluss verhindere die geplante Grundsteinlegung am Mittwoch nicht. An der Zeremonie sollten Aliko Dangote und Präsident William Ruto teilnehmen. Andere Arbeiten am Standort könnten allerdings vorübergehend ausgesetzt werden: Bis zur Verhandlung am 14. Oktober dürfen beide Parteien keine Maßnahmen ergreifen. Ob nach der symbolischen Grundsteinlegung unmittelbar der tatsächliche Bau beginnt, bleibt damit unklar.

Am 28. September entschied der kenianische Oberste Gerichtshof, dass das Verfahren fortgesetzt werde, erlaubte jedoch die Durchführung der Grundsteinlegung. Bis zur nächsten formellen Gerichtsverhandlung am 14. Oktober muss der Status quo am Standort gewahrt bleiben.

Der Streit fügt sich in wiederkehrende Landrechts- und Entschädigungsfragen bei Großprojekten in Kenia ein. Als weiteres Beispiel gilt die Erschließung eines großen Seltene-Erden-Vorkommens an der kenianischen Küste, bei der die Entschädigung vertriebener Gemeinden eine Rolle spielt.

Zwischen Welterbe und Meeresschildkröten

Auf der Insel Lamu regt sich Widerstand. Lamu gehört zum UNESCO-Welterbe und zählt zu Kenias bekanntesten Tourismusregionen. Ein großer Teil der Bevölkerung lebt von der Fischerei, während die Umweltbelastung bislang als vergleichsweise gering gilt. Genau hier liegt der wunde Punkt.

Umweltaktivisten befürchten Beeinträchtigungen der Fischerei, eine Verschlechterung der Wasserqualität und negative Folgen für den Tourismus. Auch das besonders geschützte Archipel könnte betroffen sein. In der Lamu-See leben unter anderem Dugongs, Wale und zahlreiche Meeresschildkrötenarten. Die Sorge gilt daher nicht nur Leitungen, Tanks und Beton, sondern einem empfindlichen marinen Ökosystem.

Mohamed Athman fordert, Investitionen müssten der lokalen Gemeinschaft zugutekommen und ihr nicht schaden. Die Bewohnerinnen und Bewohner haben bereits Klagen zu ihren Landnutzungsrechten eingereicht. Sie behaupten, das für die Fabrik vorgesehene Gebiet sei ihr angestammtes Land.

Lamu kennt solche Konflikte. Schon gegen ein geplantes Kohlekraftwerk wehrten sich Einwohnerinnen und Einwohner gemeinsam mit Umwelt- und Menschenrechtsorganisationen juristisch. Nach mehreren Rechtsstreitigkeiten wurde das Projekt gestoppt. Auch im Fall der Raffinerie schließen die Bewohnenden weitere rechtliche Schritte nicht aus. Athman zufolge wurden bereits zwei Klagen gegen die kenianische Regierung eingereicht – beide gewann die lokale Seite.

Afrika will mehr selbst verarbeiten

Das Projekt steht im Zusammenhang mit den Bestrebungen mehrerer afrikanischer Staaten, Erdöl angesichts unsicherer Energiemärkte und der Spannungen im Nahen Osten stärker im eigenen Land zu verarbeiten. Statt Rohöl auszuführen und raffinierte Kraftstoffe teuer zurückzukaufen, soll mehr Wertschöpfung vor Ort bleiben.

Als Partner für Kenia wurde Aliko Dangote gewonnen. Der nigerianische Unternehmer besitzt in Nigeria eine der weltweit größten Ölraffinerien. Das dortige Großprojekt hat laut dem vorliegenden Bericht die Treibstoffversorgung in weiten Teilen Westafrikas verändert. Nun will Dangote sein Engagement offenbar nach Ostafrika ausweiten.

Für Kenia klingt das nach Industrie, Strom und weniger Importabhängigkeit. Für die Menschen in Chandavai geht es derweil um Land, Entschädigung und die Frage, was von ihrer Küste übrig bleibt, wenn im Hintergrund Anlagen für 700.000 Barrel am Tag geplant werden. Auf der Insel ist dieser Widerspruch nicht zu überhören.