Vom Gothaer-Hauptsitz zum neuen Göttinger Wohnquartier mit 650 Wohnungen
Auf dem früheren Hauptsitz der Gothaer Versicherung an der Geismar Landstraße in Göttingen ist im Mai der Grundstein für ein großes Wohnungsbauprojekt gelegt worden. Niedersachsens Wirtschaftsminister Grant Hendrik Tonne und Göttingens Oberbürgermeisterin Petra Broistedt waren unter anderem dabei. Zwischen Geismar Landstraße und Wörthstraße soll sich das lange brachliegende Areal nun Stück für Stück verändern.
Auf dem insgesamt 37.000 Quadratmeter großen Gelände sind nach den Planungen rund 650 Wohnungen vorgesehen. Die Angaben zum Projekt nennen außerdem rund 600 Wohnungen mit etwa 44.000 Quadratmetern Wohnfläche. Das Investitionsvolumen liegt bei etwa 180 Millionen Euro. Auf dem ersten, rund 11.600 Quadratmeter großen Baufeld errichtet der Münchner Projektentwickler Wertgrund Immobilien 220 Wohnungen.
Geförderte Wohnungen und eine Kita
Von diesen 220 Wohnungen sind 67 öffentlich gefördert. Weitere 118 frei finanzierte Wohnungen und eine Kindertagesstätte wurden von einem Investor für einen Spezialfonds erworben. Die geförderten Wohnungen übernimmt die 2023 von der rot-grünen Landesregierung gegründete landeseigene Wohnungsgesellschaft „Wohnraum Niedersachsen“.
Rund 40 Prozent der Wohnungen sollen besonders günstig vermietet werden: Sozialwohnungen zu 6,10 Euro pro Quadratmeter, preisgünstige Wohnungen zu 7,50 Euro. Zusätzlich entstehen zehn Wohnungen für Menschen, die von Obdachlosigkeit bedroht sind oder mit Suchtproblemen kämpfen. Dazu hat sich Wertgrund in einem städtebaulichen Vertrag verpflichtet.
Ursprünglich wollte Wertgrund den Bauantrag für die günstigen Wohnungen bis Ende 2021 einreichen. Nach Erteilung der Baugenehmigung hat das Unternehmen laut Vertrag zwei Jahre Zeit, die Gebäude zu errichten. Für die frei finanzierten Wohnungen gelten längere zeitliche Spielräume. Geplant sind außerdem ein Spielplatz und weitere Spielflächen. Bis Mitte 2024 sollte eine Kindertagesstätte mit bis zu vier Gruppen entstehen.
Die Gebäude sollen an das Fernwärmenetz der Stadtwerke Göttingen angeschlossen werden. Möglicherweise werden auch Dachflächen begrünt. Für die günstigen Wohnungen ist der Standard eines KfW-Effizienzhauses 70 vorgesehen, die übrigen Wohnungen sollen dem Standard KfW-Effizienzhaus 55 entsprechen.
Vom Kasernengelände zum neuen Stadtquartier
Wertgrund kaufte den größten Teil des Areals von Objektgesellschaften der BaseCamp Student und des European Student Housing Fund. BaseCamp und der Fonds behalten den Bereich an der Geismar Landstraße. Dort sollen 600 Ein-Zimmer-Appartements für Studierende entstehen – an diesem Plan hält BaseCamp fest.
Die meisten Altbauten wurden seit 2019 abgerissen. Die Geschichte des Geländes reicht allerdings deutlich weiter zurück: Vor dem Ersten Weltkrieg entstand es zunächst als Infanteriestandort, ab 1936 hieß es Lüttich-Kaserne. 1950 siedelte sich dort die Gothaer Versicherung an, die 1945 aus dem sowjetisch besetzten Thüringen nach Göttingen gekommen war.
Ab 1991 reduzierte die Gothaer ihre Mitarbeiterzahl deutlich. Im Jahr 2020 arbeiteten am Göttinger Standort noch 360 Beschäftigte und 120 Kundenberater im Vertrieb. Nun sollen dort Wohnungen, eine Kita und Spielflächen an die Stelle der früheren Arbeitswelt treten. Wertgrund will die neuen Wohnungen in Göttingen selbst vermieten und verwalten.
Das Unternehmen ist bereits am ehemaligen IWF-Gelände am oberen Nonnenstieg aktiv. Dort sollen 214 Wohnungen entstehen; die ersten sollen in zwei Jahren bezugsfertig sein. Wertgrund verwaltet ein Immobilienvermögen von 1,5 Milliarden Euro und beschäftigt rund 100 Mitarbeiter.
Göttingen braucht Wohnungen – und zwar viele
Oberbürgermeister Rolf-Georg Köhler bezifferte den zusätzlichen Wohnungsbedarf Göttingens bis 2030 auf etwa 5.000 Wohnungen. In seiner Amtszeit hielt er die baurechtliche Planung von 3.000 bis 4.000 Wohnungen für realistisch. Zu den wesentlichen Projekten zählte er die „Grüne Mitte Ebertal“, das Gothaer-Areal, das Europaquartier am Holtenser Berg und die Bebauung des ehemaligen IWF-Geländes.
Köhler hatte ursprünglich vorgesehen, große Teile des Gothaer-Areals durch die Göttinger Wohnungsbaugenossenschaften entwickeln und verwalten zu lassen. Wegen stark gestiegener Grundstückspreise, die durch mehrere Weiterverkäufe entstanden seien, sei dies laut Köhler nicht möglich gewesen. Die aktuelle Entwicklung hält er dennoch für vertretbar, auch im Zusammenhang mit der benachbarten „Grünen Mitte Ebertal“.
Dort sollen durch Abriss und Neubau aus rund 450 Wohnungen insgesamt 600 Wohnungen werden. Beide Projekte sollen zu einem größeren Stadtquartier zusammenwachsen. In der Umgebung gibt es Busanbindungen, vier Kindertagesstätten, die erweiterte Lohbergschule, das Hainberg-Gymnasium, die IGS und Arztpraxen.
Köhlers Amtszeit endete 2021. Er erklärte, sein Ziel eines umfassenden Wohnungsbaus wegen zusätzlicher Herausforderungen wie Flüchtlingsaufnahme und Corona-Pandemie nicht vollständig erreicht zu haben. Das Gothaer-Areal blieb davon sichtbar unberührt – bis jetzt.
23,5 Milliarden Euro für bezahlbares Wohnen
Der Blick über Göttingen hinaus zeigt, wie groß die Aufgabe ist. Die Bundesregierung kündigt ein neues Kapitel in der Wohnungspolitik an. Bis 2029 sollen die Länder insgesamt 23,5 Milliarden Euro erhalten: für neuen bezahlbaren Wohnraum, für Haushalte mit kleinen und mittleren Einkommen und für die Modernisierung bestehenden Wohnraums.
Damit sollen Beschäftigte wie Busfahrer und Krankenpfleger am Arbeitsort wohnen können, Senioren in ihrer vertrauten Umgebung bleiben und Familien geeigneten Wohnraum finden. Der soziale Wohnungsbau besteht seit 1950 und soll als Instrument für bezahlbaren Wohnraum weiter gestärkt werden. Der Bund stellt den Ländern dafür in den kommenden Jahren umfangreiche Fördermittel bereit.
Gefördert werden unter anderem Mietwohnungen für Haushalte mit geringem Einkommen, Studierendenwohnheime, Wohnungen für Auszubildende, preiswertes Wohnen in Innenstädten sowie Neubau und Modernisierung. Auch Senioren, Studierende und Auszubildende sollen an geeigneten Orten bezahlbare Wohnungen finden. Neben Mietwohnungen mit Mietpreis- und Belegungsbindung kann auch Wohneigentum für einkommensschwächere Haushalte gefördert werden.
Wie unterschiedlich solche Vorhaben aussehen können, zeigen Projekte in vielen Bundesländern: In Mainz wird die denkmalgeschützte Kommissbrotbäckerei eines ehemaligen Garnisonsbäckerei-Ensembles umgenutzt und durch Neubauten ergänzt; vorgesehen ist ein gemischtes Quartier mit Wohnungen und Gewerbeflächen. In Hannover-Limmer schafft die „Villa ganZ“ mietpreisgebundenen Wohnraum für Alleinerziehende und Alleinlebende in einem neuen Quartier mit insgesamt 550 Wohneinheiten im ersten Bauabschnitt.
Der Ellener Hof in Bremen verbindet günstigen Wohnraum mit pädagogischer Begleitung für Auszubildende, einem Inklusionsbetrieb und der Vernetzung mit einer Pflegeschule. Hinzu kommen Wohnangebote für Studierende, Familien, ältere und sozial benachteiligte Menschen. Das Studierendenwohnheim Nizzaallee in Aachen wurde 2022 fertiggestellt. Es hat fünf Geschosse, möblierte Ein- und Zwei-Personen-Apartments mit All-inclusive-Miete, Gemeinschafts- und Lernräume, begrünte Dachflächen und liegt nahe dem Lousberg.
Im Brandenburgischen Viertel in Eberswalde sind neun von elf Objekten saniert. Energetische Modernisierung, neue Gebäudetechnik, Aufzüge, Gemeinschaftsräume und neugestaltete Außenanlagen gehören dazu; die Sanierung wird fortgesetzt. In der Rathausstraße 27 in Niebüll wurde 2023 ein Housing-First-Projekt realisiert – mit bedingungsloser Wohnraumversorgung und wohnbegleitenden Hilfen. Es war das erste über das schleswig-holsteinische Sonderprogramm „Wohnraum für besondere Bedarfsgruppen“ geförderte Vorhaben.
Auf einem früheren Siemens-Areal in Frankfurt am Main entsteht seit 2022 das Schönhof-Viertel mit Wohnungen, Schule, Kitas, Gewerbe, Einzelhandel und Studierendenhostel. Zwei Drittel der Wohnungen sind Mietwohnungen, rund 30 Prozent davon öffentlich gefördert. In Ilmenau wird eine Studierendenwohnanlage aus den 1960er-Jahren saniert und energetisch modernisiert; 102 moderne Ein- und Zweiraumwohnungen kommen hinzu, ergänzt durch eine Aufstockung in Holzbauweise.
Das Hörn-Areal in Kiel verbindet Wohnen und Arbeiten am Wasser mit einer inklusiven Wohngruppe für Menschen mit und ohne Behinderung im
