Hochtief bleibt Dienstleister am britischen Nuklearstandort Sellafield: Der Bau- und Infrastrukturkonzern hat von Sellafield einen langfristigen Rahmenvertrag im Wert von bis zu 1,5 Milliarden britischen Pfund erhalten – rund 1,75 Milliarden Euro. Vertragspartner ist Hochtief Infrastructure. Für das Unternehmen aus Essen ist das ein großer Auftrag, auch wenn die Arbeit dort weniger nach Neubau und mehr nach laufendem Betrieb, komplizierter Pflege und Rückbau klingt.

Vorgesehen sind Betrieb, Instandhaltung und Weiterentwicklung des Standorts. Dazu kommen Planung, Beschaffung, Installation, Inbetriebnahme, Anlagenpflege und Projektmanagement beziehungsweise Projektsteuerung. Die Vereinbarung ersetzt eine frühere Rahmenvereinbarung und läuft zunächst neun Jahre. Danach gibt es eine Verlängerungsoption über weitere sechs Jahre – macht bis zu 15 Jahre.

Arbeiten im laufenden Betrieb

Ein erheblicher Teil der Leistungen findet statt, während der Standort weiter betrieben wird. Gearbeitet wird zudem in strahlenschutzüberwachten Bereichen. Das verlangt nicht nur Erfahrung, sondern auch sehr genaue Abläufe: kein Ort, an dem man mal eben eine Leitung versetzt und später schaut, ob alles passt.

Hochtief Infrastructure übernimmt Leistungen im zweiten Los des neuen PACE-Rahmenvertrags. PACE steht für „Project and Asset Care Execution“. Dieses Los betrifft spezialisierte Nuklearanlagen sowie Stilllegungsprojekte im Bereich „Special Nuclear Materials“. PACE ersetzt die bisherigen Rahmenverträge „Integrated Asset Care“ und „Design Service Alliance“.

Sellafield liegt im Nordwesten Englands an der Irischen See und gehört der britischen Nuclear Decommissioning Authority, kurz NDA. Auf dem Gelände steht das stillgelegte Kernkraftwerk Calder Hall, das 2003 außer Betrieb ging. Seit 2003 wird in Sellafield kein Strom mehr erzeugt; seit 2022 werden dort außerdem keine Kernbrennstoffe mehr wiederaufbereitet.

Radioaktive Abfälle lagern dort weiterhin. Nach Angaben der britischen Atomaufsicht liegt der Schwerpunkt deshalb auf der Sanierung und dem Rückbau kerntechnischer und anderer Anlagen sowie auf der sicheren Lagerung radioaktiver Abfälle. Der Wind von der Irischen See dürfte dabei nicht das größte Problem sein.

Hochtief kennt den Standort bereits

Ganz neu ist Hochtief in Sellafield nicht. Bereits 2025 wurde ein 15-jähriger Vertrag über Infrastrukturarbeiten im Wert von 685 Millionen Euro geschlossen. Der neue Rahmenvertrag erweitert damit die laufende Tätigkeit am Standort, statt bei null zu beginnen.

Hochtief verweist nach eigenen Angaben auf mehr als 70 Jahre Erfahrung im gesamten Lebenszyklus kerntechnischer Anlagen – von Planung und Bau über Modernisierung und Betrieb bis zum Rückbau. Der Nuklearsektor zählt neben digitaler Infrastruktur, Energie, Verteidigung und kritischen Mineralien zu den strategischen Wachstumsmärkten des Konzerns.

Hochtief-Vorstandschef Juan Santamaría erklärte, der Auftrag bestätige die starke Position des Unternehmens im Nuklearsektor. Santamaría ist zugleich Vorstandschef des spanischen Bau- und Infrastrukturkonzerns ACS, der Hochtief mehrheitlich gehört. Das Unternehmen mit Sitz in Essen ist seit dem 22. Juni im Dax gelistet.

Milliardenauftrag, kaum Bewegung an der Börse

Die Hochtief-Aktie zeigte nach der Bekanntgabe keine erkennbare Reaktion. Im Handelsverlauf bewegte sie sich ungefähr auf dem Schlusskurs des Vortags. Ein Milliardenauftrag – und an der Börse bleibt es zunächst erstaunlich ruhig.

Der Blick auf die Finanzmärkte war zuletzt ohnehin stark von einem anderen Infrastrukturthema geprägt: KI-Aktien stiegen drei Jahre lang überwiegend. Alphabet, Amazon, Meta und Microsoft planen Investitionen in Billionenhöhe. Diese Vorhaben trieben Halbleiter- und Infrastrukturwerte auf neue Höchststände.

Nun wird die Luft allerdings dünner. Steigende Anleiherenditen verteuern die Finanzierung, während sich die hohen KI-Ausgaben zunehmend nicht mehr aus laufenden Cashflows decken lassen. Günstigere chinesische KI-Modelle deuten zudem darauf hin, dass leistungsfähige künstliche Intelligenz möglicherweise mit deutlich weniger Rechenleistung auskommt.

Damit wächst das Risiko, dass neu errichtete Kapazitäten später nicht die erwarteten Renditen erzielen. Höhere Finanzierungskosten, Überkapazitäten und enttäuschende Cashflows könnten hoch bewertete KI-Unternehmen unter Druck setzen. Frühere Gewinner wären bei einer Korrektur womöglich die starken Verlierer. Ein „Spezialreport“ verweist in diesem Zusammenhang auf fünf Aktien, deren Chance-Risiko-Verhältnis als besonders problematisch dargestellt wird.

Sellafield folgt einer anderen, langsameren Logik: weniger Hype, mehr jahrzehntelange Verpflichtung. Anlagen müssen gepflegt, Stilllegungen geplant und radioaktive Abfälle sicher gelagert werden – während nebenan der Betrieb weiterläuft. Der neue Auftrag gibt Hochtief dafür bis zu 15 Jahre Zeit.