Boeing erhält 20-Milliarden-Dollar-Auftrag für den US-Marinejet F/A-XX
Am 30. September 2026 bekommt Boeing den Zuschlag für ein Projekt, das weit über eine neue Flugzeugproduktion hinausgeht: Das US-Verteidigungsministerium beauftragt den Konzern mit der Entwicklung und dem Bau des trägergestützten Tarnkappen-Kampfjets F/A-XX für die US-Marine. Der initiale Vertrag umfasst 20 Milliarden US-Dollar und zunächst die Entwicklung sowie den Bau von Testflugzeugen.
Boeing setzte sich gegen Northrop Grumman durch. Lockheed Martin war bereits im März 2025 aus dem Wettbewerb ausgeschieden. An der Börse wurde die Entscheidung prompt quittiert: Im nachbörslichen Handel legte die Boeing-Aktie um 2,25 Prozent zu, während Northrop Grumman 3,5 Prozent verlor.
Ein Auftrag für St. Louis – und für den Pazifik
Der Zuschlag soll die Kampfjet-Produktion am Boeing-Standort St. Louis im US-Bundesstaat Missouri stützen und langfristig sichern. Dort laufen die Fertigungslinien der älteren F/A-18 Super Hornet und der EA-18G Growler aus. Für die Beschäftigten geht es also nicht um irgendein neues Programm, sondern um die Frage, was nach diesen Baureihen kommt.
Der republikanische Senator Eric Schmitt aus Missouri hatte sich für die Fortführung der Finanzierung eingesetzt. Die Produktion von F/A-XX und F-47 werde zusätzliche Ingenieur- und Technologiefachkräfte nach Missouri bringen, erklärte er. Boeing gilt wegen seiner langjährigen Erfahrung mit trägergestützten Kampfjets der US Navy als Favorit beziehungsweise als besonders aussichtsreicher Bewerber.
Das Pentagon bezeichnet das F/A-XX-Programm als zentralen Bestandteil der US-Militärstrategie gegenüber China im Pazifik. Hintergrund ist die rasche Modernisierung der chinesischen Luftwaffe, die den Druck auf die US-Marine erhöht. Der neue Jet soll ab Anfang der 2030er-Jahre von Flugzeugträgern aus operieren. Die ersten Serienflugzeuge werden in den 2030er-Jahren erwartet; die erste Serienproduktion soll Anfang dieses Jahrzehnts beginnen.
Vorgesehen ist ein gemeinsamer Einsatz mit Lockheed Martins F-35C. Die F/A-18 Super Hornet soll voraussichtlich bis in die 2040er-Jahre im Dienst bleiben. Bis dahin muss die US-Marine also mit einer Mischung aus bewährten Maschinen und neuen Tarnkappenjets arbeiten – kein kleiner logistischer Brocken.
Zweiter großer Kampfjet-Auftrag in kurzer Zeit
Für Boeing ist der F/A-XX bereits der zweite große Kampfjet-Auftrag in Folge. Im März 2025 erhielt der Konzern den Zuschlag für den Tarnkappenjäger F-47 der US-Luftwaffe, der als Jagdflugzeug der sechsten Generation den F-22-Nachfolger bilden soll. Der Erstflug des F-47 ist für 2028 vorgesehen.
Dem neuen Auftrag gingen jahrelange Verzögerungen und Streitigkeiten voraus. Das Pentagon hatte bezweifelt, dass die US-Rüstungsindustrie genügend Ingenieurskapazitäten für die parallele Entwicklung zweier Tarnkappen-Kampfjets der sechsten Generation besitzt. Genau daran entzündete sich ein Teil der Debatte: Zwei ambitionierte Programme gleichzeitig, dazu die üblichen Kosten- und Terminrisiken – das kann schnell eng werden.
Der jetzt vereinbarte Entwicklungsvertrag ist nur der Anfang. Einschließlich späterer Produktionsaufträge, steigender Stückzahlen und möglicher internationaler Bestellungen könnte das Programm über seine gesamte Laufzeit ein Volumen von mehreren hundert Milliarden US-Dollar erreichen.
Mehr Geld für Flugzeuge, Raketen und Weltraumtechnik
Der F/A-XX-Auftrag fällt in eine Phase stark wachsender US-Verteidigungsausgaben. Für das am 30. September 2026 endende Fiskaljahr erwartet das Pentagon 1.000 Milliarden US-Dollar – 17 Prozent mehr als im Vorjahr. Für 2027 beantragte das Weiße Haus beim Kongress 1.450 Milliarden US-Dollar.
Wegen der für November 2026 geplanten Zwischenwahlen könnte der Kongress einzelne Ausgaben kürzen. Bei der militärischen Beschaffung zeigte er sich in den Fiskaljahren 2024 und 2025 allerdings großzügiger als beantragt. 2025 beliefen sich die gesamten US-Verteidigungsbeschaffungen auf rund 186 Milliarden US-Dollar, davon entfielen 88 Milliarden auf Fluggeräte, Raketen und Raumfahrttechnik.
Für diese Bereiche erwartet das US Department of War 2026 mehr als 100 Milliarden US-Dollar und 2027 mehr als 170 Milliarden US-Dollar – nahezu eine Verdoppelung gegenüber 2025. Die Raketenbeschaffung soll um den Faktor 3,5 steigen, die Ausgaben für militärische Weltraumtechnik auf das Fünffache.
Ein wesentlicher Teil dieses Anstiegs entfällt auf das geplante weltraumgestützte Raketenabwehrsystem „Golden Dome“. Präsident Trump nennt dafür Investitionen von 175 Milliarden US-Dollar und will das System vor dem Ende seiner Amtszeit Anfang 2029 in Betrieb nehmen. Analysten bezweifeln sowohl diesen Zeitplan als auch die Kostenschätzung. Todd Harrison vom American Enterprise Institute veranschlagt bis zu 3,6 Billionen US-Dollar über 20 Jahre. Ein künftiger Präsident könnte das Projekt nach einem Regierungswechsel stoppen oder deutlich verkleinern.
Parallel fließt Geld in Patriot-, Aegis- und weitere konventionelle Raketenabwehrsysteme, in die Abwehr von Hyperschallwaffen sowie in die Mehrzweckjets F-35 und den strategischen Bomber B-21. Der B-21 soll die älteren Bomber B-1, B-2 und B-52 ersetzen und steht kurz vor der Einführung.
Raketenbestände unter Druck
Die Dringlichkeit zeigt sich auch an den Erfahrungen aus dem Nahostkrieg. Bis Ende März 2026 meldete die US-Luftwaffe rund 2.000 Einsätze und den Verlust von zwei Maschinen. US-Raketenabwehrsysteme fingen einen großen Teil der vom Iran abgefeuerten Raketen ab – mit einem hohen Preis für die Vorräte.
Laut Center for Strategic Studies wurden in dem siebenwöchigen Krieg 50 Prozent der Patriot- und THAAD-Raketen verbraucht. Der Gesamtbestand aller US-Raketen sank demnach um etwa 45 Prozent. Bis das Vorkriegsniveau wieder erreicht ist, könnten laut Experten bis zu fünf Jahre vergehen.
Für das Fiskaljahr 2026 sind 13,1 Milliarden US-Dollar für die F-35 vorgesehen, 13,0 Milliarden für die weltraumgestützte Raketenabwehr und 11,7 Milliarden für die konventionelle Raketenabwehr einschließlich GMD, THAAD, Aegis und Patriot. Auf den B-21 entfallen 10,3 Milliarden US-Dollar, auf Satellitenkommunikation 5,9 Milliarden.
Für die ballistischen Raketen des Typs LGM-35A Sentinel sind 4,7 Milliarden US-Dollar eingeplant. F-15 und F-18 erhalten zusammen 4,4 Milliarden, der F-47 3,8 Milliarden. Systeme zur Hyperschallwaffenabwehr stehen mit 2,7 Milliarden US-Dollar im Plan.
Auch die Flotte wächst weiter: Bis 2054 wollen die USA sechs weitere Flugzeugträger bauen und kaufen. Für die Marine wird deshalb ein Nachfolger der eingesetzten F-35- und F-18-Varianten benötigt. Der F/A-XX befindet sich allerdings noch in einer frühen Entwicklungsphase – auf dem Papier ist der Bedarf klarer als das fertige Flugzeug.
Das Pentagon kritisiert den bestehenden Beschaffungsprozess und die Dominanz weniger großer Rüstungskonzerne als zu langsam, zu teuer und wenig reformbereit. Gesucht wird deshalb auch nach alternativen Anbietern, darunter Start-ups. Für das Militärgeschäft brauchen neue Unternehmen Erfahrung mit Ausschreibungen, Zertifizierungen und Sicherheitskontrollen. Wegen der hohen lokalen Wertschöpfungsanteile sind außerdem Investitionen in den USA oder Partnerschaften mit US-Unternehmen erforderlich.
Unternehmen aus NATO-Partnerstaaten wie Deutschland können grundsätzlich am US-Markt teilnehmen. Für Boeing beginnt derweil in St. Louis die nächste große Runde: Zwischen auslaufenden Produktionslinien, neuen Ingenieursteams und dem Lärm künftiger Testmaschinen soll dort ein Trägerflugzeug entstehen, das erst Anfang der 2030er-Jahre wirklich abheben soll.
