Vier Filme, ein Baustoff-Manifest: Wie Lehm, Stein und Restmaterialien das Bauen verändern
Baustoffe tragen mehr als Lasten. Sie erzählen von Macht, Armut, Herkunft und vom Klima, in dem wir künftig leben wollen. Genau dort setzt die 36. Ausgabe der Filmreihe „Architektur und Film“ an: Vier internationale Dokumentarfilme schauen auf Stein, Lehm und andere Materialien – und auf die Menschen, die mit ihnen bauen. Gezeigt wird in Kinos in Bielefeld, Düsseldorf, Münster und Dortmund.
Historische Hierarchien schwingen dabei immer mit. Stein kann Macht symbolisieren, Lehm Bescheidenheit. Industrialisierung und Globalisierung haben Abbau, Verarbeitung und weltweiten Transport von Baustoffen massiv ausgeweitet; regionale Ressourcen geraten darüber mitunter aus dem Blick. Die Filme fragen, was dieser Umgang mit Material für Ressourcen, Klima und das Zusammenleben bedeutet. Ein ziemlich großer Brocken – aber einer, der auf der Leinwand greifbar wird.
Vom Steinstaub zur Betonmetropole
Den Auftakt bildet „Architecton“ aus Russland, 2024, 98 Minuten. Regie und Buch stammen von Viktor Kossakovsky, die Kamera führte Ben Bernhard; mit dabei ist Michele De Lucchi. Ein älterer Architekt ordnet gemeinsam mit zwei Gärtnern in Norditalien Steine zu einem Kreis. Warum, das erschließt sich erst am Filmende.
Kossakovsky stellt den schnellen Rhythmus von Bauen und Abriss infrage – ebenso den hohen Energieaufwand für Herstellung und weltweiten Transport von Baumaterialien. Die Kamera wandert vom Staubkorn bis zum Beton und setzt natürliche Steinformationen neben Betonmetropolen. Termine: Bielefeld, 2. Oktober 2026, 18:30 Uhr; Düsseldorf, 7. Oktober 2026, 20:00 Uhr; Münster, 11. Oktober 2026, 17:00 Uhr; Dortmund, 3. November 2026, 19:00 Uhr.
„Toucher terre / All in earth“ ist eine Deutschlandpremiere aus Frankreich, 2024, 68 Minuten. Jérémie Basset führte Regie; das Buch schrieben Laetitia Fontaine, Romain Anger und weitere Beteiligte. Im Zentrum steht die Tradition des Lehmbaus und seine gegenwärtige Renaissance im Westen. Bei einem partizipativen Bauprojekt lernen Laien, mit Stroh, Wasser und Lehmboden zu bauen. Fachleute aus Archäologie, Architektur und Bautechnik erklären, warum sich Lehm mit geringem Aufwand fast überall herstellen lässt.
Der Film erzählt auch vom Verlust des Wissens über den eigenständigen Hausbau. Zu sehen ist der Streifen in Bielefeld am 4. Oktober 2026 um 15:00 Uhr, in Düsseldorf am 14. Oktober 2026 um 20:00 Uhr, in Münster am 18. Oktober 2026 um 17:00 Uhr und in Dortmund am 10. November 2026 um 19:00 Uhr.
Lehm, Kreisläufe und die Stadt
Lehm ist ein traditioneller Baustoff, der wieder stärker eingesetzt wird. Weil er regional verfügbar ist, können Transportwege und CO₂-Emissionen sinken. Als Naturstoff ist er vollständig recycelbar und ohne Qualitätsverlust wiederverwendbar. Dazu nimmt er Feuchtigkeit auf und gibt sie wieder ab, gleicht also das Raumklima aus. Seine hohe Wärmespeicherfähigkeit kann Temperaturschwankungen abpuffern und die Energieeffizienz unterstützen.
Auch bei Sanierungen kommt Lehm infrage, etwa zur denkmalgerechten und ökologischen Ertüchtigung historischer Bausubstanz. Angesichts knapper Ressourcen und des notwendigen kleineren ökologischen Fußabdrucks gewinnt nachhaltiges Bauen gerade in dicht besiedelten Städten an Bedeutung. Für Bauherren, Sanierer und Architekten werden Lehmbau und zirkuläres Bauen deshalb als mögliche Wege genannt.
Zirkuläres Bauen betrachtet den gesamten Lebenszyklus eines Gebäudes. Bauteile sollen am Nutzungsende einfach demontiert, wiederverwendet oder hochwertig recycelt werden können. Dafür braucht es unter anderem sortenreine und schadstofffreie Materialien, reversible Verbindungen und eine Dokumentation der verbauten Komponenten. Das kann die Abhängigkeit von Primärrohstoffen und Deponien verringern, Materialien zurückgewinnen und Umweltbelastungen reduzieren. Nebenbei entstehen Anstöße für neue Lösungen bei Baustoffen und in der Logistik.
Lehm passt in diesen Kreislauf, weil er regional verfügbar und recyclingfähig ist. Zusammen können Lehmbau und zirkuläres Bauen gesunde Lebens- und Arbeitsräume, weniger Ressourcenverbrauch und eine zukunftsfähige Bauwirtschaft unterstützen. Für deutsche Städte ist das auch eine Möglichkeit, auf den Klimawandel zu reagieren und langlebige, umweltfreundliche Gebäude zu schaffen – nicht als Zaubertrick, sondern als ziemlich handfeste Planungsaufgabe.
Behausungen aus dem, was da ist
„Bidonville“ aus Kanada, 2013, 81 Minuten, führt in eine andere Wirklichkeit. Jean Nicolas Orhon schrieb das Buch und führte Regie, Vincent Chimisso übernahm die Kamera. Etwa eine Milliarde Menschen errichten ihre Behausungen aus verfügbaren Materialien, ohne eigens produziertes oder importiertes Baumaterial.
Die Reise geht durch São Paulo, Istanbul, Mumbai, Rabat, New Jersey, Marseille und Kitcisakik in Québec. Gezeigt werden Siedlungen auf ehemaligem Ackerland, am Stadtrand, in Zeltstädten und Wohnwagensiedlungen. Trotz Armut bleiben Anpassungsfähigkeit, Kultur und Identität lebendig und werden innerhalb der Gemeinschaften weitergegeben. Termine: Bielefeld, 9. Oktober 2026, 18:30 Uhr; Düsseldorf, 21. Oktober 2026, 20:00 Uhr; Münster, 1. November 2026, 17:00 Uhr; Dortmund, 17. November 2026, 19:00 Uhr.
In „Hacer mucho con poco“, einer Deutschlandpremiere aus Ecuador von 2017, 84 Minuten, geht es um funktionale und ressourcenschonende Architektur, die an lokale Bautraditionen anknüpft. Katerina Kliwadenko und Mario Novas führten Regie und schrieben das Buch; Mario Novas war außerdem für die Kamera verantwortlich. Mit dabei: Alejandro Aravena.
Der Film dokumentiert eine junge Bewegung der lateinamerikanischen Architektur, die von einfachen Bauten außerhalb kapitalistischer Muster lernt. Im Mittelpunkt stehen Projekte des ecuadorianischen Büros Al Borde. Studierende, Nutzer und Architekten arbeiten gemeinsam, lokale Ressourcen und Naturmaterialien geben den Ton an. Zu sehen in Bielefeld am 11. Oktober 2026 um 15:00 Uhr, in Düsseldorf am 28. Oktober 2026 um 20:00 Uhr, in Münster am 15. November 2026 um 17:00 Uhr und in Dortmund am 24. November 2026 um 19:00 Uhr.
Was Kreislaufwirtschaft politisch braucht
Eine weitergehende Einordnung liefert die Kommission Nachhaltiges Bauen, KNBau, anlässlich der Nationalen Kreislaufwirtschaftsstrategie. Ihre Vision: eine Bauwirtschaft, die innerhalb planetarer Grenzen arbeitet und zur nachhaltigen Entwicklung beiträgt. Empfohlen werden ausdifferenzierte Definitionen für verschiedene Verwertungswege, Maßnahmen gegen Greenwashing und ein Label, das die Zirkularität von Bauprodukten ausweist.
Die Kreislaufwirtschaft wird dabei als materialbezogener Teil einer umfassenderen Zirkularwirtschaft verstanden. Der Bericht richtet sich an politische Entscheidungstragende und bereitet kreislaufgerechtes Bauen zugleich für Planende ganzheitlich auf. Er trägt den Titel „Transformation zu einer zirkulären Bauwirtschaft“, gehört zur Reihe „Position“, umfasst 48 Seiten und erschien im Juli 2024 beim Umweltbundesamt. Die Sprache ist Deutsch. Autorinnen und Autoren sind Prof. Annette Hillebrandt, Prof. Dr. Dirk A. Schwede und Prof. Josef Steretzeder.
Das PDF ist barrierefrei und 2,40 MB groß, eine Druckversion ist nicht verfügbar. Als Schlagworte nennt das Umweltbundesamt Bauen im Bestand, Kreislaufwirtschaft, nachhaltiges Bauen und Recyclingbaustoff.
Die Filmreihe läuft im Herbst 2026 – heute, am 25.09.2026, stehen die Termine in den vier Städten bereits fest. Wer nach dem Kino noch weiterdenken möchte, findet Material genug: im Lehm an der Hand, im Stein unter den Schuhen und vielleicht auch in der Frage, was von einem Gebäude übrig bleibt, wenn seine Nutzung längst vorbei ist.
