Bausymposium in St.Gallen: Wie Lernräume die Schule verändern
Am 5. und 6. November 2026 wird St.Gallen zum Treffpunkt für alle, die sich mit der Zukunft des Schulbaus beschäftigen. Beim 6. Bausymposium geht es unter dem Titel „Bildung und Raum – wie innovativer Bildungsbau die Schule verändert“ um eine ziemlich grundlegende Frage: Wie müssen Räume aussehen, damit zeitgemäßes und zukünftiges Lernen überhaupt stattfinden kann?
Veranstaltet wird das Symposium von der Baukaderschule St.Gallen und conceptk. Fachleute aus Architektur, Planung, Schulbehörden, Schulpraxis und Forschung diskutieren, wie Schulgebäude den Unterricht unterstützen können – und warum ein Raum manchmal mehr mitlernt, als man zunächst denkt.
Vom Flur mit Klassenzimmern zur Lernlandschaft
Viele bestehende Schulgebäude stammen aus einer Zeit, in der Frontalunterricht den Ton angab: lange Flure, gleich große Klassenräume, Tafel oder Whiteboard vorne, die Tische sauber in Reihen ausgerichtet. Dazu Pausenräume und Turnhalle. Ein vertrautes Bild, aber eines, das mit dem heutigen Schulalltag nur noch teilweise zusammenpasst.
Gruppenarbeit und individuelles Lernen gehören inzwischen ebenso dazu wie unterschiedliche Lerngeschwindigkeiten und Aufgaben. Lehrkräfte sind stärker als Lernbegleiter gefragt. Inklusion, Ganztagsbetreuung, Gesamtschulen, die Integration von Kindern mit geringen Deutschkenntnissen und die Digitalisierung stellen zusätzliche Anforderungen. Schülerinnen und Schüler können schließlich nicht über viele Stunden ausschließlich Wissen aufnehmen.
Die Architektin Rosan Bosch weist darauf hin, dass viele Kinder später Berufe ausüben werden, die es heute noch gar nicht gibt. Selbstständiges Lernen wird damit nicht zur netten Zugabe, sondern zu einer Fähigkeit, die Schulen fördern müssen. Otto Seydel vom Institut für Schulentwicklung beschreibt häufige Perspektivwechsel – zwischen Zuhören, Präsentieren, Beobachten und Anleiten – als Möglichkeit, ein Bewusstsein für das eigene Lernen zu entwickeln.
Enge, traditionelle Sitzordnungen helfen dabei wenig. Selbstständiges und individuelles Arbeiten braucht mehr Fläche, Bewegung und Auswahl. Sitzecken für Stillarbeit, Bereiche für Gruppenarbeit, Instruktions- und Versammlungszonen, Präsentations- und Ausstellungsflächen sowie Sport- und Außenanlagen können unterschiedliche Lernformen aufnehmen. Raumgliedernde Elemente ersetzen dabei mitunter feste Wände.
Der Begriff vom Raum als „drittem Pädagogen“ geht auf den Reggio-Pädagogen Loris Malaguzzi zurück. Gemeint ist: Neben Lehrkräften und Mitlernenden beeinflusst auch die Umgebung, ob Kinder zusammenarbeiten, sich konzentrieren oder selbstständig tätig werden. Studien zufolge wirken sich Akustik, Temperatur und eine einladende Umgebung auf den Lernerfolg aus. Dieselbe Klasse kann sich je nach Raumgestaltung erstaunlich unterschiedlich verhalten.
Alte Idee, neue Debatte
Ganz neu ist das alles nicht. Bereits in den 1960er- und 1970er-Jahren wurde mit offenen Lernräumen experimentiert. Ein Symposium des Europarats forderte 1968 mehr Flexibilität im Schulraum. Vor allem in Großbritannien und den USA entstanden offene Klassenzimmer und „Open-Plan“-Schulen – mit dem Ziel, unter anderem Kreativität und Vorstellungskraft zu fördern.
In den 1970er-Jahren gerieten offene Schulen wieder ins Hintertreffen. Wirtschaftskrise und politische Veränderungen führten zu einer Rückbesinnung auf traditionelle Modelle. Außerdem empfanden viele Schulen die Geräuschkulisse als zu hoch. Lehrkräfte hatten ihre Unterrichtskonzepte häufig nicht ausreichend an die neuen Räume angepasst. Nach Einschätzung des Architekten Christian Kühn wurden sie bei der Planung zu wenig beteiligt und konnten sich deshalb nicht auf die neuen Bedingungen vorbereiten. Seit den späten 1980er-Jahren gewann die Diskussion über offene Klassenzimmer gemeinsam mit Konzepten des individualisierten Lernens wieder an Gewicht.
Die Montag Stiftung Jugend und Gesellschaft hält das Prinzip „Ein Raum = eine Funktion“ inzwischen für nicht mehr zeitgemäß. Der Klassenraum wird eher zur „Werkstatt“: Flexible Elemente sollen individuelles und kooperatives Lernen ermöglichen, problemlösendes und kreatives Denken anregen und Lernende zur aktiven Beteiligung bringen. Das funktioniert allerdings nur, wenn sich auch die Pädagogik verändert. Herkömmlicher Unterricht in offenen Räumen kann sonst schnell in Lärm ausarten – da hilft dann selbst die schönste Lernlandschaft wenig.
Drei Organisationsmodelle sind besonders verbreitet. Beim Klassenraum-Plus-Modell bleiben traditionelle Klassenräume erhalten, werden aber um zusätzliche Flächen, Rückzugsorte, Gruppenräume oder größere Differenzierungsbereiche ergänzt. Im Cluster-Modell nutzen mehrere Klassen gemeinsam einen Raum-Pool; Räume können unterschiedlich kombiniert und getrennt werden. Die Lernlandschaft geht noch weiter: Der Unterricht findet weitgehend in offenen Räumen statt, herkömmliche Klassenzimmer können entfallen.
Neue Schulbauten setzen deshalb häufiger auf Lerncluster mit mehreren Unterrichtsräumen und gemeinsamen Flächen, offene Lernlandschaften sowie multifunktionale und veränderbare Bereiche. Auch bestehende Schulen lassen sich anpassen, manchmal bereits durch Veränderungen innerhalb der vorhandenen Klassenräume. Lehrkräfte sollen zudem nicht mehr nur als Einzelpersonen, sondern im Team arbeiten; dafür braucht es eigene Teamräume.
Was der Alltag mit dem Grundriss macht
Ein Beispiel ist die Hellerup Skole in Gentofte bei Kopenhagen, eine „Schule ohne Wände“. Sie besteht aus einem großen offenen Raum und hat keine herkömmlichen Klassenräume. Das Konzept entwickelten Architekten, Lehrkräfte, Gemeindevertreter, Eltern sowie Schülerinnen und Schüler gemeinsam über zwei Jahre.
Kurze Instruktionsphasen finden in hexagonalen Einbauten statt. Danach arbeiten die Schülerinnen und Schüler in offenen Lernzonen an Projekten. An bestimmten Tagen können sie im Café, zu Hause oder im Park lernen. Ruhigere Ecken erlauben konzentriertes Arbeiten, zwischendurch darf sich ein Kind bewegen und anschließend weiterlernen. Die Raumgestaltung soll Kooperation und Gemeinschaftssinn stärken und Kindern mit unterschiedlichen Bedürfnissen helfen, ohne sie aus der Klasse auszuschließen.
Auch das Ørestad Gymnasium in Kopenhagen ist als vollständig offener Schulraum gestaltet; eine große Treppe bildet dort das zentrale Verbindungselement. Die Alemannenschule in Wutöschingen kombiniert geschlossene „Inputräume“ mit offenen Bereichen für gemeinschaftliches und selbstständiges Lernen.
Das von conceptk begleitete Churermodell verbindet Unterrichtsorganisation und Raumgestaltung. Statt fester Sitzordnungen gibt es unterschiedliche Lernbereiche, kurze gemeinsame Inputphasen und längere Phasen individuellen Arbeitens. Den Arbeitsplatz wählen die Schülerinnen und Schüler je nachdem, ob sie Ruhe brauchen oder mit anderen zusammenarbeiten möchten.
Für die Alltagstauglichkeit eines solchen Raumkonzepts ist die frühe Beteiligung der späteren Nutzer entscheidend. Schulleitungen, Lehrkräfte sowie Schülerinnen und Schüler kennen Abläufe und Bedürfnisse, die in herkömmlichen Raumprogrammen nicht vollständig auftauchen. Susanne Lohstöter, pädagogische Beraterin und Sachverständige für Bildungslandschaften, fordert daher eine frühzeitige gemeinsame Planung von Pädagogik und Architektur. Schulgebäude prägen über Jahrzehnte, wie gelehrt und gelernt wird; Fehlentscheidungen später zu korrigieren, ist aufwendig.
Bei Neubauten und Umstrukturierungen sollen deshalb auch Eltern und kommunale Vertreter einbezogen werden. Schulen können sich zudem stärker in ihr städtisches Umfeld öffnen, sodass zentrale Bereiche von Anwohnern, Vereinen oder Institutionen genutzt werden können.
Digital lernen – und trotzdem Privatsphäre behalten
Eine gute technische Infrastruktur gilt als Voraussetzung für digitales Lernen. Spezielle Computerräume könnten durch Laptop- und Tabletklassen ersetzt werden, ergänzt um IT-Werkstätten mit Geräten wie 3D-Druckern. Digitale Technologien erweitern den Lernraum über das Schulgebäude hinaus: Parks, Cafés und Wohnungen werden zu informellen Lernorten.
Das klingt praktisch, wirft aber heikle Fragen auf. Wenn die Grenze zwischen Schule und Zuhause verschwindet, geht es um Datenschutz und Privatsphäre. Videokonferenzen könnten Lehrkräften Einblicke in das private Umfeld der Schülerinnen und Schüler geben. Auch Freizeit und privater Rückzugsraum der Kinder sollen geschützt bleiben.
In Deutschland führte Berlin im Februar 2018 als erstes Bundesland neue Standards für den Schulbau ein. München und Herford hatten zuvor das von Rainer Schweppe entwickelte Lern- und Teamhauskonzept als Standard übernommen. Mehrere Lern- und Teamhäuser gruppieren sich dabei um ein großes Forum, die Unterrichtsräume liegen darum herum. Trennwände ermöglichen flexible Teilungen und Erweiterungen, mindestens eine gläserne Wand verbindet die Räume visuell mit dem Forum. Ruheräume und Teamzonen für Lehrkräfte ergänzen die Lernbereiche.
Das Modell soll den Anforderungen des Ganztagsunterrichts gerecht werden. Kleinere Lernhäuser ermöglichen ein engeres Miteinander von Lernenden und Lehrenden; flexible Räume unterstützen methodische Vielfalt sowie individuellen und inklusiven Unterricht. Nach den im Artikel genannten Angaben weisen neu gestaltete Schulen höhere Abschlussquoten und geringere Wiederholungsraten auf. In Berlin waren 51 Schulen nach dem neuen Prinzip geplant, zehn davon sollten innerhalb von fünf Jahren bis 2021 fertiggestellt werden.
Planen, bevor der erste Ziegel liegt
Genau an diesem Punkt setzt conceptk an. Die interdisziplinäre Beratungsagentur entwickelt nutzerzentrierte Raum- und Nutzungskonzepte für Schulen und Verwaltungen und führt bereits in der Leistungsphase 0 Machbarkeitsstudien durch – mit Bedarfsermittlung, Flächenoptimierung und Bestandsanalyse. Pädagogen und Architekten arbeiten dabei zusammen und berücksichtigen unter anderem Bildung, New Work, Inklusion und Digitalisierung.
Das Bausymposium richtet sich an Architektinnen, Architekten und Planende, Schulbehörden und Bauämter von Gemeinden, Kantonen und Ländern, Schulleitungen und Lehrpersonen sowie Studierende der Architektur und Planung. Als Referierende werden unter anderem Christian Auerbach, Barbara Pampe, Andrea Gonzales, Anja Schmitz, Claudia Hug, Heiko Schöfer, Hemma Fasch, Joel Luc Cachelin, Juho Grönholm, Julian Weyer und Thomas Fischer genannt.
Programm und Anmeldung stehen unter gbssg.ch/weiterbildung/bau/bausymposium. Das Symposium knüpft dabei an eine Entwicklung an, die nicht nur Architekturbüros beschäftigt: Schulen sollen sich angesichts längerer Aufenthaltszeiten der Lernenden vom reinen Lernort zum ganztägig und flexibel nutzbaren Lebensraum entwickeln. Die Bedürfnisse der Schülerinnen und Schüler und der Lehrkräfte gehören dabei auf den Tisch – nicht erst, wenn der Grundriss längst beschlossen ist.
Auch Fortbildungen greifen diese Frage auf. Eine dreistündige Fortbildung in Zusammenarbeit mit der Bundesarbeitsgemeinschaft für Haltungs- und Bewegungsförderung (BAG) beschäftigt sich mit lernförderlichen Bedingungen, Gestaltungsmöglichkeiten, der Analyse vorhandener Räumlichkeiten und der Entwicklung räumlicher Veränderungsmöglichkeiten. Die Teilnahme ist nach Verfügbarkeit kostenfrei. Angeboten wird die Fortbildung als Präsenzveranstaltung oder als Abrufangebot direkt an der Schule mit individuell vereinbarten Terminen; die konkrete Inhaltsplanung wird nach Absprache an die jeweilige Schule angepasst.
Am Ende bleibt kein starres Rezept, sondern eine Menge Arbeit am konkreten Ort: Wer sitzt wo, wer braucht Ruhe, wann wird es laut, welche Wand muss eigentlich beweglich sein? Und manchmal beginnt die wichtigste Veränderung nicht mit einem Neubau, sondern damit, dass jemand im bestehenden Klassenraum einen Tisch verschiebt.
