Nord Stream im Stresstest: Ein intakter Strang, vier Explosionen und keine schnelle Rückkehr
Deutschlands Gasvorräte stehen im Herbst 2026 ungewöhnlich knapp da. Anfang September waren die Speicher nach Angaben des Speicherverbands INES zu rund 53 Prozent gefüllt – so wenig wie zu diesem Zeitpunkt seit Beginn der Aufzeichnungen vor 15 Jahren nicht. Technisch könnten sie bis zum 1. November noch etwa 77 Prozent erreichen. Das klingt zunächst nach Luft, ist aber kein Freibrief.
Prompt taucht deshalb die alte Forderung wieder auf: Nord Stream aufdrehen. Im Wahlkampf in Mecklenburg-Vorpommern plakatiert das BSW genau diesen Satz. AfD-Spitzenkandidat Enrico Schult befürwortet eine Wiederinbetriebnahme von Nord Stream 1 und 2 nach Kriegsende. Damit, so seine Darstellung, könnte ein Drittel des deutschen Gasverbrauchs gedeckt werden. Nur: Entscheiden würden darüber nicht Schwerin, sondern Berlin und die europäischen Institutionen.
Eine Leitung, vier Stränge – und ein politisches Minenfeld
Mecklenburg-Vorpommern war bis 2022 ein Anlandepunkt für russisches Gas. Nord Stream 1 verband Wyborg in Russland mit Lubmin; die beiden Röhren waren jeweils 1224 Kilometer lang. Die Idee dafür reicht bis in die 1990er-Jahre zurück. 2005 unterzeichneten Deutschland unter Bundeskanzler Gerhard Schröder und Russland unter Präsident Wladimir Putin eine Absichtserklärung. 2006 wurde die Nord Stream AG gegründet, beteiligt waren Gazprom und mehrere europäische Energieversorger.
2010 begann der Bau, 2011 und 2012 gingen die beiden Röhren in Betrieb. Nach Angaben des Betreibers sollten sie Europa mindestens 50 Jahre mit Gas versorgen, die Baukosten wurden mit 7,4 Milliarden Euro angegeben. Nord Stream 2 folgte: zwei weitere, jeweils etwa 1250 Kilometer lange Stränge, die wie Nord Stream 1 sämtliche Transitländer zwischen Russland und Deutschland umgehen sollten. Die Planungen starteten 2013, erste Verträge wurden 2015 geschlossen – trotz der russischen Annexion der Krim 2014.
Ukraine, Polen und die baltischen Staaten warnten ab 2016 zunehmend vor sicherheitspolitischen Folgen. Auch die EU äußerte Bedenken, aus den USA kam nach Donald Trumps Wahl zusätzlicher Widerstand. Trump warnte vor einer zu starken deutschen Abhängigkeit von russischer Energie. Die Bundesregierung hielt dagegen an Nord Stream fest und stellte das Projekt als Beitrag zur europäischen Energieversorgung und zur Friedenssicherung durch Handel dar. 2018 begann der Bau von Nord Stream 2, 2019 verschärfte sich der US-Druck; der damalige US-Botschafter in Berlin, Richard Grenell, schrieb beteiligten deutschen Unternehmen Drohbriefe.
2021 war Nord Stream 2 fertig. Olaf Scholz bezeichnete die Pipeline nach seinem Amtsantritt zunächst als privatwirtschaftliches Vorhaben. Am 22. Februar 2022 setzte er wegen der russischen Aggression gegen die Ukraine die Zertifizierung und damit das Genehmigungsverfahren aus. Zwei Tage später griff Russland die Ukraine an. Nord Stream 1 lief zunächst weiter, die Lieferungen wurden im Zuge der EU-Sanktionen und russischer Maßnahmen aber reduziert. Im Juli und August 2022 stellte Russland die Leitung nach eigenen Angaben wegen Wartungsarbeiten und einer defekten Turbine still, nahm die Lieferungen kurzzeitig begrenzt wieder auf und stellte sie Ende August erneut ein. Kremlsprecher Dmitri Peskow sagte, eine Wiederaufnahme werde erst nach einem Ende der Russland-Sanktionen erfolgen.
Am 26. September 2022 erschütterten vier Explosionen die Ostsee. Beschädigt wurden beide Stränge von Nord Stream 1 sowie Strang A von Nord Stream 2; Strang B blieb als einziger der vier Stränge intakt. Die Pipelines waren zu diesem Zeitpunkt außer Betrieb, aber mit Gas unter Druck gefüllt.
Die erste Explosion ereignete sich bei Nord Stream 2, Strang A, um 02:03 Uhr, rund 22 Kilometer südöstlich von Bornholm in der dänischen ausschließlichen Wirtschaftszone. Ihre seismische Stärke betrug 2,3. Drei weitere Explosionen folgten um 19:03 Uhr zwischen Bornholm und Öland in den AWZ Dänemarks und Schwedens, jeweils mit der Stärke 2,1. Die zerstörten Leitungsabschnitte lagen in 70 bis 80 Metern Tiefe und waren zwei bis 74 Kilometer voneinander entfernt. Eine Nord-Stream-1-Röhre wurde auf 250 Metern Länge zerstört, Nord Stream 2 noch stärker.
Über den Lecks schäumte tagelang Methan in einem Gebiet von etwa einem Kilometer Durchmesser an die Oberfläche. Die Wasseroberfläche wölbte sich bis zu 500 Meter seitlich der Berststellen. Nach Einschätzung deutscher Sicherheitsbehörden wirkten Sprengsätze mit einer Kraft von etwa 500 Kilogramm TNT. In den ersten Tagen stieg eine großflächige Methanwolke auf, später drang Meerwasser in die Pipelines ein. Das Deutsche Zentrum für Luft- und Raumfahrt schätzte die freigesetzte Menge 2025 auf 445.000 bis 485.000 Tonnen – ungefähr 0,1 Prozent der menschengemachten Methanemissionen des Jahres 2022.
Was unter Wasser zurückblieb
Dänemark verhängte am 26. September 2022 Sperrzonen für die Schifffahrt im Radius von fünf Seemeilen um die Lecks, der Flugverkehr unterhalb von 1.000 Metern wurde eingestellt. Am 29. September wurden die nördlichen Sperrzonen zu einem Gebiet mit sieben Seemeilen Radius zusammengelegt. Am Tag nach den Explosionen wurde die Baltic Pipe von Norwegen über Dänemark nach Polen eröffnet – ein Zufall im Kalender, der politisch natürlich sofort mitschwang.
Für Menschen bestand nach Einschätzung von Experten keine akute Vergiftungsgefahr: Methan ist ungiftig und löst sich teilweise im Wasser. Für das Klima war der Austritt dennoch erheblich, möglicherweise handelte es sich um die größte einzelne Methanfreisetzung überhaupt. Modellrechnungen der Universität Aarhus sahen eine Verletzungsgefahr für Schweinswale und Robben bis zu vier Kilometern an der Oberfläche und bis zu 20 Kilometern am Meeresboden. Mögliche Hörschäden bei Schweinswalen reichten bis zwölf Kilometer, bei Robben bis zu einem Kilometer. Eine messbare Verschiebung der Hörschwelle wurde bei Schweinswalen bis 50 Kilometer und bei Robben bis sechs Kilometer erwartet.
Rund 250.000 Tonnen Sediment könnten bis in 30 Meter Tiefe aufgewirbelt worden sein. In der Umgebung lagen historische Deponien mit chemischen Kampfstoffen wie Senfgas und Arsenverbindungen. Hinzu kamen Schwermetalle und Tributylzinn. Bei Nord Stream 1 überschritten Schadstoffkonzentrationen etwa 15 Tage, bei Nord Stream 2 rund 34 Tage lang Sicherheitsgrenzwerte. Insgesamt könnten etwa elf Kubikkilometer Meerwasser über mehr als einen Monat belastet gewesen sein.
Wie lange die Leitungen überhaupt noch reparierbar sind, bleibt umstritten. Das eindringende Meerwasser dürfte die Innenbeschichtung schnell korrodieren lassen. Nach manchen Einschätzungen sind die drei beschädigten Stränge wahrscheinlich irreparabel zerstört, andere halten eine aufwendige Reparatur für möglich. Russland erklärte im Oktober 2022, Nord Stream 2 sei technisch zunächst noch in geeignetem Zustand, eine Reparatur und Inbetriebnahme wegen der Sanktionen aber nicht möglich. Für mögliche Arbeiten an Nord Stream 1 wurden mindestens 500 Millionen US-Dollar genannt.
Die dänische Energiebehörde genehmigte im Januar 2025 technische Sicherungsarbeiten an der beschädigten Nord Stream 2, damit nicht noch mehr Gas austritt. Die intakte Leitung B war damals nach Angaben der Behörde mit Gas unter einem Druck von etwa 54 bar gefüllt. Nach Experteneinschätzung wäre derzeit nur dieser eine Strang ohne größeren Aufwand in Betrieb zu nehmen. Die drei anderen müssten aufwendig repariert werden; konkrete Kostenschätzungen liegen bislang nicht vor.
Ermittlungen, Verdächtige und viele offene Fragen
Dänische, schwedische und deutsche Behörden ermittelten wegen Sabotage und des Herbeiführens von Sprengstoffexplosionen. Schweden bestätigte, dass Sprengstoff die Lecks verursacht hatte, und vermutete wegen der erforderlichen Sprengstoffart einen staatlichen Akteur. Das Bundeskriminalamt äußerte im Oktober 2022 eine ähnliche Einschätzung. Untersuchungen von Greenpeace und der dänischen Polizei deuteten darauf hin, dass die Sprengsätze von außen auf die Leitungen einwirkten.
Die Explosionen fielen in eine ohnehin angespannte Zeit zwischen Russland, EU und USA. Russland hatte 2014 die Krim annektiert, Nord Stream 2 war seit dem Baubeginn 2015 umstritten, und Deutschland genehmigte die Leitung nach dem russischen Überfall im Februar 2022 nicht. Dänemark, Schweden, Polen, Deutschland und die EU-Kommission gingen von vorsätzlich herbeigeführten Explosionen aus. Der NATO-Rat sprach von absichtlicher, rücksichtsloser und unverantwortlicher Sabotage. Putin nannte den Anschlag „internationalen Terrorismus“.
Russland forderte 2023 eine unabhängige Untersuchung der Vereinten Nationen. Der Resolutionsentwurf scheiterte; Russland, China und Brasilien stimmten dafür, zwölf Staaten enthielten sich. Ein Bericht des US-Journalisten Seymour Hersh behauptete eine US-amerikanisch-norwegische Urheberschaft, blieb wegen unbestätigter Quellen und Unstimmigkeiten umstritten. 2023 kursierten ohnehin mehrere Theorien. China verlangte im April 2024 eine internationale Untersuchung, während die Bundesregierung auf die Ermittlungen der Bundesanwaltschaft verwies. Schweden und Dänemark stellten ihre Untersuchungen im Februar 2024 ein und übergaben mögliche Beweismittel an Deutschland. Zwischenergebnisse veröffentlichte die Bundesregierung im Juli 2024 nicht, um den Untersuchungszweck nicht zu gefährden.
Der deutsche Ermittlungsansatz führte zur 15 Meter langen Segelyacht „Andromeda“, die eine polnische Firma in Rostock gechartert hatte. An Bord wurden laut Ermittlungen Spuren von Oktogen, DNA und Fingerabdrücke gefunden. Die Bundesanwaltschaft geht von einem Skipper, vier Tauchern und einem Sprengstoffexperten aus. Die Gruppe soll vom ukrainischen Geheimdienstoffizier Serhij K. angeleitet worden sein. Mindestens vier Sprengsätze mit jeweils 14 bis 27 Kilogramm eines Hexogen-Oktogen-Gemischs sollen an Verbindungsnähten angebracht worden sein, weil die Betonummantelung dort weniger widerstandsfähig ist. Gegen K. und fünf weitere Personen wurden Haftbefehle erlassen; ein siebter Verdächtiger soll vermutlich im Krieg gegen Russland gefallen sein.
Im August 2025 wurde Serhij K. in Italien festgenommen. Ein Berufungsgericht in Bologna ordnete am 16. September seine Auslieferung nach Deutschland an, nach Rechtsmitteln setzte das italienische Kassationsgericht sie zunächst aus. Am 27. Oktober bestätigte das Berufungsgericht die Auslieferung erneut, am 19. November wurde die letzte Revision verworfen. Am 27. November übergab Italien K. der deutschen Polizei. Er wurde dem Bundesgerichtshof vorgeführt und in Untersuchungshaft genommen. Ein ehemaliger ukrainischer Militärkommandeur erklärte im Dezember 2025, K. sei zur Tatzeit Elitesoldat gewesen und habe Aufträge seiner Einheit ausgeführt. Der Bundesgerichtshof verwarf im Dezember 2025 seine Haftbeschwerde.
Im Juni 2026 erhob die Bundesanwaltschaft Anklage gegen K. vor dem Staatsschutzsenat des Hanseatischen Oberlandesgerichts in Hamburg. Das Gericht ließ die Anklage zu. Der Prozess soll am 14. Oktober 2026 beginnen, bis zum 17. Dezember sind 16 Verhandlungstage angesetzt. Laut Anklage soll K. eine Gruppe aus Berufstauchern, einem Skipper und einem Sprengstoffexperten geführt haben, die die Sprengsätze an den Pipelines befestigte.
Mitte August wurde in Kroatien ein weiterer mutmaßlicher ukrainischer Tatbeteiligter festgenommen. Es handelt sich um Wolodymyr Z., der auch Wolodymyr S. transkribiert wird. Ende September 2025 war er bereits in Polen festgenommen worden; ein Warschauer Gericht lehnte Mitte Oktober seine Auslieferung nach Deutschland ab und ließ ihn frei. Das Gericht beanstandete unzureichende Informationen zum mutmaßlichen Tathergang und prüfte den Vorwurf nicht inhaltlich. Es sah Auslieferungshindernisse: Zweifel an der Anwendbarkeit deutschen Rechts, weil die Tat außerhalb deutschen Hoheitsgebiets stattfand, außerdem den Umstand, dass die Pipelines Eigentum Russlands seien. Die Sprengung könne als militärische Handlung zur Verteidigung der Ukraine gegen den russischen Angriffskrieg angesehen werden. Im August 2026 wurde Z. in Kroatien erneut festgenommen.
Schon im August 2024 hatte die deutsche Justiz nach einem mutmaßlich beteiligten Ukrainer gesucht, der sich offenbar in die Ukraine abgesetzt hatte. Die polnische Staatsanwaltschaft bestätigte damals den Erhalt eines Europäischen Haftbefehls gegen Wolodymyr Z.; laut „Tagesschau“ war er bereits im Juni übermittelt worden. Z. soll zuletzt in Polen gelebt haben und Anfang Juli in die Ukraine ausgereist sein. Ein Formfehler verhinderte offenbar den Zugriff: Deutschland hatte ihn nicht in das Schengen-Register für Personen mit Europäischem Haftbefehl eingetragen, weshalb der polnische Grenzschutz nicht zugreifen konnte.
Die ukrainische Führung weist eine staatliche Beteiligung zurück. Präsident Wolodymyr Selenskyj erklärte, die Regierung in Kyjiw habe sich offiziell nie an einer mit der Sprengung verbundenen Operation beteiligt. Wer den Anschlag letztlich angeordnet und finanziert hat, ist weiterhin ungeklärt.
Gaspreis, Sanktionen und der Blick nach vorn
Die hohen Gaspreise treffen bundesweit vor allem die chemische Industrie. BASF und Evonik planen wegen der anhaltend hohen Preise Stellenkürzungen. Teure chemische Vorprodukte, darunter Düngemittel, verteuern zugleich die Produktion in der Landwirtschaft. Das kann am Ende im Supermarktregal landen. Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche sagte am 8. September 2026, die Bundesregierung könne jederzeit handeln, warnte aber davor, dass der Staat selbst zum Preistreiber werde.
Putin erklärte im Juni 2026, Russland könne Nord Stream mit einer Regierungsentscheidung Deutschlands wieder in Betrieb nehmen. Laut Reuters sagte er, Russland könne bis zu 28 Milliarden Kubikmeter Gas jährlich liefern. Rechtlich ist eine Wiederaufnahme unter den aktuellen Bedingungen ausgeschlossen: Die EU verhängte im Juli 2025 mit dem 18. Sanktionspaket ein vollständiges Transaktionsverbot für Nord Stream 1 und 2. Es umfasst Fertigstellung, Instandhaltung, Betrieb und jede künftige Nutzung. Die Nord Stream 2 AG steht weiterhin auf einer US-Sanktionsliste. Bundeskanzler Friedrich Merz erklärte im Mai 2025, Deutschland werde verhindern, dass Nord Stream 2 wieder in Betrieb genommen wird.
Und selbst wenn politische und rechtliche Hindernisse verschwänden, wäre ein kräftiger Preisrutsch nicht garantiert. Im Winter 2021, also vor der Abschaltung von Nord Stream, kostete eine Megawattstunde Gas im Großhandel bereits rund 90 Euro. Eine Ursache war die hohe Nachfrage nach dem Ende der Corona-Pandemie. Das Bundeswirtschaftsministerium betont deshalb, eine Wiederinbetriebnahme führe nicht automatisch zu einem bestimmten Gaspreis. Den aktuellen größten Preisschub beim Gas führt der Artikel auf den von US-Präsident Donald Trump begonnenen Iran-Krieg und die dadurch verschärfte Lage an der Straße von Hormus zurück.
Einfach den Hahn aufdrehen – das klingt auf einem Wahlplakat angenehm unkompliziert. In der Realität stehen davor beschädigte Leitungen, unklare Reparaturkosten, Sanktionen, Ermittlungen und ein Krieg. Die naheliegende energiepolitische Konsequenz lautet daher nicht Rückkehr zu einer einzigen Quelle, sondern größere Diversifizierung: Deutschland soll Gas und andere Energieträger aus mehreren Quellen beziehen und eigene Kapazitäten ausbauen. Nord Stream begann als Projekt für 50 Jahre Versorgung. Heute ist schon die Frage, ob überhaupt noch ein intakter Strang sinnvoll nutzbar wäre, ein Fall für Gerichte, Behörden und sehr viel Geduld.
