Nord Stream: Wie die Ostsee-Pipelines vom Milliardenprojekt zum politischen Sprengsatz wurden
Die Ostsee ist an diesem 10. Oktober 2026 ruhig. Unter der Wasseroberfläche ist die Geschichte der Nord-Stream-Pipelines allerdings alles andere als still. Während in Deutschland über Baukosten, Energiepreise und neue Leitungen gesprochen wird, stehen die deutschen Gasspeicher Anfang September bei rund 53 Prozent – so niedrig wie zu diesem Zeitpunkt seit Beginn der Aufzeichnungen vor 15 Jahren nicht. Technisch könnten sie bis zum 1. November noch etwa 77 Prozent erreichen.
Im Wahlkampf in Mecklenburg-Vorpommern wird deshalb wieder über Nord Stream gesprochen. Das BSW plakatiert „Nord Stream aufdrehen“. AfD-Spitzenkandidat Enrico Schult befürwortet eine Wiederinbetriebnahme von Nord Stream 1 und 2 nach Kriegsende. Nach seiner Darstellung könnte damit ein Drittel des deutschen Gasverbrauchs gedeckt werden. Nur: Entscheiden würden darüber nicht Schwerin, sondern der Bund und die europäische Ebene. Mecklenburg-Vorpommern war bis 2022 ein Anlandepunkt für russisches Gas.
Vom Milliardenprojekt zum politischen Sprengsatz
Die Vorgeschichte reicht weit zurück. Erste Überlegungen für eine direkte Gasverbindung durch die Ostsee gab es bereits in den 1990er-Jahren. 2005 unterzeichneten Deutschland unter Bundeskanzler Gerhard Schröder und Russland unter Präsident Wladimir Putin eine Absichtserklärung für Nord Stream 1. Die Pipeline sollte russisches Gas unter Umgehung von Transitländern nach Deutschland bringen.
2006 wurde die Nord Stream AG gegründet, beteiligt waren Gazprom und mehrere europäische Energieversorger. Der Bau begann 2010. Die beiden jeweils 1224 Kilometer langen Röhren verbanden Wyborg in Russland mit Lubmin in Mecklenburg-Vorpommern. 2011 und 2012 gingen sie in Betrieb; nach Angaben des Betreibers sollten sie Europa mindestens 50 Jahre mit Gas versorgen. Die Baukosten wurden mit 7,4 Milliarden Euro angegeben.
Ab 2013 wurde Nord Stream 2 geplant: zwei weitere, jeweils etwa 1250 Kilometer lange Stränge parallel zu Nord Stream 1. 2015 folgten erste Verträge – trotz der russischen Annexion der Krim im Jahr 2014. Die Ukraine, Polen und die baltischen Staaten warnten ab 2016 verstärkt vor sicherheitspolitischen Folgen, auch die EU äußerte Bedenken. In den USA wuchs nach Donald Trumps Wahl zum Präsidenten der Widerstand. Trump warnte vor einer zu starken deutschen Abhängigkeit von russischer Energie.
Die Bundesregierung hielt dagegen an dem Projekt fest und stellte es als Beitrag zur europäischen Energieversorgung und zur Friedenssicherung durch Handel dar. 2018 begann der Bau von Nord Stream 2. Angela Merkel räumte ein, dass neben wirtschaftlichen auch politische Faktoren eine Rolle spielten, lehnte einen Stopp aber ab. 2019 schrieb der damalige US-Botschafter in Berlin, Richard Grenell, deutschen Unternehmen, die an Nord Stream beteiligt waren, Drohbriefe.
2021 war Nord Stream 2 fertig. Olaf Scholz sprach sich nach seinem Amtsantritt zunächst gegen einen politisch begründeten Stopp aus und bezeichnete die Pipeline als privatwirtschaftliches Vorhaben. Am 22. Februar 2022 setzte Scholz wegen der russischen Aggression gegen die Ukraine die Zertifizierung und damit das Genehmigungsverfahren aus. Zwei Tage später griff Russland die Ukraine an.
Die Lieferungen über Nord Stream 1 liefen zunächst weiter, wurden aber im Zuge von EU-Sanktionen und russischen Maßnahmen reduziert. Im Juli und August 2022 begründete Russland die Stilllegung zunächst mit Wartungsarbeiten und einer defekten Turbine. Kurzzeitig floss wieder begrenzt Gas, Ende August war erneut Schluss. Kremlsprecher Dmitri Peskow erklärte, eine Wiederaufnahme werde erst nach einem Ende der Russland-Sanktionen erfolgen.
Explosionen, Sperrzonen und eine Methanwolke
Am 26. September 2022 wurden vier Explosionen registriert. Beschädigt wurden beide Stränge von Nord Stream 1 sowie Strang A von Nord Stream 2; Strang B von Nord Stream 2 blieb als einziger der vier Stränge intakt. Die Leitungen waren zu diesem Zeitpunkt außer Betrieb, aber mit Gas unter Druck gefüllt.
Die erste Explosion ereignete sich um 02:03 Uhr an Nord Stream 2, Strang A, rund 22 Kilometer südöstlich von Bornholm in der dänischen ausschließlichen Wirtschaftszone. Die seismische Stärke betrug 2,3. Drei weitere Explosionen folgten um 19:03 Uhr zwischen Bornholm und Öland in den ausschließlichen Wirtschaftszonen Dänemarks und Schwedens, jeweils mit einer seismischen Stärke von 2,1.
Die zerstörten Leitungsabschnitte lagen in 70 bis 80 Metern Tiefe und waren 2 bis 74 Kilometer voneinander entfernt. Eine Nord-Stream-1-Röhre wurde auf 250 Metern Länge zerstört, Nord Stream 2 noch stärker. Über den Lecks schäumte tagelang Methan in einem Gebiet von etwa einem Kilometer Durchmesser an die Oberfläche. Das Wasser wölbte sich dabei bis zu 500 Meter seitlich der Berststellen.
Nach Einschätzung deutscher Sicherheitsbehörden hatten die Sprengsätze eine Wirkung von etwa 500 Kilogramm TNT. In den ersten Tagen trat eine großflächige Methanwolke aus, später drang Meerwasser in die Leitungen ein. Das Deutsche Zentrum für Luft- und Raumfahrt schätzte 2025 die freigesetzte Menge auf 445.000 bis 485.000 Tonnen – etwa 0,1 Prozent der menschengemachten Methanemissionen des Jahres 2022.
Dänemark verhängte am 26. September 2022 Sperrzonen für die Schifffahrt in einem Radius von fünf Seemeilen um die Lecks. Der Flugverkehr unterhalb von 1.000 Metern wurde eingestellt. Am 29. September wurden die nördlichen Sperrzonen zu einem Bereich mit sieben Seemeilen Radius zusammengelegt.
Die Explosionen ereigneten sich rund ein halbes Jahr nach Beginn des russischen Angriffs auf die Ukraine, vor dem Hintergrund angespannter Beziehungen zwischen Russland, der EU und den USA. Dänemark, Schweden, Polen, Deutschland und die EU-Kommission gingen von vorsätzlich herbeigeführten Explosionen aus. Der NATO-Rat nannte die Beschädigung eine absichtliche, rücksichtslose und unverantwortliche Sabotage. Putin sprach von „internationalem Terrorismus“.
Am Tag nach den Explosionen wurde die Baltic Pipe von Norwegen über Dänemark nach Polen eröffnet. Russland forderte 2023 eine unabhängige Untersuchung der Vereinten Nationen. Der Resolutionsentwurf wurde nicht angenommen; Russland, China und Brasilien stimmten dafür, zwölf Staaten enthielten sich. Ein Bericht des US-Journalisten Seymour Hersh, der eine US-amerikanisch-norwegische Urheberschaft behauptete, blieb wegen unbestätigter Quellen und Unstimmigkeiten umstritten.
Ökologisch war die Sache nicht mit dem Verschwinden der Blasen erledigt. Experten sahen zwar keine akute Vergiftungsgefahr, weil Methan ungiftig ist und sich teilweise im Wasser löst. Die Freisetzung trug aber zur globalen Erwärmung bei und wurde als möglicherweise größte einzelne Methanfreisetzung bezeichnet.
Modellrechnungen der Universität Aarhus zufolge bestand für Schweinswale und Robben an der Oberfläche bis zu vier Kilometer weit und am Meeresboden bis zu 20 Kilometer weit Verletzungsgefahr. Mögliche Hörschäden bei Schweinswalen wurden bis zwölf Kilometer, bei Robben bis einen Kilometer entfernt erwartet. Eine messbare Verschiebung der Hörschwelle könnte bei Schweinswalen bis zu 50 Kilometer und bei Robben bis zu sechs Kilometer gereicht haben.
Rund 250.000 Tonnen Sediment könnten bis in 30 Meter Tiefe aufgewirbelt worden sein. In der Umgebung lagen historische Deponien mit chemischen Kampfstoffen wie Senfgas und Arsenverbindungen. Zusätzlich wurden Schwermetalle und Tributylzinn freigesetzt. Bei Nord Stream 1 überschritten Schadstoffkonzentrationen etwa 15 Tage, bei Nord Stream 2 etwa 34 Tage lang Sicherheitsgrenzwerte. Insgesamt könnten rund elf Kubikkilometer Meerwasser über mehr als einen Monat belastet worden sein.
Ermittlungen zwischen Andromeda und Hamburg
Dänische, schwedische und deutsche Behörden leiteten Ermittlungen wegen Sabotage und des Herbeiführens von Sprengstoffexplosionen ein. Schwedische Ermittler bestätigten, dass Sprengstoff die Lecks verursacht hatte. Wegen der erforderlichen Sprengstoffart vermuteten sie einen staatlichen Akteur, zunächst ohne dessen Identität zu kennen. Das Bundeskriminalamt äußerte im Oktober 2022 eine ähnliche Einschätzung.
Untersuchungen von Greenpeace und der
