Pachtpreise bringen 82 Prozent der Höfe zum Rückzug
Auf den Feldern wird nicht nur um Erträge, sondern zunehmend auch um jeden zusätzlichen Hektar gerungen. Steigende Pachtpreise bremsen viele landwirtschaftliche Betriebe. Eine nicht repräsentative agrarheute-Umfrage unter 866 Leserinnen und Lesern zeigt, wie tief der Kostendruck inzwischen sitzt.
37 Prozent haben das Mitbieten um zusätzliche Flächen eingestellt, weil sich die Bewirtschaftung zu den aktuellen Preisen nicht mehr rechnet. Weitere 28 Prozent verlängern zwar bestehende Pachtverträge trotz hoher Kosten, pachten aber keine neuen Flächen. 17 Prozent geben Pachtflächen ab oder planen, ihren Pachtanteil zu verringern. Für 7 Prozent sind hohe Pachten kaum ein Problem, etwa weil sie über einen großen Anteil an Eigentumsflächen verfügen. 3 Prozent machten keine Angabe oder fanden keine passende Antwort.
Wenn jeder Hektar zur Rechenaufgabe wird
Unterm Strich erklärten 82 Prozent, dass sie wegen der hohen Pachtpreise nicht mehr mitbieten, neue Flächen nicht mehr für wirtschaftlich halten, Pachtflächen reduzieren oder bestehende Verträge nur aus strategischen Gründen verlängern. Das ist ein ziemlich deutlicher Einschnitt. Denn wer Flächen abgibt, spart zwar Kosten, riskiert aber zugleich, dass die betriebliche Grundlage schrumpft.
Genau darin liegt der Zielkonflikt: Neue Flächen rechnen sich kaum noch, doch der Verlust bestehender Pachtflächen kann einen Betrieb ebenfalls schwächen. Für viele Betriebsleiter ist das keine theoretische Frage, sondern eine Entscheidung am Küchentisch, zwischen Buchführungsordner, Taschenrechner und dem Gefühl, dass die nächste Pachtverhandlung unangenehm werden könnte.
Die wirtschaftliche Grundlage für die Pacht wird in der Agrarökonomie mit der Grundrente beschrieben. Gemeint ist der Betrag, der nach Abzug aller übrigen Kosten einschließlich der kalkulatorischen Entlohnung der Familienarbeit und der Verzinsung des Eigenkapitals für den Boden verbleibt. Sie zeigt also, wie viel ein Betrieb langfristig höchstens für Pacht zahlen könnte, ohne die eigene Arbeit und das eigene Kapital geringer zu entlohnen.
Thünen-Daten zeigen eine angespannte Rechnung
Eine Analyse des Thünen-Instituts untersuchte Buchführungsdaten von Haupterwerbsbetrieben über 15 Wirtschaftsjahre, von 2008/09 bis 2022/23. Rund 60 Prozent der untersuchten Betriebe konnten ihre Pachtkosten nicht vollständig aus der Grundrente finanzieren, wenn die eigene Arbeit und das eingesetzte Kapital angemessen entlohnt werden sollten.
Die durchschnittlichen Pachtaufwendungen stiegen im Untersuchungszeitraum von 240 Euro auf 390 Euro je Hektar. Das entspricht einem durchschnittlichen jährlichen Anstieg von etwa 3,7 Prozent beziehungsweise einem Plus von rund 150 Euro je Hektar.
Die Grundrente schwankte dagegen kräftig. Im Wirtschaftsjahr 2009/10 lag sie im Durchschnitt bei 44 Euro je Hektar, 2022/23 bei 773 Euro. Wechselnde Erzeugerpreise, Erträge und Kosten schlugen hier unmittelbar durch. Im 15-Jahres-Mittel erreichte die Grundrente 336 Euro je Hektar und lag damit rund 54 Euro unter den durchschnittlichen Pachtaufwendungen.
Für die Betriebsleiter bedeutet das mitunter: Bei der eigenen Entlohnung oder bei der Verzinsung des Eigenkapitals müssen Abstriche gemacht werden. Nach Schätzungen der Forscher wäre im Durchschnitt eine Reduktion des Lohnansatzes um etwa 10 Prozent nötig, damit die Grundrente das Niveau der Pachtaufwendungen erreicht.
Eine negative Grundrente bedeutet allerdings nicht zwingend einen Jahresverlust oder akute Zahlungsprobleme bei der Pacht. Auch ein positiver Buchgewinn ist möglich. Dieser deckt jedoch nicht zwangsläufig die Kosten für Familienarbeit und Eigenkapital vollständig. Die Rechnung sieht dann auf dem Papier ordentlich aus, während die eigene Arbeit und das gebundene Geld teilweise unter Wert laufen.
Die Schere zwischen den Betrieben wächst
Zwischen den Betrieben liegen Welten. Das erfolgreichste Viertel kam im 15-Jahres-Mittel auf mehr als 530 Euro Grundrente je Hektar. Das erfolgloseste Viertel erzielte durchschnittlich weniger als minus 430 Euro je Hektar. Die Differenz beträgt damit rund 970 Euro je Hektar und hat sich im Untersuchungszeitraum weiter vergrößert.
Die besten 10 Prozent erreichten sogar mehr als 1.200 Euro Grundrente je Hektar – fast das Vierfache des durchschnittlichen Pachtaufwands. Wirtschaftlich starke und wachstumswillige Betriebe können deshalb höhere Angebote abgeben als weniger rentable Höfe. Sie beeinflussen den Wettbewerb um frei werdende Flächen besonders stark; die Pachtpreise orientieren sich dadurch eher an den finanziellen Möglichkeiten dieser Betriebe als an denen des Durchschnittsbetriebs.
Mit zunehmender Fläche oder Tierzahl stieg die Grundrente tendenziell. Größere Betriebe können daher häufig höhere Pachtangebote abgeben. Für wirtschaftlich schwächere Betriebe wird die Luft entsprechend dünner. Die Forscher halten bei ihnen ohne strukturelle Anpassungen eine Betriebsaufgabe beim Generationswechsel oder andere Veränderungen für wahrscheinlich.
Regional erzielten Betriebe im Nordwesten Deutschlands die höchsten durchschnittlichen Grundrenten. In Mittel- und Süddeutschland lagen sie niedriger. Als Gründe nennt die Untersuchung Unterschiede bei Agrarstrukturen, Betriebsgrößen und Produktionsrichtungen.
Auch nach Betriebsform zeigt sich ein klares Bild: Veredlungsbetriebe kamen durchschnittlich auf 448 Euro Grundrente je Hektar, Ackerbaubetriebe auf 349 Euro. Bei sonstigen Futterbaubetrieben lag der Wert bei minus 39 Euro je Hektar.
Ackerbau besonders unter Druck
Ackerbaubetriebe sind von steigenden Pachten besonders stark betroffen. Dort machen Pachtzahlungen durchschnittlich rund 11 Prozent der gesamten betrieblichen Aufwendungen aus. Wenn der Pachtpreis steigt, bleibt bei schwankenden Erzeugerpreisen und Erträgen entsprechend weniger Spielraum – und der ist ohnehin nicht gerade üppig.
Betriebe mit niedriger Grundrente müssen zwischen höherer Wertschöpfung, einer Anpassung der Betriebsstruktur und einer geringeren Entlohnung der eigenen Arbeit oder des eigenen Kapitals abwägen. Das kann heißen, Flächen abzugeben, die Produktion zu verändern oder stärker auf Wachstum zu setzen. Keine dieser Entscheidungen ist mal eben nebenbei erledigt.
Die Thünen-Forscher sehen einen staatlichen Pachtdeckel deshalb nicht als einfache Lösung. Strukturelle Unterschiede zwischen den Betrieben blieben bestehen, ebenso Unterschiede bei Wertschöpfung, Betriebsstruktur und Management. Bei knappen Flächen hätten wirtschaftsstarke Betriebe auch mit einer Preisobergrenze weiterhin einen Wettbewerbsvorteil.
Auf dem Pachtmarkt bleibt damit ein merkwürdiges Spannungsfeld: Viele Höfe können die geforderten Preise aus ihrer Grundrente nicht vollständig tragen, während finanzstarke und wachstumsorientierte Betriebe weiter hohe Gebote abgeben. Für manche geht es um den nächsten Wachstumsschritt, für andere schlicht darum, die bisher bewirtschafteten Flächen nicht zu verlieren. Die Zahlen reichen dabei vom Minus von 430 Euro bis zu mehr als 1.200 Euro Grundrente je Hektar – und irgendwo dazwischen entscheidet sich, wer beim nächsten freien Stück Land überhaupt noch mitbieten kann.
