Strompreise unter Druck: Was günstigere Elektrizität für Haushalte und Baustellen bedeutet
Hohe Energiekosten drücken auf Haushalte, Betriebe und Baustellen. In Deutschland kostet Strom für private Haushalte im Durchschnitt 39 Cent pro Kilowattstunde. Damit gehört das Land laut Europäischer Kommission zu den EU-Staaten mit den höchsten Haushaltsstrompreisen; nur Irland liegt mit 40 Cent je kWh noch darüber. Für Familien ist das längst keine abstrakte Zahl mehr, sondern eine Rechnung, die spürbar schwerer im Briefkasten liegt.
Ein Gutachten der Stiftung Klimaneutralität schlägt deshalb vor, Strom deutlich günstiger und Erdgas teurer zu machen. Die Stromsteuer für Haushalte soll auf das europäische Mindestniveau sinken, außerdem soll die Mehrwertsteuer auf Strom von 19 auf 7 Prozent reduziert werden. Das könnte rund 6 Cent je Kilowattstunde sparen. Bei einem Jahresverbrauch von 3.500 kWh wären das knapp 200 Euro jährlich.
Weniger Abgaben auf Strom, mehr auf Gas
Eine Senkung der Stromsteuer für private Haushalte war bereits im Koalitionsvertrag von Union und SPD vorgesehen. Umgesetzt wurde sie bislang jedoch nur für das produzierende Gewerbe sowie für die Land- und Forstwirtschaft. Die Bundesregierung will private Haushalte und Unternehmen bei den Energiepreisen entlasten und Deutschland wieder auf Wachstumskurs bringen.
Vorgesehen sind dafür unter anderem die Abschaffung der Gasspeicherumlage und ein Bundeszuschuss zur Senkung der Strom-Netzentgelte. Zusammen sollen Verbraucherinnen und Verbraucher dadurch rund 10 Milliarden Euro jährlich entlastet werden. Hinzu kommen 17 Milliarden Euro, die bereits durch die Übernahme der früheren EEG-Umlage eingespart werden. Für einen Haushalt mit 3.500 kWh Strom- und 20.000 kWh Gasverbrauch sollen sich 2026 durchschnittlich rund 160 Euro Ersparnis ergeben.
Der Preisabstand zwischen Strom und Gas bleibt dennoch ein Knackpunkt. Auf Strom entfallen derzeit 12,6 Cent je kWh für Steuern, Umlagen und Abgaben, bei Gas sind es 3,6 Cent. Nach Ansicht der Gutachter erschwert diese Differenz den Umstieg von Gas auf Strom – etwa auf Wärmepumpen. Genau hier soll die Gegenfinanzierung ansetzen: Die Erdgassteuer könnte von derzeit 0,55 auf 1 Cent je kWh steigen. Für einen Haushalt mit 20.000 kWh Jahresverbrauch bedeutete das rund 110 Euro zusätzliche Bruttokosten.
Die Rechnung für den Bund fällt beträchtlich aus. Die Stromsteuersenkung würde schätzungsweise 2,5 Milliarden Euro pro Jahr kosten, die niedrigere Mehrwertsteuer weitere 5,8 Milliarden Euro. Die höhere Erdgassteuer brächte zwar sofort zusätzliche Einnahmen. Ein vorgeschlagenes Amortisationskonto verschiebt Kosten hingegen zunächst in die Zukunft.
Netze, EEG und die Suche nach Spielraum
2026 beträgt der Bundeszuschuss zu den Übertragungsnetzentgelten rund 6,5 Milliarden Euro. Anstelle dieser Konstruktion soll ein Amortisationskonto treten. Die Kosten des Netzausbaus würden dann nicht sofort vollständig über die Netzentgelte umgelegt, sondern über einen längeren Zeitraum verteilt. Ein ähnliches Modell wird bereits beim Wasserstoff-Kernnetz genutzt. Das klingt im ersten Moment entlastend, die Rechnung verschwindet dadurch freilich nicht.
Weitere Einsparungen sieht die Stiftung bei der EEG-Förderung. Betreiber erhalten für eingespeisten Strom eine festgelegte Vergütung. Liegt der Börsenpreis darunter, wird die Differenz über die Marktprämie ausgeglichen. Bei hohen Börsenpreisen sinken die staatlichen Ausgaben. Problematisch wird es, wenn gleichzeitig viel Wind- und Solarstrom produziert wird: Dann können die Börsenpreise sehr niedrig oder sogar negativ sein.
In solchen negativen Preisphasen entfällt zwar die Marktprämie, gleichzeitig sinkt aber der durchschnittliche Jahresmarktwert des Ökostroms. In den übrigen Stunden steigen dadurch die Ausgleichszahlungen. Der Bund zahlte 2025 rund 16,5 Milliarden Euro als Zuschuss zur EEG-Förderung.
Die Stiftung empfiehlt deshalb ein flexibleres Stromsystem. Stromspeicher, Wärmepumpen und Elektroautos sollen bevorzugt dann geladen oder betrieben werden, wenn Überschüsse vorhanden sind. Wind- und Solarstrom könnten dadurch zu stabileren Preisen verkauft werden; negative Strompreise und staatliche Zuschüsse würden womöglich seltener. Ob das funktioniert, hängt allerdings davon ab, ob das System tatsächlich rasch flexibler wird. Das Amortisationskonto verteilt Kosten nur über die Zeit, während die höhere Erdgassteuer unmittelbar Geld einnimmt. Und der Umstieg von Gas auf Strom wird auch davon beeinflusst, wie attraktiv Strom für Verbraucher und Unternehmen am Ende wirklich ist.
Entlastung für Betriebe und Baustellen
Für die Jahre 2026 bis 2028 wurde ein Industriestrompreis eingeführt. Die Europäische Kommission genehmigte ihn am 16. April 2026, die entsprechende Förderrichtlinie trat am 7. Mai 2026 in Kraft. Profitieren sollen energieintensive Unternehmen angesichts hoher Energiepreise – darunter Hersteller von Taschentüchern, Schrauben, Stahl und Kupfer.
Der Industriestrompreis ergänzt die dauerhaft geltende Strompreiskompensation, die auf weitere Branchen ausgeweitet werden soll. Bereits zu Jahresbeginn wurde die Stromsteuer für mehr als 600.000 produzierende Unternehmen dauerhaft auf den EU-Mindestsatz gesenkt. Die Regelung gilt auch für die Land- und Forstwirtschaft. Begünstigt werden große und mittelständische Betriebe, darunter Fleischereien, Bäckereien, energieintensive Unternehmen und das Baugewerbe. Für Baustellen, Werkstätten und Produktionshallen ist das keine Nebensache: Strom läuft dort nicht nur am Schreibtisch, sondern an Maschinen, Kränen und Kompressoren.
Europas teurer Strom hat viele Ursachen
Steigende Strompreise belasten in ganz Europa die Haushalte und gefährden die Wettbewerbsfähigkeit der Industrie. Als Ursachen gelten geopolitische Spannungen, der Klimawandel und die notwendige Energiewende. Die EU hat unter Ursula von der Leyen ein Maßnahmenpaket zur Stabilisierung und langfristigen Senkung der Stromversorgungskosten vorgestellt.
Nach der COVID-19-Pandemie war die Nachfrage zunächst gesunken, und damit gingen die Preise vorübergehend zurück. Mit der wirtschaftlichen Erholung zog der Verbrauch stark an; zwischen Angebot und Nachfrage entstand ein Ungleichgewicht. Der Krieg in der Ukraine verschärfte die Unsicherheit an den Energiemärkten und Europas Abhängigkeit von fossilen Brennstoffen. Unsichere Gaslieferungen aus Russland trieben sowohl Gas- als auch Strompreise nach oben.
Viele europäische Länder sind weiterhin stark von Gaskraftwerken abhängig. Steigt der Gaspreis, verteuert sich dadurch direkt die Stromerzeugung. Das schlägt schließlich dort auf, wo der Baustellenkaffee aus der Maschine kommt, die Heizung in der Werkhalle läuft oder ein Betrieb seine Öfen und Anlagen nicht einfach abschalten kann.
Das EU-Maßnahmenpaket verbindet kurzfristige und langfristige Strategien. Für bestimmte Energiequellen sind kurzfristig Preiskontrollen oder Preisobergrenzen vorgesehen. Sie könnten Verbraucher und Unternehmen unmittelbar entlasten. Gleichzeitig besteht das Risiko, dass Energieerzeuger wirtschaftlich unter Druck geraten und die Versorgungssicherheit langfristig leidet.
Parallel will die EU den Ausbau von Wind- und Solarenergie beschleunigen. Mehr erneuerbare Energien sollen die Abhängigkeit von fossilen Brennstoffen und externen Energiequellen verringern. Eine diversifizierte Stromerzeugung könnte die Preisvolatilität reduzieren und den Energiemarkt widerstandsfähiger machen. Ob der Strom dann auch auf der nächsten Rechnung leichter wirkt, entscheidet sich am Ende an vielen kleinen Stellschrauben – und an der großen Frage, wer welche Kosten trägt.
