Frankfurt am Main, Wiesbaden, Offenbach und Hanau wollen beim zirkulären Bauen künftig an einem Strang ziehen. Auf der Immobilienmesse Expo Real in München gründeten die vier Städte gemeinsam mit dem Offenbacher Netzwerk „Circle – der Ort für zirkuläres Bauen“ die „Initiative Kreislaufwirtschaft FrankfurtRheinMain“. Die entsprechende Absichtserklärung wurde am ersten Tag der Messe unterzeichnet.

Auf dem Papier klingt das zunächst nach einem weiteren Bündnis. Dahinter steckt allerdings ein ziemlich konkreter Plan: Die Metropolregion soll zu einem führenden Standort für Kreislaufwirtschaft und zirkuläres Wirtschaften in Deutschland und Europa werden. Wegen ihrer hohen Siedlungs- und Wirtschaftsdichte soll FrankfurtRheinMain als Modellregion dienen. Kurze Wege zwischen Industrie, Forschung und Verbrauchern könnten dabei helfen, eine ganzheitliche Kreislaufwirtschaft in die Praxis zu bringen.

Vier Städte, ein gemeinsamer Startpunkt

Unterzeichnet haben Staatssekretärin Ines Fröhlich vom Hessischen Ministerium für Wirtschaft, Energie, Verkehr, Wohnen und ländlichen Raum, Frankfurts Bürgermeister und Wirtschaftsdezernent Dr. Nils Kößler, Wiesbadens Oberbürgermeister Gert-Uwe Mende, Offenbachs Stadtkämmerer Martin Wilhelm, Hanaus Oberbürgermeister Dr. Maximilian Bieri sowie Circle-Initiator Daniel Imhäuser. Das Hessische Wirtschaftsministerium unterstützt den gemeinsamen Ansatz der vier Städte.

Das Netzwerk Circle bringt nach eigenen Angaben bereits fast 100 Unternehmen und Verbände in die Partnerschaft ein. Es arbeitet branchenübergreifend und soll Fachwissen, Kontakte und praktische Erfahrungen in die neue Initiative einbringen. Die Städte wollen Unternehmen bei der Umstellung auf eine Kreislaufwirtschaft unterstützen, die Rahmenbedingungen für eine innovative und wettbewerbsfähige Wirtschaft verbessern und den Standort langfristig resilient und zukunftsfähig aufstellen.

Auch neue Möglichkeiten für Innovation und Wertschöpfung stehen auf der Liste. Frankfurts Bürgermeister Nils Kößler bezeichnete Kreislaufwirtschaft als strategisches Zukunftsthema – für Umwelt, Ressourcen- und Flächenverbrauch ebenso wie für die wirtschaftliche Entwicklung. Hohe Energie- und Kraftstoffpreise könnten seiner Einschätzung nach die Entwicklung neuer Geschäftsmodelle begünstigen.

Baustoffe sollen im Kreislauf bleiben

Als erster Schwerpunkt ist der starke Bau- und Immobiliensektor vorgesehen. Im Mittelpunkt stehen zirkuläres Bauen und nachhaltige Immobilienentwicklung. Materialien sollen möglichst in geschlossenen Kreisläufen gehalten werden, statt nach kurzer Nutzung als Abfall zu enden. Der Hintergrund ist bekannt, aber schwer zu ignorieren: Die Bauwirtschaft verbraucht große Mengen an Ressourcen und verursacht zugleich ein hohes Abfallaufkommen.

Wiesbaden will seine Industrie, die Bautätigkeit sowie Recycling- und Industriebetriebe einbringen. Oberbürgermeister Gert-Uwe Mende sieht vor allem darin Potenzial, Baustoffe und Abbruchmaterialien konsequent als Rohstoffe zu nutzen. Für ihn verbindet sich zirkuläres Bauen mit ressourcenschonender Stadtentwicklung, Standortpolitik, neuen Märkten und zusätzlichen Arbeitsplätzen.

Offenbach wiederum möchte Wirtschaft, Innovation und Praxiswissen der beteiligten Standorte bündeln. Die Initiative knüpft dabei an den im Offenbacher Masterplan vorgesehenen gemeinsamen Einsatz von Stadt, Wirtschaftsförderung, Politik und Privatwirtschaft für die Standortentwicklung an.

Hanau will den Erfolg nicht an großen Ankündigungen messen, sondern an konkreten Projekten und funktionierenden regionalen Stoffkreisläufen. Wegen seiner Stärken in Industrie, Materialtechnik und Forschung sieht die Stadt gute Voraussetzungen. Das Ziel: aus vorhandenen Ressourcen neue Wertschöpfung erzeugen.

Werkzeuge für die Praxis

Für Architekten, Planer, Bauherren und Kommunen gibt es bereits Unterstützung. Der Verband für Bauen im Bestand stellte laut Bericht vom 9. Oktober 2026 die Linksammlung „Nachhaltig! Zirkulär! Aber wie?“ bereit. Sie umfasst kostenfreie Leitfäden, Werkzeuge und Datenbanken – also Material für den Schreibtisch, nicht bloß für die Sonntagsrede.

Behandelt werden unter anderem Ökobilanzierung, Dekarbonisierungspfade, Klimarisiken und Fördermöglichkeiten. Hinzu kommen Marktplätze für Urban Mining, Gebäuderessourcenpässe und sortenreines Bauen. Gerade bei Umbau, Rückbau und Neubau können solche Informationen entscheidend sein, wenn aus dem Anspruch ein belastbarer Ablauf auf der Baustelle werden soll.

Mit der Allianz und der Einbindung von Fachakteuren wollen die vier Städte die Rahmenbedingungen für kreislauforientierte Projekte schaffen und die Transformation zu einer nachhaltigen Wirtschaft vorantreiben. Als nächster Schritt soll die Kreislaufwirtschaft auf weitere Branchen ausgeweitet werden, darunter die Chemie- und Pharmaindustrie. Bis dahin dürfte im Bau- und Immobiliensektor noch genug zu tun sein – bei Materialien, Planung und der Frage, was nach dem Rückbau eigentlich übrig bleibt.