In Tirana beginnt der Abend seit dem 23. Mai 2026 oft mit Marschmusik, Rufen und kleinen Flamingofiguren in den Händen der Demonstrierenden. Tausende Menschen ziehen durch die Innenstadt, vom Skanderbeg-Platz zum Bulevardi Dëshmorët e Kombit vor dem Ministerratssitz. Seit Ende Mai reißen die Kundgebungen kaum ab. Was als Umweltprotest gegen ein Bauprojekt an der albanischen Adriaküste begann, ist zur regierungskritischen „Flamingo-Revolution“ geworden.

Im Mittelpunkt steht das geplante Luxusprojekt Sazan Island Resort, auch „Kushner Island“ genannt. Auf der bislang unbewohnten Insel Sazan und an der Küste bei Zvërnec sollen Luxushotels, private Villen, Apartments, Freizeiteinrichtungen und ein Jachthafen entstehen. Geplant sind rund 1,4 Milliarden Euro Investitionen und insgesamt etwa 10.000 Hotelzimmer für Tausende Gäste. Federführend sind Jared Kushner und Ivanka Trump; beteiligt ist außerdem die katarische Power International Holding (PIH) sowie weitere Unternehmen.

Flamingos gegen die Luxuspläne

Zvërnec liegt nahe der Narta-Lagune, einem der letzten weitgehend unberührten Küstenabschnitte der albanischen Adria. Das Natura-2000-Gebiet rund um die Lagune und die Region Vjosa-Narta sind Rast- und Lebensraum für rund 200 Vogelarten – darunter Flamingos, Zugvögel, Krauskopfpelikane, Eisvögel und Reiher. Im Vjosa-Delta warnen Umweltschützer vor Schäden am Ökosystem, falls die Bucht von Zvërnec und Teile der Lagune für den Luxustourismus erschlossen werden.

Die Flamingos wurden zum Symbol der Bewegung. Ihr Bild taucht auf Plakaten auf, kleine Figuren werden bei Kundgebungen hochgehalten. Daher der Name, der zunächst fast niedlich klingt und inzwischen ziemlich scharf daherkommt: „Flamingo-Revolution“. Das zentrale Motto lautet „Albania is not for sale“ – „Albanien steht nicht zum Verkauf“.

Die ersten Demonstrationen gab es am 23. Mai am Bauplatz, nachdem die Küste abgesperrt worden war. Zunächst protestierten vor allem Einheimische, denen der Zugang zum Strand verwehrt wurde, und Umweltschützer. Ende Mai standen Tausende am neu errichteten Stacheldrahtzaun des Geländes. Es flogen Steine, die Polizei setzte Tränengas ein. Am 30. Mai kam es zu Zusammenstößen mit privaten Sicherheitskräften; drei Menschen wurden im Zusammenhang mit Gewalt gegen Demonstrierende festgenommen, ein Demonstrant wurde von Sicherheitsleuten weggezerrt und verletzt. Nach der öffentlichen Empörung trat der Polizeidirektor von Vlora zurück.

Auch ungewöhnliche Protestformen gehören dazu. Die albanisch-australische Schwimmerin Eva Buzo schwamm am 6. Juni 15 Kilometer um die Insel Sazan. Bei einem Fußballspiel zwischen Albanien und Israel versuchten Demonstrierende am 3. Juni, zum Stadion zu gelangen; dabei kam es zu Auseinandersetzungen mit der Polizei. Die Bewegung setzt auf öffentliche Versammlungen, Verkehrsblockaden, Medienboykotte und Cyberaktivismus und bekennt sich grundsätzlich zur Gewaltfreiheit.

Streit um Land, Genehmigungen und Firmen

Die Regierung stufte das Vorhaben als „strategische Investition“ ein. Damit sind beschleunigte Genehmigungsverfahren möglich; laut AFP erhielt Kushners Investmentfirma diesen Status von albanischen Behörden. Ein Anfang 2025 beschlossenes Gesetz erlaubt Überbauungen von Naturschutzgebieten bei strategischen Investitionen. Kritiker sehen darin den politischen Schlüssel für die geplante Bebauung geschützter Flächen.

Im Januar 2025 genehmigte die Regierung das Projekt in einem intransparenten Verfahren unter Ausschluss der Öffentlichkeit. Die Rosa-Luxemburg-Stiftung berichtet, Vorbereitungsarbeiten liefen bereits, obwohl Ministerpräsident Edi Rama wiederholt erklärt habe, das Projekt existiere noch nicht. Ende Mai waren Baumaschinen auf dem vorgesehenen Gelände aufgefahren – genau das löste die anhaltende Protestwelle aus. Rama sagt weiterhin, es liege derzeit noch keine Baugenehmigung vor.

Bei Zvërnec ist eine zweite große Hotelanlage geplant. PIH ist über die Firma „Albania Land Development“ beteiligt, die Baugenehmigung ging an „South Adriatic Development LCC“. Wegen mehrerer Briefkastengesellschaften bleibt die Verbindung zwischen den Unternehmen unklar. Der frühere Eigentümer Artur Shehu erhielt nach den vorliegenden Angaben 127 Millionen US-Dollar für die Grundstücke. Gegen ihn liefen Ermittlungen wegen Drogenhandels und Geldwäsche. Die Flächen sollen einem per Haftbefehl gesuchten mutmaßlichen Drogenhändler gehören, die Besitzurkunden möglicherweise gefälscht sein.

Die albanische Antikorruptionsstaatsanwaltschaft SPAK beschlagnahmte Teile der vorgesehenen Bauflächen. Anfang Juni leitete sie Untersuchungen zu Grundstücksübertragungen und Umzonungen der zuvor geschützten Gebiete ein; Vermögenswerte beteiligter Firmen und Geschäftsleute sollen beschlagnahmt worden sein. Es geht also nicht nur um Hotelzimmer mit Meerblick, sondern auch um die Frage, wem der Boden gehört und wie er seinen Status verändert hat.

Vom Küstenprotest zum Aufstand gegen Rama

In Tirana fanden ab Anfang Juni allabendlich Demonstrationen statt. Am 30. Juni nahm die Polizei sechs Menschen fest, nachdem Eier auf Fahrzeuge von Ministern und Abgeordneten geworfen worden waren. Am 2. Juli flogen vor dem Parlament erneut Eier, Mehl und andere Gegenstände. Die Polizei setzte einen Wasserwerfer ein; mehrere Polizisten und ein Demonstrant wurden verletzt, 18 Menschen festgenommen.

Bei den jüngsten Auseinandersetzungen in Tirana wurden laut staatlicher Nachrichtenagentur ATA 15 Polizisten und vier Demonstranten wegen Verletzungen in Krankenhäusern behandelt. Erstmals gab es auch tagsüber Proteste. Nach albanischen Medienberichten versuchten Demonstrierende, das Parlamentsgebäude zu blockieren, und warfen Eier und Mehl auf Polizisten; Wasserwerfer und Pfefferspray kamen zum Einsatz. Nach der Wiederaufnahme der Parlamentssitzungen wurden Zugänge blockiert, Fahrzeuge von Abgeordneten mit Tomaten und Eiern beworfen. Festnahmen erfolgten teilweise durch zivile Polizeibeamte. Auch bei einem nicht genehmigten Protest, bei dem Schüler vor einer Schule zum Boykott aufgerufen wurden, wurden Menschen festgenommen.

Nach der 100. Demonstration in Folge wurden im September zahlreiche Social-Media-Konten von Oppositionellen und Aktivisten deaktiviert. Meta erklärte, viele Konten seien irrtümlich gesperrt und anschließend wieder aktiviert worden; andere würden noch geprüft. Ein kleiner digitaler Ruck, der in einer ohnehin aufgeheizten Lage sofort politisch gelesen wurde.

Die Forderungen reichen inzwischen weit über den Baustopp hinaus: Ministerpräsident Edi Rama und die Regierung sollen zurücktreten. Gefordert wird eine parteiunabhängige technische Übergangsregierung für zwölf Monate. Außerdem verlangen die Protestierenden Änderungen des Wahlsystems und der Parteienfinanzierung, eine Begrenzung der Amtszeit des Ministerpräsidenten auf höchstens acht Jahre mit Zustimmung der Bevölkerung per Referendum, die Aufhebung des Gesetzes 21/2014 zu Überbauungen in Naturschutzgebieten sowie die Rücknahme von Regelungen zur Lockerung des Kulturgüterschutzes und des sogenannten „Mountain Package“. Am Ende soll ein neuer Gesellschaftsvertrag zwischen Bürgern und Staat stehen.

Die Bewegung wird nicht von Parteien getragen, hat keine offizielle Führung und vereint Menschen mit unterschiedlichen sozialen, politischen und ideologischen Hintergründen. Viele distanzieren sich auch von der Opposition. Oppositionsführer Sali Berisha unterstützt das Resort ebenfalls und wurde gemeinsam mit Rama zum Rücktritt aufgefordert. Einige Demonstrierende und Kommentatoren sehen ihn deshalb bei dieser Frage als politischen Verbündeten des Premierministers.

Rama bekräftigt seine Unterstützung für das Resort, weist Fehlverhaltensvorwürfe zurück und sagt, die Umwelt werde nicht gefährdet. Einen Grund zur Besorgnis gebe es nicht. Die Proteste bezeichnete er als Teil eines „hybriden Krieges“ durch Feinde Albaniens und Israels oder spielte ihre Bedeutung herunter. Dass Rama vor knapp zwei Jahren eine Lockerung des Gesetzes zu Naturschutzgebieten veranlasst hatte und dadurch die Erschließung des Vjosa-Deltas für Luxustourismus möglich wurde, gehört für seine Gegner zum Kern der Geschichte.

Auch in Frankfurt stehen die Flamingos

Die Proteste haben längst die albanische Hauptstadt verlassen. Kundgebungen gibt es in anderen Städten und bei albanischen Vertretungen im Ausland, unter anderem in Berlin, London und Wien. In Frankfurt trifft sich die albanische Diaspora wöchentlich unter dem