Project Jupiter: Oracles KI-Rechenzentrum gerät zwischen Gas, Wasser und 18 Milliarden Dollar Kreditrisiko
Mitten in der trockenen Landschaft von Doña Ana County im US-Bundesstaat New Mexico wächst ein Bauprojekt, das nach Computerwolke klingt, aber sehr viel Beton, Stahl, Gasleitungen und Wasser braucht: Oracle plant dort den KI-Rechenzentrumscampus „Project Jupiter“. Rund 1.400 Acres, also etwa 567 Hektar, sollen bebaut werden. Vorgesehen sind mehrere Rechenzentrumsgebäude, technische Anlagen, eigene Stromerzeugung und Energiespeicher.
Die geplante elektrische Leistung liegt bei etwa 2,45 Gigawatt. Zum Vergleich: Das entspricht rechnerisch fast einem Fünftel der zuletzt verfügbaren elektrischen Netto-Sommerleistung New Mexicos von rund 12,5 Gigawatt. Ein einzelner Campus zieht damit in eine Größenordnung vor, bei der das bestehende Stromnetz allein kaum reichen dürfte. Und genau dort beginnt der Ärger.
Ein Campus, der mehr als Rechenleistung braucht
Project Jupiter ist Teil von Oracles Verpflichtung, OpenAI innerhalb von fünf Jahren mit KI-Infrastruktur im Wert von mehr als 300 Milliarden US-Dollar zu versorgen. Im Rahmen der Stargate-Initiative hat Oracle außerdem bis zu 4,5 Gigawatt neue Kapazität an mehreren US-Standorten zugesagt. Der Konzern will sich mit langfristig gebundener KI-Kapazität gegen AWS, Microsoft Azure und Google Cloud behaupten.
Bei einem KI-Rechenzentrum reicht es allerdings nicht, ein Gebäude fertigzustellen und später die Server hineinzuschieben. Beschleuniger, Netzwerke, Kühlung und Stromversorgung müssen gleichzeitig funktionieren. Eine halb fertige Anlage erzeugt daher nicht automatisch halb so viel Umsatz. Verzögerungen bei Bau, Energieversorgung, Brennstoffzufuhr, Kühlung, Serverinstallation oder Kundennutzung können Milliardenbeträge zwischen Betreiber, Entwicklern, Kreditgebern und Kunden verschieben.
Oracle hat gegenüber Stack Infrastructure, einem zu Blue Owl Capital gehörenden Entwickler, eine Force-Majeure-Mitteilung abgegeben. Im Mittelpunkt steht die möglicherweise nicht rechtzeitige Sicherung der Energieversorgung. Oracle versucht nach bisherigem Stand nicht, aus dem Projekt auszusteigen. Der Konzern will sich vielmehr gegen eine verspätete Betriebsbereitschaft absichern.
Der Mietvertrag wird als „Hell-or-High-Water“-Vertrag beschrieben. Zahlungsverpflichtungen bleiben danach grundsätzlich auch unter schwierigen Umständen bestehen. Trotzdem könnten sich die regulären höheren Mietzahlungen möglicherweise um bis zu drei Jahre verschieben. Das wäre kein vollständiger oder dauerhafter Zahlungsstopp: Oracle müsste voraussichtlich weiterhin bestimmte Entwicklungs- und Projektkosten tragen und bliebe grundsätzlich langfristig gebunden.
Blue Owl zufolge bleiben die langfristigen finanziellen Verpflichtungen unverändert. Der Streit dreht sich vor allem um den Beginn umfangreicher Zahlungen. Für die Finanzierung ist das trotzdem heikel: Eine Verschiebung reduziert den Gegenwartswert der Zahlungen und erschwert die Bedienung der Projektfinanzierung, während Bau-, Zins- und Finanzierungskosten weiterlaufen.
Vom Gasturbinenplan zur Brennstoffzelle
Ursprünglich sollten Gasturbinen und Dieselgeneratoren teilweise die Grundversorgung übernehmen. Dagegen gab es Widerstand, vor allem wegen lokaler Luftschadstoffe und Treibhausgasemissionen. Für die geplante Erdgasversorgung war eine Pipeline von etwa 17 Meilen beziehungsweise 27 Kilometern nötig. Dafür mussten Durchleitungsrechte und Genehmigungen gesichert werden; Teile der Strecke betrafen staatliches Treuhandland.
Anträge wurden abgelehnt oder mussten neu geplant werden. Zeitweise fehlte damit der Brennstoffpfad für die Eigenversorgung. Oracle und seine Partner stellten die Energieplanung teilweise auf Brennstoffzellen von Bloom Energy um. Vorgesehen sind mehr als 2.000 Festoxid-Brennstoffzellen mit einer Gesamtleistung von annähernd 2,45 Gigawatt.
Diese Brennstoffzellen können effizienter arbeiten und weniger Stickoxide ausstoßen als Gasturbinen. Erdgas brauchen sie unter den aktuellen Planungen aber weiterhin in großen Mengen. Der Engpass verschiebt sich damit von der Erzeugungstechnologie zur Gasversorgung. Eigene Stromerzeugung bedeutet eben keine energetische Autarkie: Der Primärenergieträger muss nach wie vor über externe Gasinfrastruktur angeliefert werden. Der Campus wäre weniger vom Stromnetz, dafür stärker vom Gasnetz abhängig.
Tausende Brennstoffzellenmodule bringen zudem ihre eigene Kleinarbeit mit: Wartung, Steuerung und Verfügbarkeit müssen dauerhaft funktionieren. Ein einziges Modul fällt aus, viele andere laufen weiter – aber bei einer Anlage dieser Größenordnung summieren sich solche Abweichungen schnell.
Bei Erdgasbetrieb bleibt das Vorhaben fossil. Kohlendioxid und möglicherweise Methanemissionen entlang der Lieferkette gehören zur Rechnung. Genehmigungsunterlagen nennen potenzielle Treibhausgasemissionen von mehr als zehn Millionen Tonnen CO₂-Äquivalent pro Jahr. Künftige CO₂-Preise, strengere Methanregeln oder zusätzliche Umweltauflagen könnten die Betriebskosten erhöhen.
Eine Versorgung mit erneuerbaren Energien und Batteriespeichern müsste die kontinuierliche Last von mehreren Gigawatt und die hohen Verfügbarkeitsanforderungen abdecken. Ein rein bilanzieller Einkauf erneuerbarer Energie würde die physische Versorgung des Standorts nicht automatisch sicherstellen. Als robustere Lösung gilt eine Kombination aus erneuerbarer Erzeugung, Speichern, Netzanschlüssen und steuerbaren Reserven.
Wasser in einer trockenen Region
New Mexico ist trocken. Landwirtschaft, Bevölkerung und Industrie konkurrieren um Wasser. Für Project Jupiter wurden bestehende Wasserrechte erworben, die zuvor unter anderem landwirtschaftlich genutzt wurden. Für die Bauphase wurde zusätzlich Wasser aus einem neuen beziehungsweise ersetzenden Brunnen gefördert.
Berichte über mehr als 100 Millionen Gallonen Wasser innerhalb weniger Monate verstärkten die Kritik. Umweltgruppen forderten eine transparente Prüfung und eine öffentliche Anhörung zur Umwidmung landwirtschaftlicher Wasserrechte. Oracle und die Projektpartner verweisen auf geschlossene beziehungsweise wiederverwendende Wasserkreisläufe.
Für Brennstoffzellen und Rechenzentrum wurden im späteren Betrieb etwa 11 Millionen Gallonen nicht trinkbares Wasser genannt. Diese Angabe bezieht sich nicht automatisch auf Bauwasser, Wasserverluste, die Herkunft des Wassers oder die langfristige Rechteverteilung. Wasserknappheit kann neben direkten Kosten auch Genehmigungs-, Rechts-, Infrastruktur- und Reputationskosten verursachen. Ein günstiger Wüstenstandort wird durch Wasserstress, fehlende Leitungsrechte und politischen Widerstand womöglich deutlich teurer.
Auch die lokale Rechnung ist offen. Befürworter erwarten während der Bauphase Tausende Arbeitsplätze sowie mehrere Hundert dauerhafte Stellen. Bauunternehmen, Handwerker, Logistiker, Hotels und Dienstleister könnten profitieren. Rechenzentren sind im Betrieb aber stark automatisiert und schaffen im Verhältnis zum Investitionsvolumen vergleichsweise wenige Arbeitsplätze. Werden Fachkräfte von außerhalb angeworben und Anlagen importiert, fällt der wirtschaftliche Multiplikatoreffekt vor Ort geringer aus.
Ein industrieller Revenue-Bond-Rahmen von bis zu 165 Milliarden US-Dollar beschreibt eine mögliche Projekt- oder Finanzierungsgröße – nicht bereits investiertes Kapital. Für die Region müssen dauerhafte Löhne und Steuereinnahmen den möglichen Steuervergünstigungen, Infrastrukturkosten, Umweltbelastungen und Opportunitätskosten gegenübergestellt werden. Als mögliche Gegenleistungen werden transparente Wasserbilanzen, Emissionsgrenzen, lokale Ausbildung, Notfallkonzepte, Infrastrukturbeiträge und überprüfbare Beschäftigungsziele genannt.
18 Milliarden Dollar auf Kredit
Für den Bau wurden rund 18 Milliarden US-Dollar an Krediten von etwa 20 Banken bereitgestellt. Diese Finanzierung ist dem Projekt zugeordnet und nicht mit einer gewöhnlichen unbesicherten Oracle-Unternehmensanleihe gleichzusetzen. Projektwert und Rückzahlung hängen wesentlich von Oracle als langfristigem Hauptmieter und von der rechtzeitigen Betriebsbereitschaft ab.
Projektkredite wurden am Sekundärmarkt zuletzt mit etwa 89 bis 91 Cent je Dollar angeboten oder bewertet. Bei 90 Cent würde der rechnerische Marktwert eines nominalen Kreditbestands von 18 Milliarden Dollar um etwa 1,8 Milliarden Dollar sinken. Das ist zunächst eine Marktindikation. Ein tatsächlicher Verlust entsteht für Banken erst bei einem Verkauf beziehungsweise bei einer entsprechenden Realisierung. Die Abschläge zeigen aber höhere Erwartungen an Verzögerungs-, Refinanzierungs- und Rechtsrisiken.
Die Risikokonzentration ist hoch: ein Campus, ein dominanter Mieter, zentrale Kunden und eine noch nicht vollständig gesicherte Energiearchitektur. Ein spezialisierter, mehrere Gigawatt großer KI-Campus lässt sich schwerer an alternative Nutzer vermieten als ein gewöhnliches Logistik- oder Rechenzentrum. Sinkender Kapazitätsbedarf, verspätete Zahlungen oder eine Strategieveränderung des vorgesehenen Kunden könnten deshalb erhebliche Folgen haben.
Oracles Geschäftsmodell verschiebt sich damit von einem margenstarken, relativ kapitalarmen
