Schloss Bellevue wird zur Großbaustelle: Acht Jahre Sanierung für mehr als eine Milliarde Euro
Am Berliner Spreebogen ist der Umzug des Bundespräsidialamts längst vollzogen – der Empfang internationaler Staatsgäste bleibt dort vorerst trotzdem schwierig. Sicherheitsmängel und eine anhaltende Baustelle am neuen Interimsbau verhindern, dass Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier ausgerechnet dort Gäste wie gewohnt empfängt.
Beim Besuch des Präsidenten der Vereinigten Arabischen Emirate reichte die Sicherheit nach Angaben des Bundespräsidialamts nicht aus. Die militärischen Ehren vor dem Ausweichquartier entfielen. Stattdessen empfing Steinmeier den Gast aus den Vereinigten Arabischen Emiraten in der Villa Borsig, den kasachischen Präsidenten im Bendlerblock des Verteidigungsministeriums. Für einen Amtssitz, der eigentlich für Staatsempfänge gedacht ist, ist das eine ziemlich holprige Zwischenlösung.
Ein Umzug mit Akten, Kunst und Wein
Im Zuge des Umzugs wurden rund 220 Mitarbeiter und etwa 900 Umzugskartons eingesetzt. Mit auf die Reise gingen mehrere hundert Meter Akten, 234 Kunstwerke und rund 5000 Weinflaschen aus allen deutschen Anbaugebieten. Auch historisches Porzellan musste sicher verstaut werden: 643 Kuchenteller wechselten den Standort. Man kann sich vorstellen, dass dabei nicht nur Papier raschelte, sondern an manchen Stellen auch ordentlich die Nerven gespannt waren.
Da eine Sanierung im laufenden Betrieb technisch und organisatorisch nicht möglich ist, zieht das Bundespräsidialamt im Sommer 2026 in ein Bürogebäude in der Elisabeth-Abegg-Straße in Berlin-Moabit. Eine Suche nach geeigneten Bestandsimmobilien zwischen 2018 und 2020 hatte ergeben, dass keine verfügbare Immobilie die Sicherheits- und Repräsentationsanforderungen erfüllte. Der Standort am Spreebogen ist zunächst für fünf Jahre angemietet, der Vertrag enthält eine Verlängerungsoption.
Die erste Veranstaltung am temporären Amtssitz am Spreebogen ist für Ende August 2026 geplant. Der Bundespräsident bleibt während der gesamten Sanierungsphase uneingeschränkt handlungsfähig. Dienstbetrieb, Staatsempfänge und repräsentative Aufgaben sollen ohne Unterbrechung fortgeführt werden. Nach Abschluss der Arbeiten soll das Gebäude in der Elisabeth-Abegg-Straße anderen Bundesbehörden zur Verfügung stehen.
Mehr als eine Milliarde Euro für die Sanierung
Nach rund 30 Jahren intensiver Nutzung beginnt die umfassende Sanierung des Berliner Amtssitzes. Erneuert werden Schloss Bellevue, das Verwaltungsgebäude, die Hauptwache sowie Außenanlagen und Infrastruktur. Ziel ist es, bauliche und technische Mängel zu beheben und zugleich Anforderungen an Sicherheit, Brandschutz, Energieeffizienz und Barrierefreiheit zu erfüllen.
Die Kernsanierung von Schloss Bellevue kostet laut offiziellen Angaben rund 146 Millionen Euro. Für die Sanierung des Verwaltungsgebäudes sind 120 Millionen Euro vorgesehen, für den Neubau von Hauptwache und liegenschaftsweiter Technikzentrale 173 Millionen Euro. Außenanlagen und Infrastruktur – darunter Sicherheitsanlagen, Wege, Geothermie, die denkmalgeschützte Parkanlage und die Baulogistik – schlagen mit 162 Millionen Euro zu Buche.
Die Bau- und Planungskosten betragen damit insgesamt 601 Millionen Euro. Hinzu kommen 188 Millionen Euro als Risikoreserve und 71 Millionen Euro als Vorsorge für erwartete Baupreissteigerungen. Die Reserve wurde anhand eines Registers mit mehr als 250 Einzelrisiken und aktueller Preisindizes ermittelt. Für die Sanierung von Schloss Bellevue, des Präsidialamts und den Interimsbau entstehen insgesamt mehr als eine Milliarde Euro.
Hauptkostentreiber ist nach Steinmeiers Darstellung nicht das eigentliche Schloss, sondern das Verwaltungsgebäude aus den späten 1990er-Jahren. Dort seien Kabel beim Bau nicht ordnungsgemäß verlegt worden. Der Amtssitz sei damals unter unzulässigen Bedingungen in Betrieb genommen worden. Inzwischen ist unter anderem die Tragfähigkeit der Decken eingeschränkt – in dem Gebäude arbeiten die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Bundespräsidenten.
Undichtes Dach, alte Leitungen, hohe Ansprüche
Steinmeier verteidigte die Sanierung im ZDF-„Sommerinterview“ und erklärte, Schloss Bellevue könne ohne sie nicht länger als repräsentativer Amtssitz genutzt werden. Genannt werden ein undichtes Dach, eine defekte Lüftung, nicht schusssichere Scheiben und Korrosionsschäden an den Decken. Das klingt weniger nach kleiner Schönheitskur als nach einem Eingriff, bei dem wirklich jeder Winkel auf den Prüfstand kommt.
Schloss Bellevue wurde 1785 als Sommerresidenz für den preußischen Prinzen August Ferdinand errichtet und mehrfach umgebaut. Nach schweren Zerstörungen im Zweiten Weltkrieg wurde es in den 1950er-Jahren originalgetreu wiederaufgebaut. Vor etwa 20 Jahren fanden erneut umfangreiche Sanierungsarbeiten statt. Seit 1994 ist das Schloss erster Amtssitz des Bundespräsidenten – und zugleich ein Baudenkmal von nationaler Bedeutung.
Alle Arbeiten erfolgen in Abstimmung mit den Denkmalschutzbehörden. Das Bundesamt für Bauwesen und Raumordnung, kurz BBR, ist als Bauverwaltung zuständig und koordiniert die Maßnahmen mit Projektsteuerer, Architekten und Fachplanern. Auch die wirtschaftliche Umsetzung liegt beim BBR und orientiert sich an den Bedarfsanforderungen.
Der Projektumfang wurde gemeinsam mit dem BBR wiederholt auf Wirtschaftlichkeit geprüft. Gestrichen wurden unter anderem ein ursprünglich geplanter Konferenzbereich im Nordflügel des Schlosses sowie eine zusätzliche Büroetage im Verwaltungsgebäude. Der Raumbedarf soll stattdessen durch Desk-Sharing und mobiles Arbeiten gedeckt werden.
Acht Jahre Bauzeit, Geothermie und eine offene Rückkehr
Wegen der Komplexität und umfangreicher Bausubstanzprüfungen, die erst nach dem Auszug beginnen können, wird bis zur Fertigstellung mit rund acht Jahren gerechnet. Die Beteiligten überwachen das Projekt fortlaufend und prüfen planerische, vertragliche und organisatorische Möglichkeiten, die Bauzeit zu verkürzen. Schloss Bellevue soll möglichst früh wieder nutzbar werden.
Nach Abschluss der Arbeiten soll die Liegenschaft nahezu klimaneutral betrieben werden. Wärme und Kälte sollen über eine Geothermieanlage erzeugt werden. Photovoltaikanlagen werden dort installiert, wo dies mit dem Denkmalschutz vereinbar ist. Neben dem Schloss werden also auch mehrere Nebengebäude saniert; die Außenanlagen, Wege, Sicherheitsanlagen und die Infrastruktur gehören ebenfalls zum Projekt.
Die Rückkehr ins Schloss Bellevue ist derzeit bis voraussichtlich Mitte 2034 nicht möglich. Steinmeiers zweite Amtszeit endet im Frühjahr 2027; er wird daher nicht mehr in das Schloss als Amtssitz zurückkehren. Sein Nachfolger oder seine Nachfolgerin dürfte fast die gesamte fünfjährige Amtszeit im Interimsquartier verbringen.
Steinmeier war am Freitag wegen der Renovierung in einen Ersatz-Amtssitz am Berliner Spreebogen umgezogen. Dass sein Nachfolger dort voraussichtlich beinahe die gesamte Amtszeit verbringen wird, gibt dem Provisorium ein merkwürdig dauerhaftes Gesicht. Die Bauarbeiten am historischen Ensemble sollen derweil der Sicherheit eines Verfassungsorgans, dem Erhalt des Baudenkmals, der klimagerechten Erneuerung und dem dauerhaften Erhalt als Repräsentationsort des Staatsoberhauptes dienen.
Weitere Informationen stellt das Bundespräsidialamt unter www.bundespraesident.de/FAQ-Bau bereit.
