Rund 153 Millionen Euro an Steuergeldern könnten aus der Insolvenz des schwedischen Batterieherstellers Northvolt gesichert werden. Das Geld stammt aus einer 600 Millionen Euro schweren Wandelanleihe der staatlichen Förderbank KfW und würde je zur Hälfte an den Bund und an Schleswig-Holstein fließen. Weitere 69 Millionen Euro könnten im Sommer an die KfW zurückfließen. Dafür muss eine Genehmigung des Landes noch rechtskräftig werden.

Die Anleihe war für den Bau einer Batteriefabrik bei Heide im Kreis Dithmarschen bestimmt. Bund und Land bürgten jeweils für die Hälfte. Nach Angaben wurden bereits rund 330 Millionen Euro in Grundstücke, Maschinen und andere Investitionen gesteckt. Weitere 50 Millionen Euro sollen laut dpa auf einem Sperrkonto liegen, um eine Insolvenz der Northvolt-Tochter „Northvolt Drei“ zu verhindern. Zusätzlich waren 20 Millionen Euro für Zinsen und Verfahrenskosten vorgesehen.

Lyten will Northvolt komplett übernehmen

Hinter den Kulissen laufen die Gespräche zwischen Bund, Land und KfW weiter. Das US-Unternehmen Lyten könnte bei einer Übernahme Northvolts auch „Northvolt Drei“ übernehmen. Dadurch könnten Bund und Land weitere zweistellige Millionenbeträge erhalten. Lyten will nach eigenen Angaben alle verbliebenen Standorte des insolventen schwedischen Batterieherstellers übernehmen: Northvolts Stammfabrik und das Expansionswerk in Skellefteå, das Entwicklungszentrum Northvolt Labs in Västerås, die geplante Fabrik bei Heide sowie sämtliches geistiges Eigentum des Unternehmens.

Der Wert dieser Vermögenswerte wurde zuvor auf insgesamt fünf Milliarden US-Dollar, umgerechnet rund 4,3 Milliarden Euro, geschätzt. Nach Abschluss der Transaktion soll der Betrieb an den beiden schwedischen Standorten wieder aufgenommen werden. Lyten hatte bereits im November 2024 ein großes Northvolt-Werk in Kalifornien übernommen und vor rund einem Monat die Übernahme des Northvolt-Werks im polnischen Danzig angekündigt.

Für Heide will Lyten gemeinsam mit Northvolt und der Bundesregierung am Bau einer Batterieproduktionsanlage mit einer anfänglichen Kapazität von 15 Gigawattstunden festhalten. Lyten-Chef Dan Cook kündigte bei einem Treffen mit der schleswig-holsteinischen Landesregierung im März rund 1.000 Arbeitsplätze auf dem Gelände bei Heide an.

Der Abschluss der Übernahmen wird im vierten Quartal erwartet, sofern die erforderlichen Genehmigungen in Schweden, Deutschland und der EU erteilt werden. Schleswig-Holsteins Ministerpräsident Daniel Günther bezeichnete den Vorvertrag als erfreulich. Vor dem endgültigen Abschluss müssten in Schweden und Deutschland aber noch Einzelheiten und Vollzugsbedingungen geklärt werden. Das kann mehrere Wochen bis Monate dauern.

Politischer Streit über Schaden und Grundstück

Grünen-Fraktionschef Lasse Petersdotter nannte den Insolvenzprozess belastend, verwies aber auf die Rückzahlung von 76,4 Millionen Euro an Schleswig-Holstein. FDP-Politiker Bernd Buchholz bewertete den geringeren Verlust positiv, sprach aber weiterhin von einem erheblichen Schaden für das Land.

Wirtschaftsminister Claus Ruhe Madsen (CDU) erklärte, durch die Rückzahlung seien weniger Steuergelder verloren gegangen. Als nächsten Schritt müsse das Grundstück vermarktet werden. Wegen des erreichten Planungsstands sei es attraktiv für weitere Investoren.

Für SPD-Politiker Kianusch Stender ist der Rückfluss eine Schadensbegrenzung. Die Gesamtbilanz bleibe deutlich negativ; das Geld solle unmittelbar zur Tilgung des Kredits verwendet werden. Außerdem müsse der Wert des Grundstücks bei einem Verkauf an Lyten berücksichtigt werden.

SSW-Politikerin Sibylla Nitsch warnte, die Rückzahlung sei keine Entwarnung. Sie verlangte Transparenz bei der geplanten Lyten-Übernahme und forderte, den durch Investitionen entstandenen Wert nicht unter Wert zu verkaufen. Ein Teil der Fördermittel soll noch vorhanden sein. Scheitert die Übernahme, drohen der öffentlichen Hand finanzielle Verluste.

Genehmigung für das Gelände bei Heide

Das Landesamt für Umwelt erteilte Northvolt die erste Teilgenehmigung nach dem Bundes-Immissionsschutzgesetz für den Bau der Batteriefabrik in Norderwöhrden und Lohe-Rickelshof bei Heide. Nach Angaben der Northvolt-Drei-Projektgesellschaft schafft die Genehmigung größere Planungssicherheit und bestätigt die grundsätzliche Genehmigungsfähigkeit des Gesamtprojekts.

Dithmarschens Landrat Thorben Schütt (CDU) begrüßte die Entscheidung als Zeichen dafür, dass der Bau einer Batteriezellenfabrik unter hohen Umweltstandards zulässig ist. Der Bürgermeister von Lohe-Rickelshof, Kai Tange (SPD), reagierte dagegen zurückhaltend. Nach seinem Verständnis betrifft die Genehmigung die bisherige Batteriefabrik, während Lyten andere Pläne habe. Tange rechnet damit, dass die Bebauungspläne für diese Pläne geändert werden müssten.

Northvolt galt zunächst als wichtiger europäischer Hersteller von Batterien für Elektroautos. Dann geriet das Unternehmen durch Expansion, steigende Schulden und Rückschläge unter Druck. Unter anderem zog BMW einen Milliardenauftrag für Batteriezellen zurück. Vor knapp einem Jahr kündigte Northvolt den Abbau von schätzungsweise 1.600 Arbeitsplätzen in Schweden an und stoppte mehrere Expansionspläne. Im November beantragte das Unternehmen in den USA Gläubigerschutz. Im März meldete Northvolt in Schweden Insolvenz an, nachdem eine Restrukturierung den Fortbestand nicht hatte sichern können.

Die deutsche Tochtergesellschaft Northvolt Germany ist rechtlich eigenständig, als Teil des insolventen Mutterkonzerns aber indirekt betroffen. Der Bau bei Heide hängt damit nicht nur an Geld und Beton, sondern an einer ganzen Kette von Entscheidungen, Genehmigungen und Zusagen. Ein Teil davon ist noch offen.

Europas Batteriepläne bleiben unter Druck

Wie groß die strategische Bedeutung des Projekts ist, zeigt eine am 11. März 2025 veröffentlichte Studie des Fraunhofer ISI in „Nature Energy“. Sie untersucht, wie Europa seine Batterieproduktion ausbauen und unabhängiger von außereuropäischen Lieferanten werden kann. Die Nachfrage steigt durch batteriebetriebene Elektrofahrzeuge und die Dekarbonisierung des Energiesektors, während Batterien bislang überwiegend in Asien produziert werden.

Die EU strebt an, bis 2030 rund 90 Prozent ihres Batteriebedarfs durch heimische Produktion zu decken. Wegen des schnellen Marktwachstums ist dieses Ziel jedoch gefährdet. Die Studie nutzt probabilistische Modelle, um den europäischen Batteriebedarf und die heimische Zellproduktion bis 2030 zu prognostizieren. Eingeflossen sind historische Daten aus der Automobilindustrie und zu batterieelektrischen Fahrzeugen, angekündigte Produktionskapazitäten sowie die Wahrscheinlichkeit, dass diese tatsächlich umgesetzt werden. Auch Bauverzögerungen, Produktionsauslastung und der Rohstoffbedarf wurden berücksichtigt.

Die Nachfrage nach Batteriezellen in Europa dürfte bis 2030 auf mehr als 1 Terawattstunde pro Jahr steigen. Die voraussichtlichen heimischen Produktionskapazitäten könnten dafür nicht ausreichen; Versorgungsengpässe sind möglich. Europa dürfte bis 2030 dennoch mindestens 50 bis 60 Prozent seines Batteriebedarfs selbst decken können. Das EU-Ziel von 90 Prozent bleibt laut Studie möglich, ist aber unsicher: Etwa die Hälfte der modellierten Szenarien erreicht es nicht.

Empfohlen werden ein schnellerer Ausbau der Produktionskapazitäten, europäische Lieferketten und eine umfassende industriepolitische Strategie. Ebenso wichtig seien verlässliche Nachfrage nach Elektrofahrzeugen und die Beibehaltung der derzeit geltenden CO₂-Flottengrenzwerte für Pkw und Lkw. Der EU-„Industrial Action Plan for the European Automotive Sector“ hat laut Artikel erste Schritte zur Stärkung der europäischen Batterieproduktion eingeleitet.

Darüber hinaus nennt die Studie vorhersehbare und verlässliche Rahmenbedingungen für Industrie und Verbraucher, mehr öffentlich-private Partnerschaften zur Verringerung von Investitionsrisiken sowie einen schnelleren Aufbau von Produktionskapazitäten und regionalen Lieferketten. Gleiche Wettbewerbsbedingungen sollen durch industriepolitische Maßnahmen sowie Anforderungen an lokale Wertschöpfung und Nachhaltigkeit gefördert werden. Handels- und industriepolitische Maßnahmen müssten so ausbalanciert werden, dass Wettbewerbsfähigkeit, globale Kooperationen und strategische Allianzen möglich bleiben.

Der Modellierungsansatz lässt sich laut Studienautor auch auf andere Regionen übertragen, die eine eigene Batterieproduktion aufbauen wollen. Nicht berücksichtigt wurden mögliche disruptive Marktveränderungen, politische Kurswechsel oder unerwartete technologische Durchbrüche, die Nachfrage und Produktion stark verändern könnten. Für das Gelände bei Heide bleibt damit vieles in Bewegung: Auf dem Papier gibt es Genehmigungen, Pläne und einen Käufer. Vor Ort müssen daraus erst noch Fabrikhallen, Maschinen und Arbeitsplätze werden.