In Schipkau in der brandenburgischen Lausitz wächst ein Windrad in den Himmel, das alle bisherigen Höhenrekorde übertreffen soll. Die ehemalige Kohleregion bekommt damit ein Bauwerk, bei dem man den Kopf schon beim Hinschauen weit in den Nacken legen muss.

Errichtet wird die Anlage vom Dresdner Unternehmen GICON im Auftrag der Bundesagentur für Sprunginnovationen. Der Bau ist allerdings kein Spaziergang: Starke Windböen zwangen das Team zuletzt zu einer Unterbrechung. GICON-Geschäftsführer Jürgen Großmann erläuterte die Gründe und die Folgen für den weiteren Zeitplan. Die ursprünglich für den Sonntag der Vorwoche geplante Fertigstellung verschob sich dadurch; die letzten Arbeiten sollen nun in den kommenden Tagen abgeschlossen werden.

365 Meter bis zu den Rotorblättern

Inzwischen hat das Windrad seine endgültige Höhe von 365 Metern erreicht. Mit einer Nabenhöhe von 300 Metern gilt die Anlage laut GICON als höchste Windenergieanlage der Welt. Einschließlich der Rotorblätter ist sie in Deutschland nur knapp niedriger als der Berliner Fernsehturm mit seinen 368 Metern.

Der sogenannte Höhenwindturm soll in größeren Höhen stärkere und gleichmäßigere Windverhältnisse nutzen. Bei gleichem Rotordurchmesser könnte er dadurch etwa doppelt so viel Energie erzeugen wie eine konventionelle Windenergieanlage. Gerade diese Höhe eröffnet Einsatzmöglichkeiten, die herkömmliche Windräder nicht haben. Die erwartete Leistung wird im ursprünglichen Beitrag nicht näher genannt; dort wird für weitere Angaben auf ein Video verwiesen.

Die offizielle Inbetriebnahme ist für November vorgesehen. Dann soll der Höhenwindturm in Schipkau bis zu 7.500 Haushalte mit Strom versorgen können. Martin Chaumet, Innovationsmanager der Bundesagentur für Sprunginnovationen, sieht in dem Projekt die Möglichkeit, Windenergie künftig stärker über das gesamte Land zu verteilen. Das könnte auch für die Stromversorgung und den weiteren Ausbau des deutschen Stromnetzes Folgen haben.

Ein Rekordturm in einem alten Windland

Der Blick auf die deutsche Windkraft zeigt, warum solche Ideen überhaupt interessant sind. Deutschland verfügt über 43.259 Windturbinen mit zusammen rund 135 Gigawatt installierter Leistung. Damit ist die Windkraft annähernd so groß wie die Solarenergie, folgt aber einer anderen regionalen und technischen Struktur.

Niedersachsen führt beim Onshore-Bestand mit rund 14,6 Gigawatt. Danach kommen Schleswig-Holstein mit rund 10,0 Gigawatt sowie Brandenburg und Nordrhein-Westfalen mit jeweils rund 9,6 Gigawatt. In Nord- und Ostsee stehen zusätzlich rund 10,3 Gigawatt Offshore-Windleistung. Bayern bringt es trotz seiner Größe nur auf rund 2,8 Gigawatt, Baden-Württemberg auf rund 2,2 Gigawatt.

Dieses Nord-Süd-Gefälle ist ein Grund für den Ausbau von Übertragungsleitungen. Sie sollen Strom von der Küste in süddeutsche Verbrauchszentren bringen. Wo die Anlagen stehen, lässt sich sogar bis auf Kreisebene nachvollziehen: Zu den windstarken Regionen zählen unter anderem das Emsland in Niedersachsen und der Kreis Steinfurt im Münsterland.

Alte Anlagen, neue Aufgaben

Beim Blick auf die Hersteller wird es etwas unübersichtlich – und genau darin steckt ein Problem. Enercon führt mit rund 27,5 Gigawatt installierter Leistung, gefolgt von Vestas mit 19,8 Gigawatt, Nordex mit 9,8 Gigawatt und Siemens Gamesa mit 7,9 Gigawatt. Rund 4,4 Gigawatt stammen von Senvion, das 2019 Insolvenz anmeldete. Weitere Anlagen bauten inzwischen verschwundene Marken wie NEG Micon oder Tacke.

Ein bedeutender Teil des deutschen Anlagenbestands kommt damit von Herstellern, die in ihrer früheren Form nicht mehr existieren. Für Betreiber wird die Versorgung mit Service, Wartung und Ersatzteilen dadurch zunehmend knifflig. Für Maschinenbau, Zulieferer und Serviceunternehmen entstehen gleichzeitig neue Aufgaben – gerade bei Anlagen ehemaliger Hersteller.

Rund 10.097 noch betriebene Turbinen gingen bis einschließlich 2005 ans Netz. Sie sind mehr als 20 Jahre alt und machen fast ein Viertel des Gesamtbestands aus. Ältere Anlagen sind im Durchschnitt kleiner und weniger effizient; außerdem laufen sie zunehmend aus der EEG-Förderung. Beim Repowering werden sie durch moderne, leistungsstärkere Turbinen ersetzt. An bestehenden Standorten kann dadurch häufig ein Vielfaches der bisherigen Leistung entstehen, ohne zusätzliche Flächen zu erschließen.

Der deutsche Windpark besteht also immer stärker aus Anlagen, die gewartet, ersetzt und modernisiert werden müssen – nicht nur aus Neubauten. Energieintensive Unternehmen finden günstige Bedingungen für Windstrom besonders in Regionen mit hoher Erzeugungsdichte, etwa über regionale Stromlieferverträge, sogenannte PPA. Und über Schipkau ragt nun ein Turm empor, der zeigen soll, was in deutlich größerer Höhe möglich ist.