Der Umgang mit der deutschen Geschichte steht erneut unter Druck. Prof. Jens-Christian Wagner beobachtet, dass der Aufstieg der AfD die Erinnerung an und die Auseinandersetzung mit den NS-Verbrechen verändert. Wagner leitet die KZ-Gedenkstätten Buchenwald und Mittelbau-Dora in Thüringen und ist Geschichtsprofessor an der Universität Jena.

Wegen seiner Kritik an der AfD wird Wagner offen angefeindet. Am 30. September 2026 spricht er im Rahmen des Projekts „Verwundbarkeiten“ an der Akademie Domschule in Würzburg. Seine öffentliche Kritik begründet er damit, dass die Auseinandersetzung mit den NS-Verbrechen grundlegend für die demokratische Selbstverständigung in Deutschland sei.

„Stolz“ statt kritischer Erinnerung

Wagner sieht in der AfD eine Partei, deren politische Identität vom Geschichtsrevisionismus geprägt ist. Besonders deutlich zeige sich das im AfD-Wahlprogramm für Sachsen-Anhalt. Das Programm greife die deutsche Erinnerungskultur und die Würdigung der NS-Opfer an. An die Stelle einer kritischen Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus solle ein „Stolz“ auf die deutsche Geschichte treten, der eine nationale Identität schaffen soll.

Dafür solle der Schulunterricht vollständig umgestellt werden. Im Parteiprogramm taucht außerdem der Begriff „Nationalmasochismus“ auf, der aus dem rechtsextremen Spektrum der 1960er-Jahre bekannt ist. Die AfD behaupte, die Beschäftigung mit dem Nationalsozialismus diene dazu, Deutschland kleinzuhalten. Die Arbeit von Gedenkstätten werde als „Schuldkult“ abgewertet, ihre Verantwortlichen als „Lakaien der Alliierten“ bezeichnet. Wagner ordnet solche Positionen als zentrale Bestandteile der Ideologie der Neuen Rechten und der AfD ein.

Seine Beobachtung reicht allerdings weiter: Auch in Teilen der gesellschaftlichen Mitte und bei den Unionsparteien erkenne er einen zunehmenden Wandel der Erinnerungskultur. Das ist kein kleiner sprachlicher Ruck, sondern verändert den Rahmen, in dem über Opfer, Täter und deutsche Verantwortung gesprochen wird.

Was Geschichtsrevisionismus bezweckt

Rechtsextremer Geschichtsrevisionismus dient dazu, die eigene Nation zu überhöhen und belastende historische Ereignisse umzudeuten. In Deutschland richtet er sich vor allem auf die NS-Zeit, teilweise aber auch auf das Kaiserreich, den Kolonialismus, den Ersten Weltkrieg und die Weimarer Republik. Täter werden zu Opfern erklärt, Opfer zu Tätern gemacht, Verbrechen verschwiegen oder relativiert. Dahinter steht unter anderem das Ziel, die NS-Verbrechen und den von Deutschland begonnenen Zweiten Weltkrieg zu verharmlosen und die extreme Rechte vom Stigma des Nationalsozialismus zu lösen.

Der Begriff „Geschichtsrevisionismus“ bezeichnet Bestrebungen, wissenschaftlich belegte Geschichte ideologisch umzudeuten. Frühere Vertreter versuchten, ihren Thesen mit Quellenangaben und Literaturverweisen einen wissenschaftlichen Anstrich zu geben. Präziser wären oft die Begriffe „Leugnung“ oder „Verharmlosung“ der NS-Verbrechen. In Wissenschaft und öffentlichem Diskurs hat sich „Geschichtsrevisionismus“ dennoch etabliert.

Schon vor 1945 behaupteten die Nationalsozialisten, jüdische Pläne sowie Großbritannien, Polen oder die Sowjetunion seien für den Zweiten Weltkrieg verantwortlich. Nach Kriegsende griffen ehemalige Nationalsozialisten und neue Rechtsextreme diese Kriegsschuldlegenden wieder auf. David L. Hoggan schrieb 1961 in „Der erzwungene Krieg“, Deutschland sei von Großbritannien und Polen in den Krieg gezwungen worden. Historiker wiesen nach, dass Hoggan Quellen aus dem Zusammenhang gerissen oder gefälscht hatte. Sein Buch wurde dennoch mehrfach neu aufgelegt; die Thesen werden bis heute in sozialen Medien verbreitet.

Solche Erzählungen stellen die Alliierten als eigentliche Kriegsverbrecher dar. Als Belege dienen reale deutsche Opfer alliierter Luftangriffe, die Vertreibung von Millionen Deutschen aus den ehemaligen Ostgebieten und Verbrechen sowjetischer Soldaten. Diese Ereignisse werden nach dem Muster „Leid gegen Leid“ genutzt, um deutsche und nationalsozialistische Verbrechen zu relativieren. Alliierte Kriegsverbrechen werden dabei teilweise übertrieben oder erfunden.

Ein zentrales Beispiel ist der alliierte Luftangriff auf Dresden im Februar 1945. Rechtsextreme verbreiten vielfach überhöhte Opferzahlen und bezeichneten den Angriff unter anderem als „Bombenholocaust“.

Auch die „Rheinwiesenlager“, die im Frühjahr 1945 entlang des Rheins eingerichtet wurden, spielen in diesen Erzählungen eine Rolle. Dort waren mindestens eine Million deutsche Soldaten untergebracht, die in US-amerikanische oder britische Kriegsgefangenschaft geraten waren. Die sanitären Bedingungen und die Lebensmittelversorgung waren besonders am Anfang schlecht bis katastrophal. Schätzungen zufolge starben 8.000 bis 10.000 Gefangene, nach manchen Schätzungen bis zu 40.000.

Geschichtsrevisionisten nennen deutlich höhere Zahlen. James Bacque behauptete 1989 bis zu eine Million Tote. Daraus entstand die Behauptung, die USA hätten einen Völkermord an Deutschen begangen. Rechtsextreme Autoren sprachen teilweise von zwei Millionen oder mehr Toten. Weitere Verschwörungserzählungen behaupten, Fotos von Leichen aus befreiten Konzentrationslagern zeigten in Wirklichkeit tote deutsche Gefangene aus den Rheinwiesenlagern. Die Leichen seien demnach in KZ-Kleidung gesteckt worden, um die SS zu belasten.

Vom „Schuldkult“ bis zur Auschwitz-Leugnung

Ab den 1970er-Jahren rückte die Leugnung des Mordes an den europäischen Juden ins Zentrum des Geschichtsrevisionismus. Auschwitz-Birkenau wurde wegen seiner Bedeutung als größtes nationalsozialistisches Vernichtungslager zum zentralen Symbol. Der Begriff „Auschwitz-Lüge“ erschien erstmals 1973 als Titel einer Broschüre des ehemaligen SS-Angehörigen Thies Christophersen. Wilhelm Stäglich veröffentlichte 1979 das Buch „Der Auschwitz-Mythos“.

Ende der 1980er-Jahre behauptete Fred Leuchter in einem nach ihm benannten Bericht, naturwissenschaftlich belegen zu können, dass es keine Morde in Gaskammern gegeben habe. Fachwissenschaftler widerlegten den Bericht, trotzdem wird er in rechtsextremen Kreisen weiterhin verbreitet. Germar Rudolf legte Anfang der 1990er-Jahre einen ähnlichen Text vor, den „Rudolf-Report“. Er gehört weiterhin zu den meistverbreiteten holocaustleugnenden Schriften. Weitere bekannte Holocaust-Leugner waren unter anderem David Irving und Arthur R. Butz. Neonazis wie Ernst Zündel, Gary Lauck und der Anwalt Manfred Roeder verbreiteten oder rezipierten deren Thesen.

Ein weiterer zentraler Mythos ist der sogenannte „Schuldkult“. Er behauptet, die Erinnerung an den Holocaust werde von fremden Mächten genutzt, um Deutschland politisch zu unterdrücken. Armin Mohler und Caspar von Schrenck-Notzing bezeichneten dies in den 1950er- und 1960er-Jahren als „Nationalmasochismus“ – ein Begriff, der nun auch im AfD-Programm auftaucht.

Alexander Gauland bezeichnete die NS-Herrschaft als „Vogelschiss“ in einer ansonsten ruhmreichen deutschen Geschichte. Der AfD-Landesverband Niedersachsen forderte 2016, den „Schuldkult“ aus Deutschland zu verbannen. Der Begriff wird teilweise mit Verschwörungserzählungen wie dem „Großen Austausch“ verbunden. Manfred Kleine-Hartlage schrieb 2018, der „Schuldkult“ werde genutzt, um Widerstand gegen muslimische Masseneinwanderung zu unterdrücken.

AfD, Behörden und digitale Verbreitung

Für die AfD gibt es in der Politikwissenschaft unterschiedliche Einordnungen: genannt werden unter anderem rechtspopulistisch, völkisch-nationalistisch, rechtsradikal, rassistisch und rechtsextremistisch. Das Bundesamt für Verfassungsschutz führte die Partei seit 2021 als rechtsextremistischen Verdachtsfall. Am 2. Mai 2025 stufte das Bundesamt die gesamte Partei als „gesichert rechtsextremistische“ Bestrebung ein.

Die AfD klagte gegen diese Einstufung beim Verwaltungsgericht Köln. Das Gericht untersagte dem Bundesamt am 26. Februar 2026 in einem Eilverfahren, die Partei bis zum Abschluss des Hauptsacheverfahrens entsprechend einzustufen und zu behandeln. Die Landesverfassungsschutzbehörden in Thüringen, Sachsen-Anhalt, Sachsen und Brandenburg stufen die jeweiligen AfD-Landesverbände als erwiesen beziehungsweise gesichert rechtsextrem