Fünf Zeitstufen statt Tarifdschungel: VZBV schlägt bundesweiten ÖPNV-Tarif vor
Wer in Deutschland mit Bus und Bahn unterwegs ist, braucht manchmal fast mehr Geduld für den Ticketkauf als für die Fahrt selbst. Tarifzonen, Ringmodelle und unterschiedliche Angebote von mehr als 80 Verkehrsverbünden machen den Überblick besonders für Gelegenheitsfahrer schwer. Genau hier setzt ein Vorschlag des Verbraucherzentrale Bundesverbands (vzbv) an: Ein bundesweit einheitliches Tarifsystem soll sich an der im Fahrplan vorgesehenen Fahrzeit orientieren.
Gedacht ist das Modell vor allem für Menschen, die nur ab und zu den ÖPNV nutzen und für die ein monatliches Deutschlandticket-Abo nicht infrage kommt. Ramona Pop, Chefin des Verbraucherzentrale Bundesverbands, bezeichnete das derzeitige System als unübersichtlichen Flickenteppich aus Verbundnetzen, Tarifzonen und Ticketangeboten. Ein einfaches, intuitives Modell könnte zudem angesichts steigender Spritpreise attraktivere Alternativen zum Auto schaffen.
Fünf Zeitstufen statt Tarifdschungel
Grundlage des Vorschlags ist ein Gutachten von Ramboll Management Consulting und civity im Auftrag des vzbv. Vorgesehen sind nur fünf Ticketarten: für 15, 30, 60 oder 120 Minuten sowie für 24 Stunden. Die Einteilung soll bundesweit gelten und sich nach der im Fahrplan vorgesehenen Fahrzeit richten – nicht danach, wie lange die Fahrt tatsächlich dauert.
- 15 Minuten
- 30 Minuten
- 60 Minuten
- 120 Minuten
- 24 Stunden
Das hätte einen praktischen Vorteil: Wer wegen einer Verspätung oder eines Zugausfalls länger unterwegs ist, müsste nicht automatisch mehr bezahlen. Die Fahrzeit steht im Fahrplan, und genau die wäre maßgeblich. Kaufen ließen sich die Tickets am Automaten oder digital. Denkbar sind auch Check-in/Check-out-Systeme per App, die nach der Fahrt automatisch den günstigsten Preis berechnen.
Verbindliche Preise nennt der vzbv bislang nicht. Das Modell soll „erlösneutral“ sein, die bisherigen Einnahmen aus dem Ticketverkauf also nicht verringern. Eine Modellrechnung auf Basis der Preise von 2026 nennt 2,50 Euro für 15 Minuten, 3,50 Euro für 30 Minuten, 5 Euro für 60 Minuten, 6,50 Euro für 120 Minuten und 14,50 Euro für 24 Stunden. Ermäßigte Tickets könnten jeweils etwa die Hälfte kosten. Bei einer tatsächlichen Einführung müssten diese Beträge allerdings neu berechnet werden.
Einfacher Zugang, offene Entscheidung
Ob Bund, Länder und Verkehrsverbünde das System überhaupt und wann umsetzen, ist offen. Einen politischen Beschluss zur Einführung eines solchen Tarifs gibt es bislang nicht. Laut Gutachten existieren durch die Einführung des Deutschlandtickets immerhin erste organisatorische Strukturen für ein bundesweites System. Der Sprung zu einem einheitlichen Zeitmodell wäre also nicht völlig aus dem Stand – aber eben auch kein Knopfdruck.
Das neue Konzept wäre analog und digital nutzbar. Wer lieber am Fahrscheinautomaten steht, soll dort ebenso zurechtkommen wie jemand, der das Smartphone zückt. Gerade für Gelegenheitsfahrgäste könnte diese Klarheit entscheidend sein: fünf Zeitstufen, keine Suche nach der richtigen Zone, kein Rätselraten über Ringe und Übergangsbereiche.
Während über neue Tarife nachgedacht wird, bleibt das Deutschlandticket der große Fixpunkt im Nahverkehr. Monatlich nutzen es rund 13 Millionen Menschen, etwa 20 Prozent der erwachsenen Bevölkerung beziehen es. Im ersten Quartal 2025 entfielen rund 60 Prozent aller ÖPNV-Fahrten auf dieses Ticket.
Deutschlandticket wirkt – und braucht Rückenwind
Das zeigt der Zwischenbericht einer vom Bundesministerium für Verkehr beauftragten Evaluation. Untersucht wurden die aktuelle Nutzung, verkehrliche und gesellschaftliche Wirkungen sowie die künftigen Potenziale des Angebots. Die Datengrundlage bildeten unter anderem monatlich 1.500 telefonische Befragungen zwischen August 2024 und März 2025 sowie weitere Quellen, darunter die Untersuchung „Mobilität in Deutschland“.
Nach den Ergebnissen stabilisiert das Deutschlandticket die ÖPNV-Nachfrage nach der Corona-Pandemie. Es gewann neue Fahrgäste, unter anderem wegen des Preises und der niedrigen Zugangsschwelle. Der Anteil der Neukundinnen und Neukunden liegt derzeit allerdings unter 10 Prozent; bei einer dauerhaften Fortführung könnte er steigen. Nicht-Kunden kennen das Angebot zudem häufig nur unzureichend. Die Evaluation sieht deshalb zusätzlichen Informations- und Marketingbedarf.
Erste Verlagerungen vom Pkw auf Bus und Bahn sind erkennbar. Für 2024 werden direkte CO₂-Einsparungen von rund 2,5 Millionen Tonnen angegeben, mit einem Fehlerspielraum von ±20 Prozent. Auch außerhalb der Ballungsräume ist die Nachfrage höher als erwartet. Das Ticket trägt laut Evaluation außerdem zu einem leichten Anstieg gesellschaftlicher Teilhabe in allen Bevölkerungsgruppen bei.
Damit der öffentliche Verkehr dauerhaft attraktiv bleibt, braucht es nach Einschätzung der Evaluation weiterhin gute Verkehrsangebote und eine gesicherte Finanzierung. Gleichzeitig wird eine weitere Erhöhung des Deutschlandtickets erwartet. Für Menschen, die nur gelegentlich einsteigen, könnte ein verständlicher Zeit-Tarif deshalb genau zum richtigen Zeitpunkt kommen – falls aus dem Vorschlag irgendwann mehr wird als ein Papierstapel auf dem Schreibtisch.
Quelle: Frankfurter Rundschau
Weitere Informationen: Die Zeit
Evaluation: Bundesministerium für Verkehr
