Deutsche Bahn verfehlt Pünktlichkeitsziel: ICE-Strecke Hannover–Berlin bis 2027 gesperrt
Wer dieser Tage mit dem ICE unterwegs ist, braucht neben dem Ticket auch ein wenig Geduld. Im September erreichte die Deutsche Bahn im Fernverkehr eine Pünktlichkeitsquote von 52,4 Prozent. Fast jeder zweite Fernzug kam damit verspätet an – erneut verfehlte das Unternehmen sein Ziel. Zugleich war es der zweitschlechteste Monatswert des Jahres.
Als pünktlich gilt ein Zug, der mit weniger als sechs Minuten Verspätung am Halt eintrifft. Zugausfälle werden bei dieser Kennzahl nicht berücksichtigt. Rechnet man auch Ausfälle und verpasste Anschlüsse ein, lag die sogenannte Reisendenpünktlichkeit laut dpa im September bei 58,6 Prozent. Bahnchefin Evelyn Palla hatte für 2026 mindestens 60 Prozent Pünktlichkeit im Fernverkehr als Ziel ausgegeben. Nach dpa-Angaben ist inzwischen absehbar, dass dieses Jahresziel nicht erreicht wird.
Baustellen, Langsamfahrstellen und volle Korridore
Die Bahn verweist auf zahlreiche Anlagenstörungen sowie umfangreiche Bauarbeiten auf Hauptstrecken und an Knotenpunkten. Zwischen Berlin und Wolfsburg mussten ICE-Züge wegen des schlechten Streckenzustands vielerorts langsamer fahren. Das klingt nach einem kleinen Eingriff, summiert sich im Fahrplan aber schnell zu langen Wartezeiten, verpassten Anschlüssen und weiteren Folgeverspätungen.
Auch die Zahlen des ersten Halbjahres 2026 zeigen, wie angespannt die Lage ist. Im deutschen Schienenverkehr sank die Pünktlichkeit im DB-Konzern auf 87,4 Prozent, nach 87,9 Prozent im ersten Halbjahr 2025 und 89,4 Prozent im Gesamtjahr 2025. Der DB-Schienenpersonenverkehr kam auf 87,5 Prozent, verglichen mit 88,0 Prozent und 89,5 Prozent. Im Fernverkehr wurden 58,7 Prozent gemessen, nach 60,1 Prozent im ersten Halbjahr 2025 und 63,4 Prozent im Gesamtjahr 2025.
Bei DB Regio lag der Wert bei 88,2 Prozent, nach 88,7 Prozent im ersten Halbjahr 2025 und 90,2 Prozent im Jahr 2025. DB Cargo Deutschland erreichte 64,5 Prozent, gegenüber 67,7 Prozent beziehungsweise 67,8 Prozent. Die Reisendenpünktlichkeit im DB Fernverkehr betrug im ersten Halbjahr 63,2 Prozent; im Vergleichszeitraum 2025 waren es 65,5 Prozent, im Gesamtjahr 2025 68,7 Prozent.
Die Bahn nennt mehrere Ursachen. Überalterte und überlastete Infrastruktur sorgt an Altstellwerken, im Oberbau und an Bahnbrücken für Störungen. Viele Langsamfahrstellen drücken zusätzlich auf die Betriebsqualität. Gleichzeitig führen Modernisierungen, darunter die Korridorsanierungen, zu Kapazitätseinschränkungen, stark ausgelasteten Umleiterstrecken und längeren Fahrzeiten. Kurzfristig nötige Bauarbeiten machen das Netz noch komplizierter.
Obendrein drängen sich zusätzliche Verkehre auf ohnehin stark belasteten Korridoren. Eine kleine Verspätung wird zur nächsten weitergereicht, Zugfolgeverspätungen ziehen durchs Netz. Die daraus entstehenden Staueffekte erreichten im ersten Halbjahr 2026 ein neues Allzeithoch. Und dann kam noch das Wetter dazu: Der Wintereinbruch zu Jahresbeginn erhöhte bundesweit das Infrastrukturstörungsniveau, eine Hitzeperiode im Juni ließ unter anderem die Zahl der Anlagenstörungen deutlich steigen. Der Bahnbetrieb blieb auch in kritischen Wetterphasen weitgehend aufrechterhalten; Reisende sollten bestmöglich unterstützt werden. Nach dem schwierigen Jahresbeginn stabilisierte sich die Pünktlichkeit zunächst – bis zur Hitzewelle im Juni.
Hannover–Berlin bis Dezember 2027 gesperrt
Seit Freitag ist die Strecke zwischen Hannover und Berlin wegen umfassender Sanierungsarbeiten gesperrt. Die Sperrung soll bis Mitte Dezember 2027 dauern. Fernzüge werden über Braunschweig und Magdeburg umgeleitet, die Fahrt zwischen Hannover und Berlin verlängert sich dadurch um rund 80 Minuten. Für Pendler und Fernreisende ist das nicht bloß eine Zahl im Baustellenkalender, sondern ein zusätzlicher Teil des Tages, der im Zug vergeht.
Bundesverkehrsminister Steffen Bilger (CDU) kritisierte die Korridorsanierungen erneut in einem ARD-Interview. Das Versprechen anschließend störungsfrei befahrbarer Strecken sei mehrfach nicht eingehalten worden, erklärte er. Bilger kündigte einen Vorschlag für ein neues Sanierungskonzept an.
Bahnchefin Palla zufolge lassen sich die Pünktlichkeitsprobleme ohnehin nicht mit schnellen Einzelmaßnahmen lösen; erforderlich seien langfristige Schritte. Laut Nachhaltigkeitsbericht soll die Fernverkehrs-Pünktlichkeit bis 2029 auf mindestens 70 Prozent steigen. Dafür saniert die Bahn derzeit mit Milliardenmitteln des Bundes zahlreiche stark belastete Strecken. Die sogenannten Generalsanierungen sollen bis weit in die 2030er-Jahre dauern.
Was die Bahn kurzfristig ändern will
Ganz ohne kleinere Stellschrauben geht es trotzdem nicht. Das Kommunikationsverfahren zwischen Zugverkehrssteuerung und Triebfahrzeugführenden wird mit dem „Digitalen Befehl“ digitalisiert. Außerdem hat die Taskforce zuverlässige Bahn auf Grundlage der „Agenda für zufriedene Kunden auf der Schiene“ 22 kurzfristig umsetzbare Maßnahmenempfehlungen beschlossen. Ein Teil davon zielt auf die Stabilisierung stark belasteter Knoten.
Auf ausgewählten Strecken gibt es seit dem Fahrplanwechsel 2025/2026 einen zusätzlichen zeitlichen Puffer, die sogenannte „Pufferminute“. Ab 2027 sollen weitere ausgewählte Strecken hinzukommen. Auch die Flex-Abfahrten sollen ausgeweitet werden. Klingt unspektakulär, kann im eng getakteten Bahnbetrieb aber den Unterschied machen, ob ein Anschluss noch erreicht wird oder der Bahnsteig schon leer ist.
Im Rahmen der Qualitätsoffensive Hamburg–Hannover wurde der stark belastete Korridor von Mai bis Juli 2026 modernisiert. Die Arbeiten betrafen unter anderem Bahnhöfe, Gleise, Weichen, Brücken und Oberleitungen. Ziel war eine kurzfristige Verbesserung der Infrastruktur und der Betriebsqualität.
Auf der Nord-Süd-Verbindung in Bayern ist seit Ende Februar 2026 zwischen Petershausen und Rohrbach auf der Strecke München–Ingolstadt eine erweiterte linienförmige Zugbeeinflussung, kurz LZB, in Betrieb. Sie überwacht Geschwindigkeit und Abstände kontinuierlich. Dadurch konnte die zulässige Geschwindigkeit dort von 160 auf 190 km/h steigen.
Auch beim Personal tut sich etwas: Verstärkte Einstellungen sowie Aus- und Weiterbildungen verbesserten die Stellwerksbesetzung. Dadurch sollen Verspätungen und Angebotsausfälle wegen Personalmangels zurückgehen. Auf dem Papier ist das ein nüchterner Punkt; im Stellwerk, wenn draußen bereits mehrere Züge aufeinander warten, geht es um Minuten, Nerven und manchmal um die ganze Reisekette.
Der Blick über die Grenze
Im Vergleich zu anderen Ländern liegen die deutschen Werte deutlich niedriger. Die Schweizerischen Bundesbahnen erreichten 2025 eine Pünktlichkeit von 94,1 Prozent – allerdings bei einer Drei-Minuten-Schwelle. Die Österreichischen Bundesbahnen kamen im Fernverkehr bei fünf Minuten Toleranz auf 81,6 Prozent.
Der Abstand ist also nicht mit einem einzigen Grund zu erklären, aber er macht die deutsche Baustellenlage sichtbar. Zwischen Sanierungsbedarf, dichtem Verkehr und laufendem Betrieb bleibt wenig Luft. Die Milliardenprogramme sollen die Infrastruktur wieder belastbarer machen; bis dahin führen Umleitungen, Langsamfahrstellen und volle Knoten weiter zu einem Fahrplan, der schon bei einem kleinen technischen Problem ins Rutschen geraten kann.
