In Hannover-Misburg steht am Sonntag, 4. Oktober 2026, der Bus- und Straßenbahnverkehr teilweise still. Bei Bauarbeiten im Stadtteil Misburg wurden Verdachtspunkte entdeckt, an denen zwei Bomben aus dem Zweiten Weltkrieg liegen könnten. Die Fundstellen sollen untersucht werden; bestätigt sich der Verdacht, werden die Kampfmittel noch am selben Tag entschärft oder gegebenenfalls gesprengt.

Rund 17.500 Menschen müssen dafür ihre Wohnungen und Häuser verlassen. Betroffen sind alle Anwohnenden in Misburg-Nord innerhalb eines Radius von einem Kilometer um die Fundstellen. Die Wohnungen müssen bis 9 Uhr geräumt sein, anschließend kontrolliert die Feuerwehr das Gebiet. Ob die eigene Adresse im Evakuierungsbereich liegt, lässt sich über eine Online-Karte prüfen.

Evakuierung und Betreuung

Die Verdachtspunkte waren Ende August bei Sondierungsarbeiten für das geplante Quartier Steinbruchsfeld-Ost entdeckt worden. Die Arbeiten am Sonntag beginnen erst, wenn der Sicherheitsbereich vollständig geräumt ist. Die Rückkehr wird voraussichtlich erst in den Abendstunden möglich sein – abhängig davon, was die Untersuchung ergibt und wie die Beseitigung abläuft.

Die Feuerwehr empfiehlt, notwendige Medikamente, Spezial- oder Säuglingsnahrung und ausreichend Kleidung mitzunehmen. Als Betreuungsstelle steht die IGS Roderbruch in Groß-Buchholz bereit. Eine spezielle, kostenlose Busverbindung bringt Anwohnerinnen und Anwohner aus dem Evakuierungsgebiet dorthin. Sie hält an den Schienenersatzverkehr-Haltestellen Schierholzstraße, Kafkastraße und Forstkamp sowie an Meyers-Garten, Kampstraße, Am Seelberg, Zum Brookland, Hannoversche Straße und Grenzstraße. Endhaltestelle ist die IGS Roderbruch.

Menschen mit Gehbehinderung können bei notwendigem Unterstützungsbedarf telefonisch einen Krankentransport anfordern. Für Fragen ist ab Freitag ein Bürgertelefon unter 0800 7 31 31 31 geschaltet: Freitag und Samstag von 10 bis 16 Uhr, am Sonntag ab 7 Uhr bis zum Ende der Evakuierungsmaßnahmen.

Stadtbahn und Busse fahren anders

Bei der Stadtbahnlinie 7 ist ab 9 Uhr an den Haltestellen Schierholzstraße, Kafkastraße, Am Forstkamp und Misburg nur noch der Einstieg möglich. Während der Kampfmittelbeseitigung fährt die Linie regulär lediglich zwischen „Wettbergen“ und „Paracelsusweg“.

Auch die Buslinien 124, 125 und 127 sind betroffen. An den Haltestellen Misburg, Meyers Garten, Kampstraße, Am Seelberg, Zum Brookland und Hannoversche Straße ist ab 9 Uhr nur der Einstieg möglich. Die Linien 124 und 127 fahren in Richtung Misburg nur bis zur Haltestelle „Misburger Straße“. In Richtung „Am Brabrinke“ und „Am Pferdeturm“ starten sie an „An der Breiten Wiese“, nehmen den Weg über „Soltauer Straße“ und „Heidering“ zur „Misburger Straße“ und fahren danach regulär weiter.

Mit Beginn der Bombenentschärfung werden die Linien 124 und 127 umgeleitet. Die Linie 125 fährt dann in beide Richtungen nur zwischen Tempelhofweg und Baumschulenallee. Für Fahrgäste nach Anderten wird ein Sonderverkehr eingerichtet. Für den Moment heißt es also: lieber ein paar Minuten mehr einplanen – oder gleich zu Fuß bis zur nächsten passenden Haltestelle.

Warum alte Bomben noch gefährlich sind

In Deutschland liegen noch zahlreiche Blindgänger aus dem Zweiten Weltkrieg im Boden, vor allem in größeren Städten und auf früher kriegswichtigen Flächen. Schätzungen für 2022 gehen bundesweit von etwa 100.000 bis 300.000 Tonnen Blindgängern aus. Jährlich werden rund 5.000 geräumt.

Die möglichen Gefahrengebiete werden häufig anhand alliierter Luftaufnahmen ermittelt. Vor den Angriffen fotografierten die Alliierten Industrieanlagen, Bahnhöfe und militärische Einrichtungen; danach entstanden weitere Bilder, um Treffer und Bombenverteilung einzuschätzen. Gefunden werden Blindgänger trotzdem oft eher zufällig – bei Bauarbeiten oder in der Landwirtschaft. Manchmal suchen Fachleute gezielt vor einem Bauprojekt, wie nun beim geplanten Quartier Steinbruchsfeld-Ost.

Wer einen verdächtigen Fund entdeckt, muss die Polizei verständigen. Sie informiert rund um die Uhr das Sprengkommando. Kampfmittelräumdienste gleichen historische Luftbilder ab und untersuchen die vermuteten Stellen vor Ort mit Metalldetektoren. Die meisten Bomben werden direkt am Fundort entschärft, weil ein Transport zu riskant wäre. Weder Panzerfahrzeuge noch spezielle Schutzkleidung könnten Entschärfer bei einer unkontrollierten Explosion zuverlässig schützen.

Darum wird die Bombe vorsichtig mit Baggern und Schaufeln freigelegt. Schon Bewegungen können eine Explosion auslösen. Danach bestimmen die Fachleute den Zündmechanismus. Sitzt ein Zünder in der Bombe, gilt sie als scharf und muss entfernt werden. Entschärfer müssen etwa 100 Bombenmodelle kennen und rund 30 davon jederzeit sicher beherrschen – darunter Aufschlagzünder und chemisch-mechanische Langzeitzünder.

Mit zunehmendem Alter werden die Waffen nicht automatisch harmlos. Der Sprengstoff ist seit mehr als einem halben Jahrhundert über seiner vorgesehenen Haltbarkeit, chemische Zwischenprodukte können gefährlicher als der ursprüngliche Sprengstoff sein, und Zünder können weiterhin funktionieren. In Deutschland kommt es durchschnittlich ein- bis zweimal jährlich zu Selbstdetonationen; dabei werden wiederholt Menschen verletzt oder getötet.

Der ausgebaute Zünder wird vorsichtig von der Bombe weggebracht und separat gesprengt. Der verbleibende Sprengstoff wird ebenfalls zerstört: Bomben und Munition teilweise direkt vor Ort, andere Munition in einem berstsicheren Ofen. In Zeiten mit viel Bautätigkeit fällt tonnenweise Altmunition an. Sind die Kapazitäten begrenzt, muss ein Teil bis zum Winter gelagert werden.

Große Fliegerbomben, wegen derer ganze Stadtteile geräumt werden, sind vergleichsweise selten. Häufiger finden sich kleinere Sprenggranaten aus dem Zweiten Weltkrieg, die von den Alliierten und den Deutschen eingesetzt wurden. Manche enthalten nur etwa 20 Gramm Sprengstoff, können im direkten Umfeld aber tödlich sein und durch Erschütterungen explodieren. Die meisten Blindgängerunfälle in Deutschland gehen auf solche kleineren Munitionsteile zurück.

Bei einem Bombenfund legen Experten einen Sicherheitsradius fest. Gebäude und Straßen innerhalb dieses Bereichs werden bis zur Entschärfung oder kontrollierten Sprengung evakuiert; Behörden und Rettungsdienste dürfen Bewohner zum Verlassen ihrer Häuser und Wohnungen verpflichten. Jedes Bundesland hat eigene Regelungen zur Kampfmittelbeseitigung. Eine bundesweit einheitliche Regelung zu Zuständigkeiten, Finanzierung, Haftung und technischen Anforderungen gibt es bislang nicht. Informationen zur Kostenübernahme sind beim jeweiligen Bundesland erhältlich. Gebäude- und Hausratversicherungen übernehmen normalerweise Schäden durch explodierte Blindgänger.