380 Tonnen Geburtstagsgruß: Miniatur Wunderland bekommt eigene S-Bahn
Am Dienstag bekam das Miniatur Wunderland in der Hamburger Speicherstadt ein Geschenk, das man nicht einfach ins Büro stellt: einen 380 Tonnen schweren S-Bahn-Jubiläumszug. S-Bahn-Chef Jan Schröder, 50, übergab ihn an die Gründer Gerrit und Frederik Braun, beide 58. Die Jungfernfahrt begann an der Station Berliner Tor – und der Zug fährt ab sofort als rollender Botschafter im regulären Betrieb durch Hamburg.
2026 feiert das Miniatur Wunderland sein 25-jähriges Bestehen, der eigentliche Geburtstag ist im August. Frederik Braun nannte die S-Bahn ein Geburtstagsgeschenk. Die Brüder seien als Hamburger mit der Eisenbahn aufgewachsen. Gerrit Braun wiederum hätte vor 25 Jahren nicht geglaubt, einmal einen eigenen Zug zu besitzen. Bei der Premiere stand er außerdem erstmals im Führerstand. Ein ziemlich weiter Weg vom Modellbahngeschäft in Zürich bis dorthin.
Eine S-Bahn wie eine Verpackung für Modellfiguren
Idee und Design stammen von den Wunderland-Gründern selbst. Sie traten damit an die Deutsche Bahn heran. Rund ein Jahr dauerte die Vorbereitung, denn der Zug musste sämtliche Anforderungen für den öffentlichen Eisenbahnbetrieb erfüllen. Die Folie war dann vergleichsweise schnell angebracht: Dafür genügte ein Tag.
Die Gestaltung erinnert an die Verpackungen von Modellfiguren. In 26 bunten Fenstern sind Fahrgäste als kleine Modellfiguren zu sehen. Jedes Fenster trägt eine eigene Beschreibung, etwa „Windfest & Wortkarg“, „Elbstrand-Buddler“ oder „König der Möwen“. Gerrit Braun findet sich selbst beim „Franzbrötchen-Liebhaber“ wieder und rechnet damit, dass Fahrgäste Fotos von Menschen machen, die zu den jeweiligen Bezeichnungen passen. Das dürfte in Hamburg nicht allzu schwer sein.
Die Premierenfahrt endete am Bahnhof Dammtor. Danach ging es mit einem Shuttle weiter zum Miniatur Wunderland. Parallel kam die S-Bahn auch in klein auf die Schienen: eine originalgetreue Modelleisenbahn-Version im Maßstab 1:87, aufgestellt im Hamburg-Abschnitt der Anlage.
Für Wunderland-Mitarbeiter Fabian Althaus war vor allem die farbliche Übertragung des Designs knifflig. Den blauen Grundfarbton mischte er selbst und passte ihn an die große S-Bahn an. Althaus arbeitet seit fünf Jahren im Miniatur Wunderland, seit zwei Jahren unter anderem an Design- und Lackierarbeiten. Das große Vorbild soll ungefähr ein Jahr lang im regulären Betrieb unterwegs sein. Die Modellversion bleibt dauerhaft im Wunderland.
Eine Stadt, die nie ganz dunkel wird
Das Miniatur Wunderland ist laut Guinness World Records die größte Modelleisenbahnanlage der Welt und Hamburgs meistbesuchte Touristenattraktion. Betrieben wird sie von der Miniatur Wunderland Hamburg GmbH. Mehr als 16 Millionen Menschen aus aller Welt haben die Anlage in der Speicherstadt bereits besucht. Die Modellwelt erstreckt sich über 1.499 Quadratmeter und entstand in rund 795.000 Arbeitsstunden; nach Betreiberangaben sind es etwa 1700 Quadratmeter Modellfläche.
Über 265.000 Figuren bevölkern die Szenen, Autos und Schiffe bewegen sich durch die Landschaften, und am Knuffingen Airport starten Flugzeuge im Minutentakt. 389.000 LEDs sorgen mithilfe einer eigens entwickelten Lichtsteuerung für Tag- und Nachtsimulationen. Andere Betreiberangaben nennen – Stand März 2024 – sogar mehr als 500.000 LED-Leuchten. Der automatische Tag-Nacht-Zyklus wiederholt sich alle 15 Minuten. Dazu kommen 280 computergesteuerte Autos und mehr als 200 Knopfdruckaktionen, bei denen Besucher selbst Abläufe auslösen können.
Auf rund 16 Kilometern Gleis im Maßstab 1:87 fahren etwa 1200 digital gesteuerte Züge mit mehr als 12.000 Waggons. Hinzu kommen rund 5300 Häuser und Brücken, mehr als 11.000 Fahrzeuge – davon ungefähr 285 autonom fahrend –, 47 Flugzeuge und etwa 290.000 Figuren. Die Anlage wird laufend erweitert und führt über verwinkelte Gänge, Ausbuchtungen und zwei Ebenen. Bei Führungen hinter den Kulissen sind Schattenbahnhöfe und die Technik des Flugbetriebs zu sehen.
Seit Februar 2018 ist der Abschnitt „Venedig“ zugänglich. Er gehört zu den zwölf fertiggestellten Bereichen, die im April 2024 dokumentiert waren: Mitteldeutschland mit Harz und langer ICE-Hochgeschwindigkeitstrasse, die fiktive Stadt Knuffingen, Österreich mit Alpenlandschaft und mehrstöckiger Zugwendel, Hamburg und deutsche Küste, Amerika mit Las Vegas, Miami, Wilder Westen und Weltraumbahnhof, Skandinavien, Schweizer Alpen, Knuffingen Airport, Italien, Venedig, Rio de Janeiro mit „Welt von oben“ sowie Patagonien.
- Mitteldeutschland: Harz und eine lange ICE-Hochgeschwindigkeitstrasse.
- Knuffingen: eine 120 Quadratmeter große Fantasiestadt mit rund 6000 Einwohnern und mehr als 100 autonomen Modellautos, darunter zahlreiche Feuerwehrfahrzeuge. Alle 15 Minuten wird ein Feuerwehreinsatz simuliert.
- Österreich: eine Alpenlandschaft mit mehrstöckiger Zugwendel.
- Hamburg und deutsche Küste: mit zahlreichen Anspielungen auf die Hansestadt.
- Amerika: Las Vegas, Miami, Wilder Westen, fahrende Autos und Weltraumbahnhof. Ein dynamisches Verkehrsleitsystem steuert den Interstate Highway mit vier Geschwindigkeitsbegrenzungen, Dauerlichtzeichen und variabler Textanzeige.
- Skandinavien: die 30.000-Liter-Wasserfläche „Nord-Ost-See“ mit simulierter Ebbe und Flut, Storebeltbrücke und einem Bergwerk nach dem Vorbild Kirunas. Die Schiffe werden derzeit manuell gesteuert.
- Schweizer Alpen: Landschaften aus Tessin, Graubünden und Wallis; die Berge ragen auf einer zusätzlichen Ebene fast sechs Meter hoch auf.
- Knuffingen Airport: ein 150 Quadratmeter großer Modellflughafen mit eigener Flughafensteuerung.
- Italien: Sehenswürdigkeiten aus Rom, der Toskana und am Vesuv.
- Venedig: neun Quadratmeter groß, seit Februar 2018 geöffnet und mit rund 35.000 Arbeitsstunden besonders aufwendig gebaut.
- Rio de Janeiro und „Welt von oben“: im Dezember 2021 eröffnet; Rio umfasst 46 Quadratmeter.
- Patagonien: am 3. Mai 2023 eröffnet und 65 Quadratmeter groß.
Ein kleiner Abschnitt bildet außerdem die Hamburger HafenCity und die Elbphilharmonie auf neun Quadratmetern mit zehn ausgewählten Gebäuden nach. Die 25 Meter lange Fußgängerbrücke in 16 Metern Höhe wurde am 15. Juli 2020 über das Fleet eingebaut. Auf ihr eröffnete am 2. Dezember 2021 der Bereich „Welt von oben“ mit etwa 14 Quadratmetern Modellfläche und zwei Gleisen auf 25 Metern Länge. Züge fahren dort zwischen den beiden Speichergebäuden. Am 30. Mai 2023 erhielt die Brücke den Deutschen Brückenbaupreis in der Kategorie Fuß- und Radwegbrücken.
Der Abschnitt Monaco und die Provence kam am 25. April 2024 hinzu. Für die Formel-1-Strecke von Monaco wurde elf Jahre lang entwickelt. Die Rennwagen können sich über die gesamte Fahrbahnbreite bewegen und an wechselnden Stellen überholen. Permanentmagnete in den Wagen und wandernde Magnetfelder in der Fahrbahn übernehmen die Steuerung. Die Fahrbahn besteht aus 24 mehrlagigen Leiterplatten mit Leiterbahnen im Abstand von 0,7 Millimetern. 5700 Hall-Sensoren an der Unterseite erfassen die Position, 90 Ortungsplatinen und weitere 90 Platinen mit Mikrocontrollern regeln den Ablauf.
Pro Rennen treten 14 Formel-1- oder Formel-E-Wagen an. Gefahren werden sechs Runden, durchschnittlich gibt es pro Runde etwa 2,5 Überholmanöver. Kameras entlang der Strecke übertragen das Geschehen auf Videobildschirme. Fürst Albert II. und seine Familie eröffneten den Monaco-Abschnitt; anschließend starteten sie das erste Miniatur-Formel-1-Rennen.
Von der Zwei-Seiten-Idee zum Weltrekord
Die Idee zur Anlage kam Frederik Braun im Sommer 2000 während eines Urlaubs in Zürich. In einem Modellbahngeschäft, ausgerechnet. Nach
