Infraplan für die Schiene: Berlins 160-Seiten-Fahrplan gegen Verspätungen und Baustellen
Der 6. Oktober 2026 war in Berlin ein wichtiger Tag für die Schienenplanung: Das Bundesministerium für Verkehr übergab den ersten „Infraplan“ an die DB InfraGO. Der Parlamentarische Staatssekretär Ulrich Lange stellte den 160 Seiten starken Plan vor und übergab ihn an Dr. Philipp Nagl, den Vorstandsvorsitzenden der DB InfraGO. Bahnbau wird damit nicht mehr nur in Einzelprojekten gedacht, sondern erstmals in einer Gesamtsicht gebündelt.
Der Plan gilt für die Jahre 2026 bis 2030. Er zeigt, welche Sanierungen, Digitalisierungsmaßnahmen sowie Aus- und Neubauten des Netzes in den kommenden Jahren umgesetzt werden sollen. Der Bund legt die strategischen Prioritäten fest, die DB InfraGO soll die vorgesehenen Maßnahmen umsetzen. Ziel sind mehr Transparenz bei Zielen, Prioritäten und Fortschritten sowie eine langfristig planbarere und verbindlichere Entwicklung der Eisenbahninfrastruktur.
Messbare Ziele statt bloßer Ankündigungen
Im Zentrum stehen acht Steuerungskennzahlen des Bundes. Dazu zählen neu gebaute Gleiskilometer, elektrifizierte Strecken, anlagenbedingte Verspätungsminuten und lärmsanierte Streckenkilometer. Werden vereinbarte Ziele verfehlt, soll künftig nachgesteuert werden. Maßnahmen, Kennzahlen und Zielwerte sollen regelmäßig überprüft und fortgeschrieben werden. So soll erkennbar bleiben, was tatsächlich vorankommt – und wo es weiterhin klemmt.
Eine gesetzliche Verankerung des Infraplans ist vorgesehen. Außerdem soll er enger mit der Bundeshaushaltsplanung und der Unternehmensplanung von InfraGO verbunden werden. Das Konzept geht auf frühere Pläne des ehemaligen Verkehrsministers Volker Wissing zurück, den Staatskonzern stärker über Zielvorgaben zu steuern. Weitere Instrumente kommen hinzu: Die Leitstrategie Deutschlandtakt legt langfristige verkehrspolitische Ziele fest, das „Zielnetz 2035“ soll Prioritäten für die künftige Netzentwicklung setzen. Der Infraplan übersetzt diese Vorgaben in konkrete Maßnahmen und Ziele für die nächsten fünf Jahre. Wie das Zielnetz 2035 im Detail aussehen wird, ist allerdings noch offen.
Übergeordnet bleibt der Deutschlandtakt. Gemeint ist ein abgestimmter Rhythmus zwischen Nah-, Fern- und Güterverkehr, auf wichtigen Hauptstrecken möglichst mit halbstündlichen Zugverbindungen und kürzeren Umsteigezeiten. Klingt auf dem Papier ordentlich. Im Alltag stehen Reisende derzeit trotzdem oft mit Koffer und Kaffee am Bahnsteig und schauen auf die Anzeigetafel.
Verspätungen, Sperrungen und offene Zielwerte
Im September kam laut dem zugrunde liegenden Bericht fast jeder zweite Fernzug verspätet an. Der ICE 1541 zwischen Köln und Berlin verspätete sich laut BILD durchschnittlich um 90 Minuten. Nach Angaben der Bahn verursachte im selben Monat erneut eine hohe Zahl von Anlagenstörungen zahlreiche Verspätungen.
Gerade bei der Kennzahl „Streckenkilometer Korridorsanierungen“ fehlt bislang der Zielwert für die Jahre 2027 bis 2030. Bei solchen Korridorsanierungen werden stark belastete Strecken monatelang vollständig gesperrt und umfassend erneuert. Das Verfahren wurde unter Volker Wissing eingeführt und wird derzeit überprüft. Bahnchefin Evelyn Palla kritisierte, dass die Komplettsperrungen zu lange dauerten. Verkehrsminister Steffen Bilger (CDU) bemängelte zugleich anhaltende erhebliche Störungen auf bereits sanierten Strecken.
Voraussichtlich werden künftig pro Jahr weniger Strecken saniert als ursprünglich geplant. Auf der Verbindung Berlin–Hannover verlängert sich die Fahrzeit bis Ende 2027 um mindestens 80 Minuten. Auch zwischen Berlin und Wolfsburg mussten ICE-Züge wegen des schlechten Streckenzustands vielfach langsamer fahren. Die DB InfraGO startete deshalb ab Oktober umfangreiche Sanierungsarbeiten auf dieser Hauptstrecke. Das sind die Stellen, an denen sich Infrastrukturpolitik nicht mehr nach Papier, sondern nach Minuten im Zug anfühlt.
Die Zahlen aus dem September
Die vorläufige Statistik der Deutschen Bahn weist für September 2026 eine betriebliche Pünktlichkeit von 87,4 Prozent im DB-Personenverkehr aus. Im Regional- und Nahverkehr waren 88,2 Prozent der Züge pünktlich, im Fernverkehr lediglich 52,4 Prozent. Bei der Reisendenpünktlichkeit im Fernverkehr wurden 58,6 Prozent erreicht.
| Bereich | September 2025 | September 2026 |
|---|---|---|
| DB Personenverkehr | 86,4 % | 87,4 % |
| DB Fernverkehr, betriebliche Pünktlichkeit | 55,3 % | 52,4 % |
| DB Fernverkehr, Reisendenpünktlichkeit | 61,9 % | 58,6 % |
| DB Nahverkehr | 87,2 % | 88,2 % |
Betriebliche Pünktlichkeit bedeutet: Der Zug kommt weniger als sechs Minuten nach der planmäßigen Zeit an. Bei der Reisendenpünktlichkeit zählt dagegen, ob die Fahrgäste höchstens 14 Minuten und 59 Sekunden verspätet am gebuchten Zielbahnhof eintreffen. Anschlüsse, Zugausfälle, Ersatzzüge, Fahrplanänderungen und alternative Verbindungen fließen dabei ebenfalls ein.
Die Regionalzug-Pünktlichkeit lag einen Prozentpunkt über dem Vorjahreswert. Rund 95 Prozent der Reisenden nutzen Regionalzüge. Im Fernverkehr blieb die Pünktlichkeit dagegen auf dem niedrigen Niveau der Vormonate. Als Belastungen nennt die DB das hohe Bauaufkommen an Verkehrsknoten und auf Hauptstrecken, weiterhin viele Anlagenstörungen und deren besondere Auswirkungen auf den langlaufenden Fernverkehr.
Hinter den Prozentzahlen steckt eine ziemlich große Datenmenge: Monatlich werden mehr als 20.000 Fernverkehrsfahrten, rund 780.000 Nahverkehrsfahrten einschließlich S-Bahnen und insgesamt mehr als 800.000 Fahrten von DB-Personenzügen ausgewertet. Für die Reisendenpünktlichkeit betrachtet die Bahn die Reisen von durchschnittlich mehr als zehn Millionen Fernverkehrsfahrgästen pro Monat. Die Statistik erfasst den Anteil pünktlicher Halte an allen Unterwegs- und Endhalten.
Geld für die Schiene – nicht nur Jahr für Jahr
Langfristig ist ein Eisenbahninfrastrukturfonds nach Schweizer Vorbild geplant. Er soll Betrieb, Erhalt und Ausbau des Schienennetzes dauerhaft finanzieren und die Abhängigkeit von jährlichen Haushaltsentscheidungen verringern. In der Schweiz wird der entsprechende Fonds aus Haushaltsmitteln, Steuern, Abgaben und Kantonsbeiträgen gespeist.
Bis dieser Fonds eingerichtet ist, bleibt die Finanzierung von Ausbau- und Neubauprojekten vom jährlichen Bundeshaushalt abhängig. Aus dem bestehenden Sondervermögen dürfen Investitionen finanziert werden, die bis zum 31. Dezember 2036 bewilligt werden. Eine neue Leistungsvereinbarung mit InfraGO soll spätestens am 1. Januar 2027 in Kraft treten.
Für Reisende gibt es immerhin kurzfristig eine überschaubare Nachricht: Ab 1. November bietet die Bahn ein Familienticket für 99,99 Euro für Hin- und Rückfahrt im Fernverkehr an. Eine Sitzplatzreservierung ist enthalten. Der Preis steht also fest – bei der Ankunftszeit bleibt, zumindest auf manchen Hauptstrecken, noch Luft nach oben.
Der Infraplan kann auf der Website des Bundesministeriums für Verkehr heruntergeladen werden. Dort soll sich künftig auch nachvollziehen lassen, welche Fortschritte erreicht wurden und in welchen Bereichen weiterer Handlungsbedarf besteht. Im Bahnbau dürfte es davon zunächst genug geben.
