Im Zug wirkt vieles alltäglich: Türen schließen, Fahrscheine werden kontrolliert, irgendwo raschelt eine Zeitung. Für Zugbegleiter Robert Schmiedel gehört inzwischen aber auch die Frage dazu, wie schnell eine harmlose Situation kippen kann. Schmiedel arbeitet als Kundenbetreuer und Zugbegleiter bei DB Regio Thüringen und fährt unter anderem nach Göttingen, Nürnberg und Glauchau.

Nach einem tödlichen Angriff auf einen Zugbegleiter in Rheinland-Pfalz wurde der Täter zu zehn Jahren Haft verurteilt. Deutsche Bahn und Politik kündigten danach mehr Schutz für Zugpersonal an. Der Fall hat Schmiedel stark erschüttert. Er denkt seitdem darüber nach, ob er diesen Beruf noch jahrzehntelang machen will.

Wenn aus Ärger plötzlich Gewalt wird

Von Konflikten und Angriffen unter Kollegen erfuhr Schmiedel besonders häufig auf der Strecke Suhl–Erfurt. Dort sei es inzwischen ruhiger. Als Gründe nennt er vor allem Polizeistreifen und eine Meldefunktion der Deutschen Bahn, über die Vorfälle gesammelt werden. Die Bahn stimmt sich mit der Polizei ab und entscheidet anschließend, in welchen Zügen Polizeibeamte mitfahren.

Beleidigungen und verbale Übergriffe erlebt praktisch jeder Zugbegleiter. Seit seinem Einstieg im Jahr 2019 habe die Zahl der Vorfälle nach Schmiedels Wahrnehmung jährlich zugenommen. Schulungen bereiten die Beschäftigten auf solche Situationen vor – bei der wachsenden Häufigkeit stoßen sie allerdings an Grenzen. Auch körperliche Angriffe hätten deutlich zugenommen.

In Kassel wurde Schmiedel bedroht, nachdem ein Fahrradfahrer trotz eines vollen Zuges einsteigen wollte und ihm sein Fahrrad vor die Beine warf. Schmiedel stürzte. Anwesende Fahrgäste unterstützten ihn. Solche Gefahrensituationen entwickeln sich teilweise aus zunächst völlig unauffälligen Momenten.

Alkoholbedingt aggressive Personen fallen Zugbegleitern häufig auf. Die Mitarbeiter entwickeln dafür mit der Zeit einen eigenen Blick. Sie erhalten Vorgaben, Hilfsmittel und Schulungen zum Selbstschutz. Schmiedel nutzt eine Bodycam. Sie dokumentiert Vorfälle und gibt ihm ein sichereres Gefühl. Viele Menschen reagieren auf die Kamera; unter Alkoholeinfluss verliert ihre abschreckende Wirkung jedoch teilweise an Bedeutung.

In bestimmten Situationen sollen sich Zugbegleiter zurückziehen. Schmiedel wünscht sich trotzdem mehr Zivilcourage von den Fahrgästen – wobei er einräumt, dass ein Eingreifen schwierig sein kann. Für Zugbegleiter sei es besonders belastend, wenn Menschen bei Bedrohungen einfach zuschauen.

Bis zu 2.000 Menschen in einer Schicht

Während einer normalen Schicht begegnet Schmiedel bis zu 2.000 Menschen. Oft habe er den Eindruck, dass Fahrgäste Zugbegleiter eher als Teil eines schlecht funktionierenden Systems wahrnähmen und nicht als Menschen. Baustellen und Verspätungen machen müde und wütend; der Frust kann sich dann gegen das Zugpersonal richten.

Mehr Sicherheit verspricht sich Schmiedel vor allem von einer Doppelbesetzung. Zwei Mitarbeiter vermittelten dem Personal und den Fahrgästen ein anderes Sicherheitsgefühl. Besonders an Freitagabenden hat er Bedenken, allein durch Züge mit feiernden Fahrgästen zu gehen. In Zügen mit getrennten Fahrzeugen kann er nicht den gesamten Zug kontrollieren und ist teilweise allein. Kommt es dort zu einem Vorfall, kann er unter Umständen auch Fahrgästen nicht helfen.

Der tödliche Angriff in Rheinland-Pfalz fällt in eine Zeit, in der die Bundesregierung den Schutz dieser Berufsgruppen gesetzlich verschärfen will. Das Bundeskabinett hat einen Gesetzentwurf beschlossen, der Angriffe auf Bus- und Zugpersonal sowie auf Beschäftigte anderer gemeinwohldienender Einrichtungen härter bestrafen soll.

Geplante härtere Strafen

Bundesjustizministerin Stefanie Hubig (SPD) erklärte, Übergriffe auf Polizei- und Feuerwehrkräfte, Nahverkehrsbeschäftigte sowie Personal in Kliniken und Praxen nähmen zu. Das Justizministerium hatte bereits 2024 einen ersten Entwurf zum besseren Schutz dieser Berufsgruppen vorgelegt. Zusätzliche Aufmerksamkeit erhielt das Thema im Februar, nachdem ein Zugbegleiter bei einer Fahrscheinkontrolle tödlich angegriffen worden war.

Laut Hubig werden Bahnbeschäftigte inzwischen etwa fünfmal täglich angegriffen. Die Deutsche Bahn begrüßte die geplanten Regeln. Sie ergänzten bestehende Sicherheitsmaßnahmen wie Bodycams, bessere Schutzausrüstung und Deeskalationstrainings – also genau jene Instrumente, mit denen Beschäftigte wie Schmiedel im Alltag arbeiten.

Der Entwurf nennt unter anderem Gerichtsvollzieher, Ärzte, Pflegekräfte sowie Beschäftigte kommunaler Verkehrsbetriebe und Energieversorger als besonders wichtige Berufsgruppen. Für tätliche Angriffe auf diese Personen soll künftig eine Freiheitsstrafe von mindestens sechs Monaten gelten; bisher liegt die Mindeststrafe bei drei Monaten.

In besonders schweren Fällen soll die Strafe künftig mindestens ein Jahr und höchstens zehn Jahre betragen. Bisher waren sechs Monate bis fünf Jahre vorgesehen. Tätliche Angriffe durch einen hinterlistigen Überfall sollen ausdrücklich als besonders schwere Fälle gelten, etwa wenn Einsatzkräfte in einen Hinterhalt gelockt werden.

Der Gesetzentwurf wird nun im Bundestag beraten. Eine Zustimmung des Bundesrates ist nicht erforderlich. Für Robert Schmiedel bleibt derweil der nächste Dienst entscheidend: ein voller Zug, viele Gesichter, Verspätungen – und die kurze Frage, ob aus einem Ärgernis wieder mehr wird.

Was die dritte Quelle beiträgt

Die angegebene PDF-Quelle des Forschungsverbunds Öffentliche Verwaltung und Gewalt im öffentlichen Dienst konnte aus den bereitgestellten PDF-Binärdaten nicht als lesbarer Nachrichtenartikel extrahiert werden. Ein belastbarer zusätzlicher Befund lässt sich daraus deshalb nicht wiedergeben. Dafür wären der Artikeltext, eine durchsuchbare PDF oder Bilder der betreffenden Seiten nötig.