Auf deutschen Baustellen kommt wieder Bewegung auf. Nach drei Jahren weitgehender Stagnation wächst das Bruttoinlandsprodukt seit dem vierten Quartal des vergangenen Jahres erneut. Der Aufschwung setzte sich im zweiten Quartal dieses Jahres trotz gestiegener Energiepreise infolge des Nahostkonflikts fort. Für 2026 haben Ökonomen ihre Konsensprognosen deshalb nach oben korrigiert – nachdem sie zuvor aus Sorge vor stärkeren wirtschaftlichen Folgen des Konflikts zwischen den USA und Iran deutlich zurückgenommen worden waren.

Getragen wird die Belebung vor allem von den öffentlichen Ausgaben. Auch die Exporte leisten einen positiven Beitrag. Besonders kräftige Impulse zeigen sich bei Infrastrukturprojekten und im Tiefbau sowie im „sonstigen Fahrzeugbau“, der deutlich mehr Auftragseingänge verzeichnete. Dahinter stehen umfangreiche öffentliche Verteidigungsaufträge in der Luft- und Raumfahrt und im Schiffbau.

500 Milliarden Euro für ein Land mit Reparaturbedarf

Die von Bundeskanzler Friedrich Merz geführte Koalition setzt auf Wirtschaftswachstum – und nimmt dafür viel Geld in die Hand. Ein mehrjähriges Finanzpaket für Verteidigung und Infrastruktur war im Frühjahr des Vorjahres angekündigt worden. Nach der Verabschiedung des Bundeshaushalts begann die Umsetzung ab Herbst. Die Bundesregierung erhöhte die öffentlichen Ausgaben deutlich und plant weitere Steigerungen.

Im Zentrum steht ein Sondervermögen von 500 Milliarden Euro für Infrastruktur und Energiewende. Die Grundlage dafür schuf der 20. Deutsche Bundestag im März 2025 mit einer Änderung des Grundgesetzes. Das Bundeskabinett beschloss das Sondervermögen am 24. Juni 2025, der Bundestag verabschiedete das Gesetz am 18. September, der Bundesrat stimmte am 26. September zu. Mit der Veröffentlichung im Bundesgesetzblatt am 2. Oktober 2025 trat es rückwirkend zum 1. Januar 2025 in Kraft.

Vorgesehen ist das Geld für zusätzliche kreditfinanzierte Investitionen in die Infrastruktur und für die Erreichung der Klimaneutralität bis 2045. Deutschland soll bei Straßen, Brücken und digitaler Infrastruktur aufholen, nachdem im vergangenen Jahrzehnt zu wenig investiert worden war. Das Ziel: ein moderneres Land, gesicherter Wohlstand und mehr Wettbewerbsfähigkeit durch Wachstum. Eine erneuerte Infrastruktur soll außerdem künftige Generationen entlasten.

Aufgeteilt wird das Sondervermögen in drei große Bereiche: 100 Milliarden Euro gehen an Länder und Kommunen, weitere 100 Milliarden Euro an Investitionen des Klima- und Transformationsfonds. 300 Milliarden Euro stehen für zusätzliche Investitionen des Bundes bereit. Bewilligt werden können die Mittel innerhalb einer Laufzeit von zwölf Jahren.

Vom Bahnsteig bis zur digitalen Verwaltung

Die Liste der vorgesehenen Bereiche ist lang und ziemlich bodenständig: zuverlässigerer Bahnverkehr, bessere Kindertagesbetreuung, Digitalisierung der Verwaltung, Forschung, Klimaschutz sowie Zivil- und Bevölkerungsschutz. Das Bundesfinanzministerium nennt darüber hinaus die Modernisierung der Verkehrsinfrastruktur, Bildung und Forschung, Digitalisierung, Wohnungsbau und Krankenhausinfrastruktur als Schwerpunkte.

Bundesfinanzminister und Vizekanzler Lars Klingbeil verbindet damit konkrete Verbesserungen im Alltag: bessere Bildung für Kinder, eine sanierte Bahn und pünktlichere Arbeitswege, außerdem Investitionen in Digitalisierung, Gesundheit, Klimaschutz und moderne Infrastruktur. Klingt auf dem Papier trocken. Auf einer maroden Brücke, in einem verspäteten Zug oder vor einem langsamen Amtsschalter bekommt der Begriff „Investition“ allerdings schnell einen sehr praktischen Klang.

Das Programm ist als Generationenprojekt angelegt. Bund, Länder und Kommunen können insgesamt 500 Milliarden Euro zusätzlich in Infrastruktur und Maßnahmen für die Klimaneutralität investieren. Die langfristige Ausrichtung soll die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen verbessern, Unternehmen und öffentlicher Hand mehr Planungssicherheit geben und private Investitionen fördern.

Bis Ende 2025 investierte der Bund 24 Milliarden Euro aus dem Sondervermögen. Seine gesamten Investitionen beliefen sich 2025 auf 87 Milliarden Euro – 17 Prozent mehr als 2024. Für 2026 sind mehr als 120 Milliarden Euro geplant. Planungsbeschleunigung und Bürokratieabbau sollen helfen, dass das Geld nicht jahrelang in Aktenordnern liegen bleibt.

Zusätzlich heißt wirklich zusätzlich

Die Mittel dürfen nicht einfach bestehende Ausgaben ersetzen. Investitionen aus dem Sondervermögen müssen zusätzlich sein. Dafür müssen die im Bundeshaushalt veranschlagten Investitionsausgaben mehr als zehn Prozent der Gesamtausgaben betragen. Erst dann können entsprechende Vorhaben aus dem Sondervermögen finanziert werden.

Das Sondervermögen beinhaltet eine zusätzliche Kreditermächtigung neben den Investitionen aus dem regulären Bundeshaushalt. Kredite werden jährlich nur in der Höhe aufgenommen, in der Mittel aus dem Sondervermögen tatsächlich für Investitionen ausgegeben oder abgerufen werden. Im Oktober beziehungsweise Dezember 2025 wurden die gesetzlichen und verwaltungsrechtlichen Grundlagen geschaffen, um diese Kredite abzurufen und für zusätzliche Investitionen einzusetzen.

Kontrolle ist ebenfalls vorgesehen: Bei Maßnahmen des Bundes soll nach vier und acht Jahren geprüft werden, ob die Ziele erreicht wurden. Nach Ablauf der zwölfjährigen Laufzeit folgt eine abschließende Erfolgskontrolle. Das klingt vernünftig – gerade bei einem Betrag, bei dem selbst kleine Umwege schnell sehr teuer werden.

Finanziert werden höhere Verteidigungsausgaben teils über das Sondervermögen Bundeswehr und teils über die reformierte Schuldenbremse. Die Reform erlaubt, Verteidigungsausgaben oberhalb von einem Prozent des Bruttoinlandsprodukts von der Schuldenbremse auszunehmen. Hinzu kommen Investitionsanreize, eine schrittweise Senkung der Unternehmenssteuerlast, Forschungsförderung und vergünstigte Stromtarife für das produzierende Gewerbe.

Kurz vor Weihnachten wurde außerdem der Deutschlandfonds gestartet. Er soll privates Kapital für Investitionen mobilisieren und damit neben den staatlichen Mitteln zusätzliche Bewegung in die Finanzierung bringen.

Erholung trotz Gegenwind

Jüngste Daten zur Realwirtschaft könnten zwar auf eine vorübergehende Abschwächung der Industrie hindeuten. Trockenheit erschwert unter anderem die Binnenschifffahrt auf dem Rhein – kein großes Schlagwort, aber für Lieferketten und Baustellen spürbar. Wenn Schiffe wegen niedriger Pegel weniger laden können, wird es auf einmal kompliziert, was zuvor ganz selbstverständlich wirkte.

Der grundlegende Trend bleibt nach den Frühindikatoren jedoch auf Erholung ausgerichtet. Industrieaufträge, Einkaufsmanagerindizes und ifo-Stimmungsindikatoren verbesserten sich zuletzt deutlich. Sie weisen auf eine Fortsetzung und mögliche Verstärkung des Aufschwungs hin – trotz stark gestiegener Energiepreise und anhaltender geopolitischer Unsicherheit.

Die robuste Konjunktur hat die Wachstumserwartungen für 2026 steigen lassen. Der Aufschwung hängt allerdings stark an den öffentlichen Ausgaben. Das macht die laufenden Tiefbau- und Infrastrukturprojekte wirtschaftlich wichtig, zugleich aber auch abhängig von Planung, Genehmigungen und der tatsächlichen Umsetzung vor Ort.

Zur Haushaltskonsolidierung plant die Bundesregierung deshalb weitere Schritte: eine Reform der Grundsicherung für Arbeitssuchende, Einsparungen beim Personal – ausgenommen Sicherheitsbehörden –, eine Halbierung der Zahl der Bundesbeauftragten, Kürzungen bei Förderprogrammen und Einsparungen bei der Entwicklungshilfe. Außerdem soll entschiedener gegen Schwarzarbeit und Umsatzsteuerbetrug vorgegangen werden.

Politisch bleibt das Umfeld unruhig. Bei jüngsten Landtagswahlen gewann die AfD weitere Stimmen, insbesondere zulasten der CDU. Die nächste Bundestagswahl ist für 2029 vorgesehen. Bis dahin muss sich zeigen, ob aus den großen Kreditrahmen tatsächlich sichtbare Brücken, schnellere Züge, funktionierende digitale Verfahren und mehr Wohnraum werden – oder ob auf den Baustellen wieder vor allem gewartet wird.