Am Kernkraftwerk Pickering in Ontario werden die Bagger zwar nicht sofort auffahren, der Auftrag ist aber bereits gewaltig: Aecon Group, AtkinsRéalis und Siemens Energy haben von Ontario Power Generation (OPG) Verträge über insgesamt 3,00 Mrd. CAD für die Modernisierung erhalten. Aecon datierte den Vertragsabschluss auf den 21.09.2026.

Auf Aecon entfällt ein Anteil von 1,75 Mrd. CAD. Dieser Betrag soll im dritten Quartal 2026 in den Auftragsbestand des Construction-Segments aufgenommen werden. Die vorbereitenden Arbeiten haben bereits begonnen; die eigentliche Projektausführung ist für Januar 2027 vorgesehen – allerdings nur, wenn die erforderlichen behördlichen Genehmigungen vorliegen.

Zwei Großbaustellen im Kraftwerk

Das erste Projekt ist der Austausch von Rohren, Speisern und Kesseln, offiziell „Retube, Feeder and Boiler Replacement“ (RFBR). Der Auftragswert liegt bei 1,70 Mrd. CAD. Aecon arbeitet dabei in einem 50/50-Joint-Venture mit AtkinsRéalis. Zunächst soll Block 5 modernisiert werden. Ähnliche Arbeiten an den Blöcken 6, 7 und 8 sind in späteren Phasen vorgesehen – auch sie hängen von behördlichen Genehmigungen ab.

Zum Leistungsumfang gehören der Austausch von Dampferzeugern, Brennstoffkanälen und Speisewasserleitungen. Dahinter steht ein klares Ziel: Die Betriebsdauer des Kraftwerks soll verlängert werden. Die Aufträge bauen auf bereits abgeschlossenen Verträgen für vorbereitende Arbeiten auf. Die gemeinsame Entwicklungsphase beider Projekte nähert sich laut Aecon ihrem Abschluss; weitere vorbereitende Arbeiten sollen im September 2026 beginnen.

Beim zweiten Vorhaben geht es um die Turbinengeneratoren. Der „Turbine Generator Replacement“ (TGR) genannte Auftrag hat ein Volumen von 1,30 Mrd. CAD. Dafür bilden Aecon und Siemens Energy ein Konsortium, an dem Aecon die Mehrheit hält. Das Unternehmen übernimmt Bauleistungen und die Materialbeschaffung.

Geplant sind 14 neue Dampfturbinenläufer, die Überholung von vier Generatoren einschließlich der Neuwicklung ihrer Statoren sowie neue Hilfssysteme. Hinzu kommt ein neues Steuerungs- und Überwachungssystem. Das klingt nach viel Technik auf dem Papier; auf der Baustelle bedeutet es vor allem viele Arbeitsschritte, Materialbewegungen und enge Abstimmung.

Viele Fachkräfte, viele offene Abhängigkeiten

Für die Modernisierung sollen mehrere hundert Aecon-Fachkräfte und Gewerkschaftsmitarbeiter eingesetzt werden. Dazu kommen kanadische Zulieferer und Fertigungsbetriebe. Aecon verweist auf Erfahrungen aus der Modernisierung des Kernkraftwerks Darlington sowie aus dem Bruce-Power-Programm zum Austausch wesentlicher Komponenten.

Der Zeitplan bleibt dennoch nicht unangreifbar. Aecon nennt als Risiken Verzögerungen bei Genehmigungen, Bau, Beschaffung oder Projektstart, außerdem Probleme bei Lieferketten, Arbeitskräften oder Spezialausrüstung. Auch die Nichterfüllung durch Partner, Kunden oder Lieferanten kann den Ablauf treffen. Kostensteigerungen, Zölle und geopolitische Veränderungen, eine veränderte Nachfrage sowie das Nichterreichen geplanter Meilensteine oder Projektergebnisse gehören ebenfalls zu den genannten Unsicherheiten.

Zum größeren Bild gehört Aecons Beteiligung am Darlington New Nuclear Project. Dort soll der erste kommerzielle netzgekoppelte Small Modular Reactor der G7 entstehen. Am Standort Darlington sind insgesamt vier SMR vorgesehen; OPG plant den ersten Reaktor gemeinsam mit GE Hitachi Nuclear Energy. Vorgesehen ist ein BWRX-300, ein wassergekühlter Siedewasser-SMR mit 300 MW und natürlicher Zirkulation. Die CNSC erteilte dafür im April 2025 die Baugenehmigung, nachdem vorbereitende Bauarbeiten im März 2024 abgeschlossen worden waren. Der kommerzielle Betrieb soll voraussichtlich 2029 beginnen. Als Vorbild soll das Projekt für ähnliche Vorhaben in Saskatchewan, New Brunswick und Alberta dienen.

Kanadas nukleare Großbaustellen

Pickering passt in eine kanadische Atomlandschaft, in der Laufzeitverlängerungen und Neubaupläne nebeneinanderstehen. Die CNSC genehmigte im Oktober 2024 den Weiterbetrieb der Blöcke 5 bis 8 des Kraftwerks Pickering bis zum 31. Dezember 2026. Ab 2027 sollen dort Modernisierungsarbeiten beginnen – zeitlich liegt das auffällig nahe am geplanten Start der nun vergebenen Arbeiten.

In Darlington wurden die Blöcke 1, 2 und 3 modernisiert; die Arbeiten an Block 4 begannen im Juli 2023. Im September 2025 verlängerte die CNSC die Betriebsgenehmigung für das Kernkraftwerk um 20 Jahre. Am Standort Bruce wurde im Februar 2025 der Austausch aller acht Dampferzeuger von Block 3 abgeschlossen, im selben Monat begannen die Arbeiten an Block 4.

Auch bei neuen großen Anlagen wird gerechnet: Ontario kündigte Anfang Juli 2023 an, dass Bruce Power eine Umweltverträglichkeitsprüfung für neue nukleare Kapazitäten von insgesamt 4.800 MW am Standort Bruce durchführen soll. Die Provinzregierung unterstützt diese Neubaupläne. OPG wurde außerdem beauftragt, die Möglichkeit eines Kernkraftwerksneubaus am Standort Wesleyville in Port Hope zu prüfen.

Parallel dazu prüft Québec die Wiederinbetriebnahme des 2012 stillgelegten Kernkraftwerks Gentilly-2. Bei den kleineren Reaktoren ist die Landkarte noch bunter: Saskatchewan plant ab 2029 den Einsatz des 5-MW-Mikroreaktors eVinci von Westinghouse. NB Power beantragte im Juni 2023 die Genehmigung zur Standortvorbereitung für einen ARC-100-Reaktor am Kernkraftwerksstandort Point Lepreau; für das Vorhaben wurde auch eine Umweltverträglichkeitsprüfung registriert. Der ARC-100 ist ein natriumgekühlter schneller Reaktor mit 100 MW. Die Energiestrategie von New Brunswick sieht bis 2035 mehrere ARC-100-Reaktoren mit zusammen rund 600 MW zusätzlicher Leistung vor.

X-energy schloss im Januar 2024 die Vorlizenzierung seines 80-MW-Hochtemperaturreaktors Xe-100 bei der CNSC ab und reichte den Entwurf für ein weiteres Prüfverfahren ein. Der Xe-100 kann zu einem Kraftwerk mit 320 MW ausgebaut werden und soll TRISO-X-Partikelbrennstoff verwenden. Prodigy und Westinghouse planen, bis 2030 einen transportablen SMR in Kanada in Betrieb zu nehmen. Das „Transportable Nuclear Power Plant“ soll einen vorgefertigten 5-MW-eVinci-Mikroreaktor enthalten.

Im März 2024 vereinbarten die Aufsichtsbehörden der USA, Kanadas und Großbritanniens eine Zusammenarbeit bei der technischen Prüfung fortgeschrittener modularer Reaktoren und SMR. Kanada betreibt außerdem vier Forschungsreaktoren, drei in Ontario und einen in Montreal. Betreiber beziehungsweise Lizenznehmer sind unter anderem Universitäten, private Unternehmen und staatliche Stellen. Die britische Aufsichtsbehörde und die Canadian Nuclear Laboratories wollen bei Technologien zur Nutzung von Tritium zusammenarbeiten, das als Brennstoff in der Fusionsenergie eingesetzt werden soll.

Reaktordesign, Uran und der Blick auf die Genehmigungen

AtkinsRéalis entwickelte das Candu-Monark-Reaktordesign mit einer Leistung von 1.000 MW – den leistungsstärksten Reaktor der Candu-Technologie. Der erste Candu-Monark-Reaktor soll in Kanada zwischen 2034 und 2035 in Betrieb gehen. Weitere Brennstoff- und Reaktorentwicklungen umfassen Enhanced Candu 6 und Advanced Candu Reactor.

Die kanadische Aufsichtsbehörde CNSC schloss im August 2024 eine Überprüfung der regulatorischen Anforderungen an die Containment-Funktion für neue Reaktorkonzepte ab. Die Ergebnisse sollen die Bewertung neuer Einschlusskonzepte unterstützen. Viele übergeordnete Containment-Anforderungen gelten laut CNSC für alle Reaktortypen; in einer künftigen Fassung von REGDOC-2.5.2 sollen die Anforderungen weiter präzisiert werden.

Kanada verfügt über große Uranvorkommen und zählt nach Kasachstan und Namibia zu den Ländern mit der höchsten Uranförderung weltweit. Die Produktion stammt aus den Minen McArthur River und Cigar Lake in Saskatchewan, während die Erkundung weiterer Uranlagerstätten fortgesetzt wird. Im Oktober 2023 erteilte die CNSC den Betreibern der Uranbetriebe Key Lake, McArthur River und Rabbit Lake neue Betriebsgenehmigungen mit Laufzeiten bis 2038 beziehungsweise 2043. An den Standorten wird Uran abgebaut und zu Uranoxid verarbeitet.

Beim Blick auf Aecon selbst fällt der jüngste Auftrag in eine bereits gut gefüll