Die KI-Branche baut mit Hochdruck neue Rechenleistung auf. Doch zwischen Serverhallen, Stromtrassen und Generatoren wird es zunehmend eng. Oracle bekommt das gerade ziemlich konkret zu spüren: Das Unternehmen hat dem Entwickler eines milliardenschweren Rechenzentrumsprojekts in New Mexico eine Mitteilung über höhere Gewalt geschickt.

Der Schritt kommt ausgerechnet in einer Phase rasanter Geschäfte. Im ersten Quartal des Geschäftsjahres 2027 stieg Oracles Gesamtumsatz um 30 Prozent auf 19,3 Milliarden US-Dollar. Der Cloud-Umsatz legte um 62 Prozent auf 11,6 Milliarden US-Dollar zu, die Cloud-Infrastruktur sogar um 121 Prozent auf 7,4 Milliarden US-Dollar. Der bereinigte Gewinn je Aktie erreichte 1,92 US-Dollar und lag damit über den Markterwartungen.

„Projekt Jupiter“ gerät unter Druck

Im Mittelpunkt steht das 165 Milliarden US-Dollar schwere Rechenzentrumsprojekt „Projekt Jupiter“ in New Mexico. Die Anlage soll 2028 ans Netz gehen. Oracle übermittelte dem Entwickler Blue Owl Capital am Donnerstag die Force-Majeure-Mitteilung; Adressat war eine Tochtergesellschaft des Finanzinvestors. Damit will sich Oracle gegen finanzielle Belastungen und höhere Kosten absichern, falls sich die Inbetriebnahme verzögert.

Laut Bloomberg erwägt Oracle, Zahlungen für den Campus zu verschieben, sollte das Rechenzentrum nicht 2028 betriebsbereit sein. Verzögerungen bei Stromnetzen, Generatoren oder Gebäuden könnten außerdem verhindern, dass Oracle die vertraglich zugesagten Cloud-Kapazitäten bereitstellt. Der Entwickler steht dabei nicht nur vor baulichen Aufgaben: Für das Projekt gibt es auch regulatorische Hürden und lokalen Widerstand.

Oracle erklärte allerdings, „Projekt Jupiter“ liege weiterhin im Zeitplan. Ganz geräuschlos bleibt die Sache trotzdem nicht. Die Oracle-Aktie fiel im vorbörslichen US-Handel zeitweise um mehr als 5 Prozent. Auch die Aktien von Blue Owl Capital und Bloom Energy gerieten unter Druck.

Das Problem reicht über diesen einen Campus hinaus. Oracles verbleibende Leistungsverpflichtungen stiegen innerhalb eines Jahres um 209 Milliarden US-Dollar auf 664 Milliarden US-Dollar. Dieses Auftragspolster lässt sich nur abarbeiten, wenn genügend Serverfarmen rechtzeitig fertig werden. Oracle erhöhte deshalb seine Umsatzprognose für das Gesamtjahr auf mindestens 90 Milliarden US-Dollar – eine gewaltige Zahl, hinter der nun allerdings auch Bauzeiten, Lieferketten und Kapitalbedarf stehen.

Gute Zahlen, vorsichtigere Kursziele

Die Aktie notierte bei 118,62 Euro und verlor seit Jahresbeginn 29 Prozent. Analysten blieben grundsätzlich positiv, rückten bei ihren Kurszielen aber ein Stück zurück. Freedom Broker senkte am 17. September das Ziel von 210 auf 205 US-Dollar und beließ es bei „Kaufen“. BMO Capital Markets reduzierte am 11. September von 220 auf 195 US-Dollar und bestätigte „Outperform“.

In diese Neubewertung fließen nicht nur die Geschäftszahlen ein. Es geht um Bauzeiten, die Verfügbarkeit von Transformatoren, Lieferketten, die Finanzierung und das Risiko, dass die physische Infrastruktur langsamer wächst als die Nachfrage nach KI-Rechenleistung.

Oracle treibt parallel seine Softwareangebote voran. Am 15. September veröffentlichte das Unternehmen Java 27 mit Post-Quanten-Kryptografie und Werkzeugen für schnellere KI-Berechnungen. Bereits am 14. September startete in den USA der Oracle Health Clinical AI Agent. Er soll Pflegekräfte per Sprachsteuerung bei der Dokumentation unterstützen. Die Anwendungen sind da – nun müssen die Server, Netze und Stromquellen hinterherkommen.

Der Strom wird zum Engpass

Der Energiehunger wächst rasant. Der Stromverbrauch von KI-Rechenzentren soll bis 2026 auf mehr als 1.000 Terawattstunden steigen; über 60 Prozent davon stammen aus fossilen Brennstoffen. Der Verbrauch von Rechenzentren verdoppelt sich bis 2026 vor allem wegen KI-Anwendungen. Nach Angaben des zugrunde liegenden Berichts benötigt die zunehmende KI-Inferenz sogar mehr Energie als das Training von KI-Modellen. Eine ChatGPT-Anfrage verbraucht etwa zehnmal so viel Strom wie eine Google-Suche.

Bis zu 4 bis 8 Prozent des weltweiten Stromverbrauchs könnte KI künftig ausmachen. AWS, Azure, Google Cloud und Meta AI kommen zusammen bereits auf rund 259 Terawattstunden. Morgan Stanley rechnet bis 2028 mit einem zusätzlichen Strombedarf von 126 Gigawatt und einem möglichen Defizit von 55 Gigawatt. In den USA droht bis 2028 eine Erzeugungslücke von 49 Gigawatt; im PJM-Stromverbund werden 6 Gigawatt erwartet.

Besonders spürbar ist die Konzentration in Nord-Virginia, wo viele Rechenzentren die Zuverlässigkeit des Netzes belasten. Für US-Haushalte sind die Strompreise seit 2019 bereits um 42 Prozent gestiegen. Zusätzliche monatliche Kosten von 15 bis 25 US-Dollar stehen im Raum. Versorger beantragten 2025 Tariferhöhungen von insgesamt 31 Milliarden US-Dollar, davon wurden 9,33 Milliarden US-Dollar Rechenzentren zugerechnet. Überfällige Stromrechnungen stiegen um 32 Prozent.

Und dann sind da die ganz praktischen Wartezeiten: Die Beschaffung von Transformatoren dauert derzeit etwa zwei bis vier Jahre. Für ein Projekt, das 2028 ans Netz soll, ist das keine Kleinigkeit. US-Bundesstaaten prüfen deshalb, ob Rechenzentren stärker an den Netzkosten beteiligt werden sollen.

Kernkraft, Erdgas und die Suche nach einem Ausweg

Microsoft plant, das Kernkraftwerk Three Mile Island Unit 1 durch Constellation Energy bis 2027 mit 835 Megawatt Leistung wieder in Betrieb zu nehmen. Für das Vorhaben wurde ein Kredit über 1 Milliarde US-Dollar genehmigt. Kernkraft wird wegen ihrer kontinuierlichen und CO₂-freien Grundlastversorgung als Option für Rechenzentren genannt.

Auch Amazon, Google, Meta und Oracle setzen auf kleine modulare Reaktoren, kurz SMRs. Insgesamt sind 13 Projekte mit einer geplanten Leistung von 9,8 Gigawatt vorgesehen. Meta prüft bis zu 6,6 Gigawatt Kernkraftkapazität, Amazon investiert 700 Millionen US-Dollar in X-energy. Google plant 615 Megawatt am Standort Duane Arnold sowie weitere 500 Megawatt mit Kairos Power. Oracle selbst plant rund 1 Gigawatt Leistung aus drei SMRs.

SMRs sind fabrikgefertigte, skalierbare Reaktoren mit einer Leistung von weniger als 300 Megawatt. Der Markt für Rechenzentren soll bis 2032 auf 13,8 Milliarden US-Dollar wachsen. Die ersten US-SMRs werden allerdings frühestens zwischen 2029 und 2032 erwartet – für manche aktuelle Baupläne ist das spät, sehr spät sogar.

Deshalb erlebt auch Erdgas wegen niedrigerer Netzanschlusskosten eine Renaissance. Sein Anteil an neuen Kapazitäten stieg auf 18,1 Prozent, die nicht erneuerbaren Kapazitätszubauten nahmen um 71 Prozent zu. Die Internationale Energieagentur warnt zugleich vor einer langfristigen Bindung an fossile Brennstoffe. Wie sich der steigende KI-Strombedarf auf Klimaziele und Energiepolitik auswirkt, wird politisch diskutiert.

Morgan Stanley bezeichnet die Entwicklung als bedeutendste Veränderung seit der Elektrifizierung. Das Weltwirtschaftsforum warnt vor zunehmender geoökonomischer Konfrontation. Und während Rechenzentren um Anschlussleistung ringen, müssen Versorger, Politik und Anwohner klären, wer für neue Leitungen, Kraftwerke und Risiken bezahlt. Ob Kernkraft schnell genug ausgebaut, Erdgas genutzt oder die Netzinfrastruktur modernisiert wird, entscheidet mit darüber, ob Projekte wie „Projekt Jupiter“ tatsächlich im vorgesehenen Jahr ans Netz gehen.