Südtirols Unternehmen geraten 2026 spürbar unter Druck. Das WIFO prognostiziert für die Wirtschaft nur noch ein Wachstum von 0,6 Prozent – nach 1,1 Prozent im Vorjahr. Besonders deutlich zeigt sich die Abkühlung bei den Baugenehmigungen: Die genehmigte Baukubatur ist um 38,2 Prozent zurückgegangen.

Auch andere Zahlen zeigen nach unten. Im zweiten Quartal sanken die Exporte um 1,1 Prozent. Die Ausfuhren nach China brachen um 24,8 Prozent ein, jene in die USA um 17,4 Prozent und jene nach Deutschland um 1,2 Prozent. Gleichzeitig ging die Zahl der Erwerbstätigen um 0,8 Prozent zurück.

Weniger Baukubatur, mehr Unsicherheit

Für Alexander Rieper, Präsident des Unternehmerverbands, ist die Lage dennoch nicht einfach eine Geschichte des Abstiegs. In den vergangenen zehn Jahren hätten Südtiroler Unternehmen ihre Exporte um rund 80 Prozent gesteigert. Möglich geworden sei das durch Innovation, neue Märkte und hohe Produktqualität. Jetzt allerdings nimmt der Wettbewerbsdruck zu.

Globale Konflikte und unsichere Lieferketten, Zölle, hohe Rohstoff- und Energiepreise sowie umfangreiche Bürokratie belasten die Betriebe. Dazu kommen die Anforderungen durch Innovation, Digitalisierung und ökologische Transformation. Was fehlt, ist laut Rieper vor allem Planbarkeit. Gerade beim Bauen schlägt das durch: Das Auslaufen von PNRR-Mitteln und Olympia-Finanzierungen habe zum Rückgang der genehmigten Baukubatur beigetragen. Steigende Inflation, höhere Zinsen und hohe Rohstoffpreise machen dem Baugewerbe zusätzlich zu schaffen.

Der schwächere Export nach Deutschland hängt laut Rieper vor allem mit den Problemen der Automobilbranche zusammen. In den USA wirken sich Zölle aus. Und der Einbruch in China zeigt, wie riskant eine zu starke Abhängigkeit von einzelnen Märkten sein kann.

Rieper drängt deshalb auf neue Absatzchancen und verweist auf Freihandelsabkommen mit den Mercosur-Staaten, Indien, Australien und Kanada. Zugleich müsse der europäische Binnenmarkt gestärkt und bestehende Handelshemmnisse innerhalb Europas müssten abgebaut werden. Weniger Regulierung, mehr Wettbewerbsfähigkeit – das ist seine Forderung. Angesichts staatlich geförderter chinesischer Industrien und des Verkaufs von Produkten zu Dumpingpreisen brauche es faire internationale Wettbewerbsbedingungen. Dafür, sagt Rieper, brauche es ein starkes Europa.

Arbeitskräfte werden zum Engpass

Während die Zahl der Arbeitssuchenden abnimmt, sinkt auch die Zahl der Erwerbstätigen. Der Grund liegt im demografischen Wandel: Geburtenstarke Jahrgänge gehen in Pension, gleichzeitig rücken weniger junge Menschen nach. In den kommenden zehn bis 15 Jahren könnten Südtirol rund 30.000 Arbeitskräfte fehlen. Der Mangel betrifft längst nicht mehr nur Fachkräfte, sondern Menschen in allen Bereichen. Mehr als die Hälfte der gesuchten Arbeitskräfte sei laut einem kürzlich veröffentlichten Bericht nicht verfügbar.

Das Arbeitsförderungsinstitut, kurz AFI, warnt ebenfalls vor großen Herausforderungen. Die Bevölkerung wird älter, der Nachwuchs an Fachkräften knapper, und im öffentlichen Sektor droht eine umfangreiche Pensionierungswelle. Im Jahresdurchschnitt 2025 waren in Südtirol 235.048 Menschen unselbstständig beschäftigt. 75,8 Prozent arbeiteten in der Privatwirtschaft, knapp ein Viertel im öffentlichen Sektor.

Die Arbeitswelt bleibt dabei stark nach Geschlechtern getrennt. Männer arbeiten überwiegend in Bau, Industrie und Landwirtschaft, Frauen dominieren in Gesundheit, Bildung und öffentlicher Verwaltung. Fast jede zweite Frau arbeitet in Teilzeit, bei den Männern ist es etwa jeder Neunte.

Besonders hoch ist das Durchschnittsalter im öffentlichen Dienst. In der öffentlichen Verwaltung sind 57,6 Prozent der Beschäftigten älter als 50 Jahre, im Gesundheitswesen 42,8 Prozent und im Bildungsbereich 40,7 Prozent. Auch der Anteil der über 60-Jährigen liegt in diesen Bereichen deutlich über jenem der Privatwirtschaft. AFI-Direktor Stefan Perini führt die Altersstruktur auf den jahrelangen Aufnahmestopp im öffentlichen Dienst zurück. Ohne deutlich schnellere Neueinstellungen könnten wichtige öffentliche Dienstleistungen künftig unter erheblichem Personalmangel leiden.

AFI-Präsident Stefano Mellarini fordert höhere Löhne und ein Ende der Lohnzurückhaltung. Angesichts des internationalen Wettbewerbs um Fachkräfte könne sich Südtirol keine zurückhaltende Lohnpolitik mehr leisten. Neue Arbeitsformen verschärfen den Wettlauf möglicherweise noch: Beschäftigte könnten zunehmend ortsunabhängig für ausländische Unternehmen arbeiten, die deutlich höhere Gehälter anbieten. Das AFI erwartet, dass Arbeitskräfte in den kommenden Jahren zu einem der knappsten Faktoren für Südtirols Wirtschaft und öffentlichen Dienst werden.

Was jetzt helfen könnte

Rieper setzt auf mehrere Hebel: Frauen sollten stärker in den Arbeitsmarkt integriert werden, Weiterarbeit nach dem Pensionsalter müsse attraktiver werden. Außerdem müsse Südtirol Talente aus anderen Regionen gewinnen – mit einem attraktiven Lebens- und Arbeitsstandort. Klingt nach einer großen Aufgabe, ist aber ziemlich konkret, wenn man an Wohnungen, Löhne, Kinderbetreuung und öffentliche Dienste denkt.

Auch das WIFO hat sich mit dem bislang ungenutzten Potenzial älterer Beschäftigter beschäftigt. Bei einer gut besuchten Veranstaltung in der Handelskammer Bozen diskutierten Fachleute aus Forschung, Verwaltung, Wirtschaft und Recht über den Arbeitskräftemangel und mögliche Lösungen. Vorgestellt wurden außerdem die Ergebnisse eines neuen WIFO-Berichts zur Arbeitszufriedenheit von Beschäftigten über 55 Jahren.

Handelskammerpräsident Michl Ebner erklärte, demografische und strukturelle Veränderungen verschärften den Arbeitskräftemangel; in den kommenden Jahren werde er voraussichtlich weiter zunehmen. Urban Perkmann und Mia Koncul vom WIFO präsentierten dazu Daten: In Südtirol gibt es rund 40.000 Erwerbstätige ab 55 Jahren. 44 Prozent könnten sich laut WIFO-Erhebung vorstellen, auch nach Erreichen des frühestmöglichen Pensionsalters weiterzuarbeiten – vorausgesetzt, es entstehen keine finanziellen Nachteile oder gesetzlichen Hindernisse.

Als wichtigste Gründe für eine Weiterarbeit nannten die Befragten Freude an der Arbeit und eine hohe Arbeitszufriedenheit. Ulrich Walwei vom Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung der Bundesagentur für Arbeit stellte europäische Vergleichsdaten und Strategien gegen den Arbeitskräftemangel vor. Dazu gehören attraktivere Arbeitsbedingungen, mehr Aus- und Weiterbildung, eine höhere Erwerbstätigkeit von Frauen, ein späterer Pensionsantritt und eine stärkere Inklusion von Menschen mit Beeinträchtigungen.

Günther Burger, Direktor des Ressorts Europa, Arbeit und Personal der Provinz Bozen, erläuterte die Maßnahmen der öffentlichen Verwaltung gegen die Personalknappheit. Arbeitsrechtsberater Manuel Tschöll sprach über mögliche Gesetzesreformen, mit denen das Arbeitskräftepotenzial in Südtirol besser genutzt werden könnte. Im Raum standen neue Anreize für einen späteren Rentenbeginn und die dafür notwendigen gesetzlichen und finanziellen Voraussetzungen. Als konkreten Vorschlag nannte Tschöll die Anpassung des 2004 eingeführten „Bonus Rentenbeiträge“ an die aktuellen arbeitsrechtlichen Rahmenbedingungen.

Mehr Spielraum für Investitionen

Neben Personalfragen bleibt die Finanzierung der nächste harte Brocken. Öffentliche Haushalte sollten laut Rieper so gestaltet werden, dass mehr Spielraum für strategische Investitionen entsteht. Rund 80 Prozent der Mittel im Landeshaushalt seien bereits gebunden. Gefordert sind langfristige Planung, der Ausbau zukunftsfähiger Infrastrukturen, vereinfachte Verfahren und schnellere Genehmigungen.

Gerade bei Baugenehmigungen zählt am Ende nicht nur, ob ein Projekt wirtschaftlich sinnvoll ist. Es muss auch rechtzeitig durch die Verfahren kommen. Wenn gleichzeitig Mittel auslaufen, Zinsen steigen, Material teuer bleibt und Personal fehlt, wird aus einer Baustelle schnell ein Geduldsspiel – für Betriebe ebenso wie für die öffentliche Verwaltung.