Auf der Baustelle des Fehmarnbelt-Tunnels in Rødbyhavn laufen die Arbeiten nach einem Cyberangriff auf das Baukonsortium Femern Link Contractors (FLC) schrittweise wieder an. Der Angriff ereignete sich in der Nacht zum Montag, 12. Oktober 2026, und legte die Baustelle am Dienstag teilweise lahm. Mehrere IT-Systeme waren weiterhin betroffen.

Einzelne Abläufe mussten laut Medienberichten manuell organisiert werden. Arbeitsprozesse und offenbar auch Zugangskarten waren gestört. Beschäftigte sollten WLAN, Computer und FLC-E-Mail-Konten nicht nutzen; elektronische Zugangskontrollen fielen aus, Wachleute erfassten Arbeiter von Hand. Mehrere Bauschiffe sollen stillgelegen haben, weil sie auf betroffene digitale Systeme und Daten angewiesen waren.

Arbeiten gehen vorsichtig weiter

Ganz still stand die Baustelle allerdings nicht. Erdarbeiten auf deutscher und dänischer Seite liefen während des Cyberangriffs ohne Unterbrechung weiter, ebenso einzelne Betonierarbeiten. Am Mittwoch waren auf der deutschen Baustellenseite weiterhin Arbeiten zu beobachten, während in Rødby Baufahrzeuge im Einsatz waren. Neben FLC arbeitet ein weiteres Konsortium an dem Projekt – dadurch konnte möglicherweise eingeschränkt weitergebaut werden.

Die Offshore-Tests mit dem Absenkponton „IVY“ konnten in dieser Woche stattfinden. Auch die Vorbereitungen für das Absenken des ersten Spezialelements werden fortgesetzt. In der dänischen Montagehalle arbeiten die Stahlarbeiter weiter an der Bewehrung. Die Produktionsanlage in Rødbyhavn soll ihren Betrieb wieder aufnehmen.

Von den insgesamt 89 Tunnelelementen sind bereits vier in der Ostsee versenkt. Nach Angaben aus dem August war damals das dritte Element abgesenkt worden. Der Tunnel entsteht als rund 18 Kilometer langer Absenktunnel und soll eine vierspurige Autobahn sowie eine Bahnverbindung aufnehmen.

Ermittlungen laufen, viele Fragen offen

Die dänische Polizei ermittelt. Wer hinter dem Angriff steckt und welche Folgen er für den Baufortschritt hat, ist bislang unbekannt. FLC bestätigte den Vorfall auf seiner Homepage und erklärte, mit den Behörden an der Aufarbeitung zu arbeiten. Wegen der laufenden Untersuchungen gebe es vorerst keine weiteren Informationen.

Femern A/S, die staatliche dänische Projektgesellschaft, steht mit FLC in Kontakt. Auch Sund & Bælt, das dänische Staatsunternehmen zur Überwachung wichtiger Verkehrsinfrastruktur, wurde umgehend informiert und tauscht sich mit dem Konsortium aus. Das deutsche Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik (BSI) bestätigte am 14. Oktober, informiert zu sein; es steht mit internationalen Partnern im Austausch.

Unklar bleibt, welche Systeme konkret betroffen waren, wie weit die Angreifer in die Infrastruktur eindringen konnten und wie der Angriff technisch ablief. Auch die Frage nach dem Verantwortlichen ist offen. Ob sich daraus Folgen für Zeitplan oder Kosten des Milliardenprojekts ergeben, lässt sich derzeit nicht sagen.

TV 2 berichtete von einem umfassenden Angriff, bei dem eine Sicherheitslücke zum Zugang zu IT-Systemen ausgenutzt worden sein soll. Das Konsortium selbst umfasst Unternehmen aus Dänemark, Frankreich, Deutschland, Belgien und den Niederlanden. Dazu gehören Per Aarsleff, VINCI, Wayss & Freytag, Max Bögl, CFE, Solétanche-Bachy und BAM. Die deutschen Unternehmen Wayss & Freytag Ingenieurbau und Max Bögl sind damit beteiligt; Max Bögl erklärte, die eigene IT-Infrastruktur sei nicht betroffen.

Ein großes Verkehrsprojekt unter Druck

Der Tunnel soll Fehmarn mit Lolland verbinden, genauer gesagt Puttgarden auf Fehmarn mit Rødbyhavn auf Lolland. Für die Strecke zwischen Hamburg und Kopenhagen soll sich die Zugfahrzeit dadurch auf etwa zweieinhalb Stunden verkürzen. Bis zur Fertigstellung des Tunnels zwischen Insel und Festland soll der Verkehr zunächst weiter über die Fehmarnsundbrücke rollen.

Der Zeitplan ist ohnehin ins Rutschen geraten. Die ursprünglich für 2029 geplante Fertigstellung verzögert sich; derzeit wurde mit einer Eröffnung im Jahr 2031 gerechnet. Zugleich heißt es, der ursprünglich für 2031 geplante Eröffnungstermin sei Anfang des Jahres aufgegeben worden – ein neuer Termin steht bislang nicht fest. Auch die Hinterlandanbindung auf deutscher Seite dürfte sich über 2029 hinaus verzögern. Die Straßenverbindung könnte voraussichtlich 2028 fertiggestellt werden.

Als Gründe für die Verzögerungen nennt das Bundesverkehrsministerium unter anderem Inflation, die angespannte Lage in der Baubranche und zusätzliche Vorhaben wie den Fehmarnsund-Tunnel. Der Bundesrechnungshof erwartet zudem deutlich höhere Ausgaben für die deutsche Hinterlandanbindung als bisher veranschlagt.

Warnungen vor hybrider Bedrohung

Die dänische Ministerin für öffentliche Sicherheit und Katastrophenschutz, Lisbeth Bech-Nielsen, verwies auf die Verwundbarkeit Dänemarks durch seine weitreichende Digitalisierung. Für Schlussfolgerungen sei es noch zu früh, erklärte sie. Die Bedrohung müsse aber ernst genommen und die Cybersicherheit an die Entwicklung der Bedrohungslage angepasst werden.

Verkehrsministerin Signe Munk sagte, Ursache und mögliche Folgen für die Bauarbeiten seien noch nicht absehbar. Ihr Ministerium beobachtet die Entwicklung und steht mit der staatlichen Projektgesellschaft Sund & Bælt in Kontakt. Schleswig-Holsteins Wirtschafts- und Technologieminister Claus Ruhe Madsen bezeichnete den Vorfall als „dramatisch“, weil er beide Länder und eine sicherheitsrelevante Baustelle betreffe.

Ende September hatte die dänische Cybersicherheitsbehörde die Bedrohungsstufe für destruktive Cyberangriffe auf „hoch“ angehoben. Sie warnte vor zunehmender hybrider Kriegsführung und möglichen Sabotageakten Russlands gegen westliche Staaten und die NATO. Ob der Angriff auf FLC damit in Zusammenhang steht, ist nicht bekannt. Auf der Baustelle in Rødbyhavn laufen derweil wieder Maschinen an – vorsichtig, Schritt für Schritt.