Nürnbergs Opernhaus zwischen Wagner-Tradition und Sanierungsstillstand
Das Nürnberger Opernhaus steht vor einer unbequemen Zukunft. Eine zeitnahe Generalsanierung ist vorerst nicht in Sicht, Oberbürgermeister Marcus König hat ihr eine Absage erteilt. Das Kulturprojekt Kongresshalle sei bereits eine große Aufgabe, heißt es zur Begründung. Zwei gewaltige Baustellen gleichzeitig – das wäre offenbar zu viel.
Für das Opernhaus bedeutet das: Ohne Sanierung droht Leerstand. Damit es nicht so weit kommt, braucht es gute Ideen für die weitere Nutzung des Gebäudes. Der Vergleich mit dem Nürnberger Volksbad liegt nahe. Auch dort drohte über längere Zeit ein leer stehendes Haus, ehe neue Perspektiven gefunden wurden.
Ein Haus mit langer Vorgeschichte
Wie viel Geschichte in diesem Bau steckt, zeigt ein Blick zurück. Um 1900 plante der Nürnberger Magistrat ein repräsentatives, modernes Theater. Nach der Eröffnung des neuen Städtischen Klinikums in St. Johannis 1897 war das Alte Städtische Krankenhaus am Altstadtring überflüssig geworden. 1903 wurde es abgerissen – der Bauplatz für das neue Theater war frei.
Bereits 1898 beauftragte die Stadt den Berliner Architekten Heinrich Seeling mit Planung und Bauleitung. Sein Entwurf verband historisierende Elemente des Nürnberger Stils mit zeitgenössischem Art Déco und schuf eine Blickachse zum 1905 errichteten Hauptbahnhof. Das Neue Stadttheater am Ring wurde am 1. September 1905 mit mehr als 300 geladenen Gästen eröffnet. Auf dem Programm stand unter anderem die Festwiesen-Szene aus dem dritten Akt von Richard Wagners „Die Meistersinger von Nürnberg“.
In der ersten Spielzeit gab es 315 Vorstellungen, überwiegend mit Werken Wagners. Der Theaterbetrieb war privatwirtschaftlich organisiert: Der Intendant pachtete das Theater von der Stadt. Erster Intendant war Richard Balder, der das Haus bis 1914 leitete und vor allem als Förderer von Wagners Werken galt.
Das System hatte allerdings seine Tücken. Wegen städtischer Auflagen und des veralteten Pachtsystems sank das künstlerische Niveau. Richard Strauss kritisierte 1911 in einem offenen Brief an den Oberbürgermeister die Qualität des Orchesters. Er forderte die Abschaffung des Pachtsystems, einen städtisch subventionierten Betrieb und eine Verdoppelung der Orchesterstärke.
Richard Balder trat 1914 aus finanziellen Gründen zurück. Sein Nachfolger Alois Pennarini übernahm Regieaufgaben und sang als Tenor selbst Hauptrollen. Während des Ersten Weltkriegs wurde der Spielbetrieb eingeschränkt fortgeführt; 1918 standen Schauspiel und leichte musikalische Revuen im Mittelpunkt. 1920 geriet Pennarini wegen seiner Spielplangestaltung und schlechter Besucherzahlen in die Kritik und gab die Intendanz ab. Sein Rücktritt markierte den Übergang vom privaten Lizenzunternehmen zu den Städtischen Bühnen.
Vom Stadttheater zum Opernhaus
Der städtische Eigenbetrieb brachte den Beschäftigten größere Sicherheit und dem neuen Intendanten Willy Stuhlfeld mehr künstlerische Planungssicherheit. Stuhlfeld leitete das Theater bis Juni 1922, kämpfte jedoch mit Inflation, ihren Folgen und internen Intrigen. Auf ihn folgte Johannes Maurach, ein erfahrener Theaterleiter.
Unter Maurach fusionierten das 1890 gegründete Philharmonische Orchester Nürnberg und das Theaterorchester zum Städtischen Orchester Nürnberg, der heutigen Staatsphilharmonie Nürnberg. Das fusionierte Orchester umfasste 110 Musiker und erreichte damit die von Richard Strauss 1913 empfohlene Mindestgröße.
Nach der Inflation stabilisierte sich die wirtschaftliche Lage. Maurach und die Stadt planten, das rund 90 Jahre alte Stadttheater am Lorenzer Platz für das Sprechtheater zu renovieren. Am 21. September 1924 wurde das Haus wiedereröffnet. Das Neue Stadttheater am Ring wurde zunehmend als Opernhaus bezeichnet. Maurach entwickelte Oper und Schauspiel weiter und machte Nürnberg zu einem Förderort für Nachwuchstalente. Ein großes Ballettensemble ermöglichte regelmäßige Ballettabende.
Ende der 1920er Jahre und während der Wirtschaftskrise Anfang der 1930er Jahre führten schlechte Auslastung und finanzielle Probleme zu Sparmaßnahmen. Zum 25-jährigen Bestehen 1930 bezeichnete Richard Strauss das Nürnberger Haus als „erstklassiges Musiktheater“.
Nach dem Zweiten Weltkrieg nutzte die US-Armee das wiederaufgebaute „Nuremberg Opera House“ zunächst überwiegend als Kino und Theater. Im großen Foyer des ersten Ranges wurde der sogenannte Stork-Club als Bar eingerichtet. Am 1. Oktober 1945 nahm das Stadttheater Nürnberg offiziell wieder den Betrieb auf. Die US-Besatzungsmacht erlaubte zunächst nur eingeschränkte Aufführungen am Nachmittag und an höchstens zwei Wochentagen.
Theaterkapellmeister Rolf Agop leitete am 23. September 1945 das erste Nachkriegskonzert im Opernhaus und leistete wichtige Aufbauarbeit. Nach der Rückkehr des entnazifizierten Generalmusikdirektors Alfons Dressel verließ Agop das Haus. Weil das Schauspielhaus am Lorenzer Platz im Krieg vollständig zerstört worden war, wurden zunächst alle Sparten im Opernhaus untergebracht.
Von 1947 bis in die 1950er Jahre dienten zusätzlich die Bucher Säle in Nürnberg-Thon als Spielstätte. Der neue langjährige Generalintendant Karl Pschigode entspannte die Raumsituation. Pschigode gründete 1946 das private Lessing-Theater für Schauspielaufführungen; es blieb bis 1959 offizielle Spielstätte des Stadttheaters.
Durch die Kooperation mit dem Stadttheater Fürth standen insgesamt fünf Spielstätten zur Verfügung: Opernhaus, Bucher Säle, Lessing-Theater, Stadttheater Fürth und eine Schul-Aula für die Kammerspiele. Der Spielplan 1958/59 umfasste 48 musikalische Werke, darunter die erste Ring-Tetralogie nach dem Zweiten Weltkrieg, sowie sechs Philharmonische Konzerte.
Aufbruch, Experimente und große Namen
Operette und zeitgenössische Werke prägten die 1950er und 1960er Jahre. Das zeigte sich unter anderem in der „Woche des Gegenwartstheaters“ ab 1952 und der „Woche der Gegenwartsoper“. Am 22. September 1951 gaben die US-Besatzungsbehörden das Opernhaus und das Fürther Stadttheater vollständig zurück. 1955 wurde das 50-jährige Bestehen gefeiert.
Ein neues Schauspielhaus erweiterte 1959 die Spielstätten am Richard-Wagner-Platz. 1961 besuchten 900.000 Menschen die dortigen Häuser. Die Eröffnung der Meistersingerhalle am Luitpoldhain entlastete den Theaterbetrieb 1963 zusätzlich.
Unter Schauspieldirektor Hesso Huber wurden zahlreiche Neuproduktionen von fünf bis sechs fest engagierten Regisseuren sowie Gästen betreut. Bis 1975 wirkten unter anderem Luc Bondy, Nicolas Brieger und Christa Berndl als junge Künstler in Nürnberg. Auf Huber folgten eine Spielzeit unter Hans Dieter Schwarze und eine weitere unter Friedrich Schirmer.
Hans Gierster war ab 1965 Generalmusikdirektor und blieb 23 Jahre im Amt. Unter seiner Leitung wuchs das Orchester von 77 auf 87 Stellen. Ende der 1970er Jahre wurde es vom B- zum A-Orchester aufgewertet und in Philharmonisches Orchester der Stadt Nürnberg umbenannt. Gierster verhinderte in den 1970er Jahren die Abschaffung der Philharmonischen Konzerte und organisierte Kooperationskonzerte mit den Nürnberger Symphonikern. Aufgeführt wurden unter anderem Gustav Mahlers „Sinfonie der Tausend“ 1977 und Arnold Schönbergs „Gurre-Lieder“ 1980.
Am 10. Mai 1970 fand die überregional beachtete Nürnberger Fassung von Luigi Nonos „Intolleranza 1960“ statt. Nono erweiterte die ursprüngliche Fassung um elektronische Musik; die Texte von Yaak Karsunke wurden um Themen wie Vietnamkrieg und Prager Frühling ergänzt. Im Januar 1974 wurde die Produktion unter dem Titel „Intolleranza 1970“ viermal am Teatro Comunale in Florenz gezeigt.
Am 14. Dezember 1974 wurde Hans Neuenfels’ erste Opernregie, Verdis „Der Troubadour“, in Nürnberg uraufgeführt. Die Inszenierung galt als wichtiger Ausgangspunkt des modernen Regietheaters und wurde als Theaterskandal wahrgenommen. Neuenfels berichtete später, dass für die Produktion zwei Monate Probenzeit zur Verfügung standen.
Im Schauspielhaus wurde am 6. Oktober 1976 Fitzgerald Kuszs Stück „Schweig, Bub!“ uraufgeführt. Rund 350.000 Zuschauer sahen das Stück in mehr als 700 Vorstellungen – bis heute die erfolgreichste Nürnberger Produktion. Von 1977 bis 1992 leitete Hansjörg Utzerath das Nürnberger Schauspiel. Gemeinsam mit dem neuen Generalmusikdirektor Christian Thielemann brachte er unter anderem Hans Pfitzners Oper „Palestrina“ heraus.
Christian Thielemann wurde 1988 unter Intendant Burkhard Mauer zum damals jüngsten Generalmusikdirektor Deutschlands ernannt. Unter seiner Leitung lag ein Schwerpunkt auf der deutschen Hochromantik. Nach einer hochgelobten „Tristan“-Premiere am 22. Februar 1992 wurde Thielemann am 6. Mai 1992 aufgrund eines geheimen Stadtratsbeschlusses fristlos entlassen. Als Gründe wurden eine vermeintlich zu geringe Präsenz in Nürnberg und umfangreiche auswärtige Dirigententätigkeiten genannt. Thielemann klagte gegen die Kündigung. Das Urteil von 1996 bestätigte die fristlose Kündigung nicht; die Stadt Nürnberg musste 300.000 DM zahlen.
Staatstheater und offene Zukunft
1996 wurde Wulf Konold Generalintendant und richtete das Haus gemeinsam mit Generalmusikdirektor Philippe Auguin programmatisch neu aus. Auguin erarbeitete nahezu einen vollständigen Zyklus der Mahler-Sinfonien. Im Sommer 2003 wurde erstmals seit 44 Jahren wieder ein vollständiger „Ring des Nibelungen“ aufgeführt. Mit dieser Inszenierung gastierte das Haus 2005 beim Beijing Music Festival und erhielt dort einen Sonderpreis. Im März 2006 gastierte die Oper beim Hong Kong Arts Festival mit vier Aufführungen von Mozarts „Don Giovanni“.
Am 21. Mai 2003 kündigte Ministerpräsident Edmund Stoiber an, dass der Freistaat Bayern die Hälfte der Kosten des Vier-Sparten-Hauses übernehmen werde. Dadurch wurden die Städtischen Bühnen Nürnberg zum Staatstheater Nürnberg erhoben. Die Regelung und die neue Trägerschaft traten mit der Gründung einer Trägerschaftsstiftung am 1. Januar 2005 in Kraft.
Heute, am 13.10.2026, ist die Lage weit weniger festlich. Das Opernhaus besitzt eine enorme Geschichte, doch Geschichte ersetzt keine Generalsanierung. Derzeit fehlt der politische Wille für einen schnellen Start, weil die Kongresshalle bereits als große Aufgabe gilt. Für das Gebäude müssen deshalb Nutzungsideen her, die über den bloßen Spielbetrieb hinausreichen könnten.
Ob daraus ein tragfähiges Konzept wird oder ob sich am Richard-Wagner-Platz irgendwann die Türen schließen, ist offen. Nürnbergs Volksbad zeigt, wie lang ein solcher Schwebezustand dauern kann. Und im Opernhaus stehen schließlich nicht nur Wände und Sitze, sondern ein Haus, in dem seit 1905 Wagner geklungen hat, Orchester gewachsen sind, Regietheater für Ärger sorgte und Generationen nach dem Vorhang nach Hause gingen.
