Stuttgarts Opernsanierung: Zwei Milliarden Euro für ein Haus unter Druck
Weltweit entstehen wieder spektakuläre Opernhäuser oder werden aufwendig saniert. Der Glanz im Zuschauerraum hat allerdings oft eine matte Rückseite: In vielen Städten sprengen die Projekte die verfügbaren Kulturbudgets. Stuttgart steht dabei vor einer besonders heiklen Rechnung.
Die Sanierung des Stuttgarter Opernhauses soll rund zwei Milliarden Euro kosten. Das Projekt wurde vorerst gestoppt. Nur etwa 500 Meter von der Baugrube des Tiefbahnhofs entfernt droht damit das nächste Großbaustellenproblem.
Ein Haus von 1912, eine Rechnung von heute
Die Stuttgarter Oper befindet sich in einem historischen Gebäude von 1912 und muss dringend saniert werden. Wasser ist eingedrungen, das Dachtragwerk wurde beschädigt und wird inzwischen von Metallstreben gestützt. Auch die Bühnentechnik ist veraltet: Im Dimmer-Raum werden 700 Schaltkreise gesteuert, doch für die Anlage gibt es laut Intendant Marc-Oliver Hendriks keinen Support und keine Ersatzteile mehr.
Reparaturen und Ersatzteile verschlingen trotzdem weiterhin Millionen im laufenden Betrieb. Das ist nur teilweise nachhaltig, weil die alte Technik bei einer Sanierung ohnehin durch moderne Anlagen ersetzt würde. Generalmusikdirektor Cornelius Meister warnt, das internationale Niveau könne ohne die Erneuerung langfristig nicht gehalten werden.
Die Württembergischen Staatstheater mit Oper, Ballett und Schauspiel gelten als weltweit größtes Dreispartenhaus. Die Oper zählt zu den bedeutendsten Häusern Europas. Der Spielbetrieb soll während der mehrere Jahre dauernden Sanierung weiterlaufen. Für Oper und Ballett ist deshalb eine Interims-Spielstätte geplant, möglicherweise in der Nähe des Stuttgarter Nordbahnhofs.
Ludwigsburg hat angeboten, die Stuttgarter Kulturschaffenden vorübergehend im Forum am Schlosspark unterzubringen. Diese Lösung könnte günstiger sein als ein Neubau. Die Oberbürgermeister von Stuttgart und Ludwigsburg wollten sich laut „Stuttgarter Zeitung“ mit Vertretern des Landes über mögliche Lösungen beraten.
Zwischen Rekordeinnahmen und leerer Stadtkasse
Offiziell werden die Sanierungskosten auf etwa eine Milliarde Euro geschätzt. Nach SWR-Recherchen könnten sie auf bis zu zwei Milliarden Euro steigen. Kritiker befürchten deshalb ein weiteres Großprojekt mit hohen Kosten nach Stuttgart 21. Die Elbphilharmonie in Hamburg kostete zum Vergleich weniger als die Hälfte.
In Stuttgart regt sich Widerstand gegen die hohen Investitionen, auch weil Geld für Schulen und andere Vorhaben fehlt. Im Haushalt klafft ein Loch von rund 500 Millionen Euro. Die Gewerbesteuereinnahmen, vor allem aus der Automobilindustrie, sind deutlich gesunken; die Kulturförderung wurde bereits gekürzt.
Hendriks befürchtet, Stuttgart könne unter diesen Bedingungen Weltklasse-Künstler wie Friedemann Vogel und Orchestermusiker nicht halten, weil andere Häuser höhere Gehälter zahlen. Gleichzeitig verzeichnet die Oper laut Hendriks die höchsten Besucherzahlen seit 20 Jahren und historische Einnahmerekorde. Der durchschnittliche Ticketpreis liegt bei 80 Euro. Ohne Subventionen müssten Karten etwa 300 Euro kosten.
Zwischen Stadt und Land besteht ein Grundsatzbeschluss zur gemeinsamen Finanzierung der Sanierung. Staatssekretär Arne Braun erklärte, das Land stehe zu diesem Grundsatz, werde aber nicht sämtliche Kosten übernehmen, die Stuttgart nicht tragen könne. Jede Ausgabe werde geprüft – schließlich geht es um Steuermittel.
Und dann ist da noch Stuttgart 21. Die Verzögerung des Tiefbahnhofs sorgt bereits für Kritik: Die Fertigstellung verschiebt sich um weitere vier Jahre. Als Grund wurde die irrtümliche Verlegung von mehr als 1.000 Kilometern falscher Kabel genannt. Viel mehr braucht es nicht, um bei einer neuen Großbaustelle nervös zu werden.
Was Köln am Offenbachplatz erlebt hat
Wie teuer und zäh ein Bühnenprojekt werden kann, zeigt der Blick nach Köln. Die Sanierung der Kölner Bühnen am Offenbachplatz dauerte 14 Jahre und kostete einschließlich Finanzierung fast 1,5 Milliarden Euro. Ursprünglich waren rund 253 Millionen Euro und drei Jahre Bauzeit vorgesehen; die Wiedereröffnung sollte 2015 stattfinden.
Modernisiert werden sollte das denkmalgeschützte Ensemble aus der 1957 eröffneten Oper, dem 1962 eröffneten Schauspielhaus, einer neuen Studiobühne, einer Kinderoper und einem gemeinsamen Anlieferungsbereich im Keller. Brandschutz und technische Ausstattung sollten auf den aktuellen Stand gebracht werden. Nach dem Auszug der Bühnen zeigte sich jedoch, dass Gebäude und Fundamente deutlich schlechter waren als erwartet.
Mehrfach gingen beteiligte Firmen während der Bauzeit insolvent, Leistungen mussten neu ausgeschrieben werden. Die für November 2015 geplante Premiere wurde Mitte 2015 abgesagt. Besonders bei Lüftung, Brandschutz und anderer technischer Ausstattung häuften sich die Schwierigkeiten: Heraushängende Kabel, nicht zu öffnende Schutzklappen und nicht schließende Türen wurden dokumentiert; der Brandschutz war teilweise fehlerhaft oder gar nicht montiert.
Die Stadt kündigte den Planer der technischen Anlagen. Wegen des Denkmalschutzes musste die neue Technik in die bestehende Bausubstanz integriert werden. Foyers, Treppen, Sichtbetonflächen und Holzvertäfelungen sollten erhalten bleiben. Bei den Türen zum Zuschauerraum kamen neue Lärmdämmung und automatische Brandschutztechnik hinzu.
Etwa zwei Jahre ruhte die Arbeit auf der Baustelle weitgehend. Für die Neuplanung wurden weitere Planer und Gutachter beauftragt, während Ausweichspielstätten angemietet und umgebaut werden mussten. Die Kosten stiegen dadurch auf fast 800 Millionen Euro.
| Jahr | Entwicklung in Köln |
|---|---|
| 2011 | Baubeschluss: 253 Millionen Euro, drei Jahre Bauzeit, Wiedereröffnung 2015 geplant |
| 2012–2014 | Planung und Bau |
| 2015 | Die Eröffnung scheitert an erheblichen Baumängeln |
| 2016–2018 | Neuplanung; Kosten steigen auf mehr als 500 Millionen Euro |
| 2019–2022 | Firmeninsolvenzen und Koordinationsprobleme; Kosten erreichen rund 700 Millionen Euro |
| 2023–2026 | Fertigstellung; reine Baukosten liegen bei knapp 800 Millionen Euro |
Wer für das Kölner Desaster verantwortlich ist, ist weiterhin nicht abschließend geklärt. Die Stadt und die mit der Planung beauftragte Firma verklagen sich gegenseitig; der Rechtsstreit liegt noch vor Gericht. Eine Prüfung des städtischen Rechnungsprüfungsamts kam zu dem Ergebnis, dass Stadt, Planer und Baufirmen unkoordiniert nebeneinander gearbeitet hatten. Die Wiedereröffnung der Kölner Bühnen am Offenbachplatz war für September 2026 vorgesehen.
Stuttgart schaut nun auf die eigene Baugrube, auf Metallstreben über einem alten Dach und auf Zahlen, die sich womöglich verdoppeln. Im Opernhaus laufen derweil weiter Vorstellungen, Stimmen füllen den Saal, und im Dimmer-Raum schalten 700 alte Kreise ihre Lichter – mit Technik, für die es längst keinen Support und keine Ersatzteile mehr gibt.
