Bauaufschwung mit schwerem Profil: Staat investiert, Wohnungsbau bleibt unter Druck
Für die Bauwirtschaft ist das eine Nachricht mit zwei Gesichtern: Die deutsche Wirtschaft soll 2026 wieder wachsen, doch bei Bauinvestitionen, Finanzierungskosten und Energiepreisen bleibt die Lage zäh. Die Bundesregierung rechnet für das laufende Jahr mit einem Anstieg des Bruttoinlandsprodukts um 1,3 Prozent. 2027 sollen es 1,1 Prozent und 2028 noch 0,6 Prozent sein.
Wirtschaftsministerin Katherina Reiche sagt, die Talsohle sei durchschritten, die Wirtschaft wachse wieder. Damit das nicht nur ein kurzes Aufflackern bleibt, seien weitere Reformen nötig. Trotz des Nahostkonflikts und gestiegener Energiepreise habe sich die Wirtschaft im ersten Halbjahr kräftig erholt. Getragen wird die Belebung vor allem von schuldenfinanzierten staatlichen Investitionen in die Infrastruktur, höheren Verteidigungsausgaben und Impulsen aus dem Außenhandel.
Staat baut, Unternehmen zögern
Für das laufende Jahr erwartet das Ministerium ein Plus von 2,6 Prozent beim Staatskonsum. Der private Konsum soll dagegen lediglich um 0,3 Prozent zulegen. Steigende Reallöhne helfen zwar, doch höhere Energiepreise – vor allem bei Benzin und Diesel – drücken auf die Haushaltskassen. An der Tankstelle wird das besonders schnell sichtbar. Die privaten Investitionen dürften sich erst im Verlauf des kommenden Jahres schrittweise erholen.
Die Zahlen aus der Bauwirtschaft passen dazu. Das Institut der deutschen Wirtschaft erwartet, dass die Bauinvestitionen 2026 um 1 Prozent sinken. Hauptgrund ist der rückläufige Wohnungsbau, weil Bau- und Finanzierungskosten wieder steigen. Im ersten Halbjahr lagen die Bauinvestitionen bereits 2,2 Prozent unter dem Vorjahresniveau. Die preis- und saisonbereinigte Bruttowertschöpfung der Bauwirtschaft lag im zweiten Quartal 2026 sogar rund 22 Prozent unter dem Niveau von 2019.
Bei den Bruttoanlageinvestitionen sieht es kaum freundlicher aus: Im ersten Halbjahr lagen sie 0,5 Prozent unter dem ohnehin schwachen Vorjahresniveau. Für das Gesamtjahr werden dennoch 0,5 Prozent Wachstum erwartet. Ausrüstungsinvestitionen sollen um 1,8 Prozent steigen, sonstige Anlagen – etwa Forschung und Entwicklung, Software und Datenbanken – um 2,5 Prozent. Nach drei Rückgangsjahren legten die Ausrüstungsinvestitionen im ersten Halbjahr um 0,8 Prozent zu, unter anderem wegen militärischer Ausrüstung.
Eine Creditreform-Umfrage unter rund 1.200 Firmen zeigt allerdings, wie vorsichtig die Unternehmen bleiben: Ihre Investitionsbereitschaft ist so niedrig wie seit 20 Jahren nicht mehr. Die Stimmung im Mittelstand verbessert sich nur langsam, während die Belastungen hoch bleiben und die Insolvenzzahlen steigen. Im September nahm die Zahl der Firmenpleiten laut dem Institut für Wirtschaftsforschung Halle zu. Für das vierte Quartal erwartet das IWH zwar rückläufige Insolvenzzahlen – aber weiterhin auf außergewöhnlich hohem Niveau.
Exportschub mit Ablaufdatum
Das starke erste Halbjahr wurde vor allem durch steigende Exporte und staatliche Impulse getragen. Nach drei Jahren rückläufigen Warenhandels stiegen die realen Warenexporte im zweiten Quartal teilweise wegen Lagerbestandseffekten um 5 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Ausfuhren und Einfuhren legten im ersten Halbjahr jeweils um 2,1 Prozent zu. Für 2026 werden reale Exportzuwächse von 2,8 Prozent und ein Importplus von 2 Prozent erwartet.
Die Deutsche Industrie- und Handelskammer sieht den Aufschwung ebenfalls vor allem durch steigende Exporte in den EU-Binnenmarkt, schuldenfinanzierte Staatsausgaben aus Sondervermögen und höhere Verteidigungsinvestitionen getragen. Doch die positiven Versorgungseffekte dürften nachlassen. Hohe Produktionskosten, Protektionismus bei Industriegütern und der starke chinesische Wettbewerbsdruck – befeuert durch Wechselkursverzerrungen und Subventionen – bleiben der deutschen Exportwirtschaft erhalten.
Auch die Industrieproduktion liegt trotz Zuwächsen im ersten Halbjahr noch knapp 5 Prozent unter dem Niveau vor Pandemie und geopolitischen Schocks. Die Zuwächse konzentrierten sich auf wenige Bereiche, darunter Chemie- und Elektroindustrie. Teilweise halfen Versorgungssicherheitsmotive nach – das kann sich als vorübergehender Effekt erweisen. Der Dienstleistungssektor fing einen Teil der Schwäche ab, insbesondere mit Staatsleistungen sowie Informations- und Kommunikationsdiensten.
Im zweiten Halbjahr dürfte die Dynamik nachlassen. Export-Sondereffekte laufen aus, hohe Energiepreise bremsen den privaten Konsum, die Beschäftigung geht zurück und private Investitionen bleiben verhalten. Das Institut der deutschen Wirtschaft rechnet für 2026 mit einem realen BIP-Wachstum von knapp 1,2 Prozent. Die Bundesregierung hatte zuvor nur 0,5 Prozent für 2026 und 0,9 Prozent für 2027 prognostiziert; die führenden Wirtschaftsforschungsinstitute liegen nun bei 1,3 Prozent für das laufende Jahr, 1,1 Prozent für 2027 und 0,4 Prozent für 2028.
Geld, Energie und ein schwerer Rucksack
Die Regierung erwartet eine durchschnittliche Inflationsrate von 2,7 Prozent im laufenden Jahr, 3,0 Prozent 2027 und 2,2 Prozent 2028. Die Bundesbank kommt beim Harmonisierten Verbraucherpreisindex auf 2,9 Prozent im laufenden Jahr, 2,7 Prozent 2027 und 1,9 Prozent 2028. Höhere Energiepreise wirken zeitverzögert – direkt über Heiz- und Energiekosten, indirekt über höhere Transportkosten. Dadurch steigen Gesamt- und Kerninflation.
Die Europäische Zentralbank erhöhte im September den Leitzins moderat auf 2,5 Prozent; anschließend wird eine Zinspause erwartet. Für Unternehmen bedeutet das: Finanzierungen bleiben teuer. Zusammen mit Energiekosten und geopolitischer Unsicherheit dämpft das die Investitionsbereitschaft. Die Bundesbank rechnet 2028 trotz sinkender Gesamtinflation noch mit einer Kerninflation von 2,3 Prozent, vor allem wegen der konjunkturellen Erholung und erneut stärker steigender Lohnstückkosten. Die Umstellung des nationalen CO₂-Preises auf das europäische Emissionshandelssystem ETS II soll 2028 dämpfend auf die Inflation wirken.
Der private Verbrauch wuchs im ersten Halbjahr preisbereinigt nur um 0,3 Prozent. Für das Gesamtjahr wird bei einer Inflation von gut 2,5 Prozent ebenfalls ein reales Konsumwachstum von 0,3 Prozent erwartet. Zusätzlich drücken ein eingetrübtes Wirtschaftsklima und Sorgen um die Beschäftigung auf die Nachfrage. Der Staatskonsum stieg dagegen im ersten Halbjahr um 3,4 Prozent gegenüber dem Vorjahr.
Das Sondervermögen Infrastruktur und Klimaneutralität wirkt 2026 erstmals über ein vollständiges Jahr auf die staatlichen Ausgaben. Seit Jahresbeginn können auch Länder und Kommunen über ihren Anteil verfügen. Für 2026 sind mehr als 58 Milliarden Euro vorgesehen – knapp 12 Prozent des Gesamtvolumens von 500 Milliarden Euro über zwölf Jahre. Der Fiskalimpuls zeigt sich vor allem bei den staatlichen Investitionen, wobei der tatsächliche Mittelabfluss im laufenden Jahr noch abzuwarten bleibt. Hohe Ausgaben für Verteidigung und Sicherheit kommen hinzu.
Das staatliche Finanzierungsdefizit steigt infolge der kreditfinanzierten Ausgabenexpansion auf rund 4 Prozent des BIP. Die Schuldenstandsquote soll bis Jahresende etwa 66 Prozent erreichen, die Staatsquote bleibt bei mehr als 50 Prozent. Nach der Bundesbank steigt die staatliche Defizitquote bis 2028 auf 4,9 Prozent, während die Maastricht-Schuldenquote auf nahezu 70 Prozent klettert. Gründe sind zusätzliche Verteidigungsausgaben, nicht-militärische Investitionen, Steuerentlastungen und Transfers.
Arbeitsmarkt und internationale Stolpersteine
Die Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnungen wurden revidiert. Dabei wurde die Zahl der Erwerbstätigen um bis zu 100.000 nach unten korrigiert; der seit Mitte 2025 beobachtete Verlauf änderte sich jedoch kaum. Seit Mitte 2025 ist saisonbereinigt ein stabiler Rückgang der Erwerbstätigkeit erkennbar. In den ersten sieben Monaten 2026 lag sie durchschnittlich 0,4 Prozent unter dem Jahresdurchschnitt 2025. Für das Gesamtjahr werden rund 200.000 weniger Erwerbstätige als 2025 erwartet.
Wegen eines Kalendereffekts steigt die Arbeitszeit pro Kopf, sodass das gesamte Arbeitsvolumen trotz Beschäftigungsrückgangs um 0,1 Prozent zunimmt. Die Zahl der Arbeitslosen dürfte 2026 um 39.000 auf knapp drei Millionen steigen. Die Arbeitslosenquote liegt bei 6,3 Prozent. Dass die Arbeitslosigkeit nicht stärker wächst, hängt auch mit dem demografisch schrumpfenden Arbeitskräfteangebot zusammen. Die Entwicklung im Jahresverlauf ist bislang uneinheitlich.
Global blieb die Weltwirtschaft im ersten Halbjahr 2026 trotz des Irankrieges widerstandsfähig. Die Weltproduktion lag im zweiten Quartal 2,4 Prozent über dem Vorjahresquartal. Die Sperrung der Straße von Hormus verursachte allerdings einen historischen Angebotsschock auf dem globalen Öl- und Gasmarkt. Besonders problematisch war der weltweite Mangel an verarbeiteten Mineralölprodukten wie Diesel. Zusammen mit höheren Versicherungsprämien stiegen die Handelskosten.
In der Golfregion und in Nordafrika brach die globale Industrieproduktion im Frühjahr um mehr als 25 Prozent ein, während sie in anderen Regionen stabil blieb. Im Juni lag die weltweite Industrieproduktion dennoch 2,1 Prozent über dem Vorjahresmonat. Der Welthandel lag preisbereinigt 7,5 Prozent höher. Handelsumlenkungen seit Beginn des Ukrainekriegs 2022 stützen den Warenaustausch, ebenso Technologietrends bei künstlicher Intelligenz und grüner Energieinfrastruktur, die vor allem in Asien die Nachfrage nach Technologiegütern erhöhen.
Nach einem Urteil des US Supreme Court im Februar 2026 verloren einige US-Zölle ihre Gültigkeit. Neue US-Zölle auf anderer Rechtsgrundlage führten trotzdem zu einem niedrigeren effektiven Zollniveau als 2025. Für 2026 werden 2,3 Prozent Wachstum der Weltwirtschaft und 5 Prozent Wachstum des Welthandels prognostiziert. Die Inflation im Euroraum erreichte im August, vor allem wegen höherer Energiepreise, 3,3 Prozent.
Für Deutschland bleiben Lieferkettenprobleme, Niedrigwasser und Logistikprobleme auf europäischen Flüssen sowie die Kriege in der Ukraine und im Nahen Osten Risiken. Hinzu kommen Gefahren für Rohstoffversorgung, Rohstoffpreise und internationale Lieferketten, Handelskonflikte und Protektionismus. Unsicherheiten bei Energieversorgung, Finanzmarktstabilität und wirtschaftspolitischem Kurs machen die Rechnung noch wackeliger.
Was Baupreise daraus machen
Die Bundesregierung erwartet für 2027 ein Wachstum von 1,1 Prozent und für 2028 von 0,6 Prozent. Das Institut der deutschen Wirtschaft rechnet für 2027 mit knapp 1 Prozent; Konsum und Investitionen sollen jeweils etwa zur Hälfte beitragen. Für das zweite Halbjahr 2026 wird eine nachlassende Dynamik erwartet, 2027 soll sie wieder zunehmen. Die Prognose setzt unveränderte geopolitische Rahmenbedingungen voraus und erwartet derzeit keine Verschärfung durch Energieversorgungsprobleme.
Die Bundesbank zeichnet ein anderes, zeitlich weiter reichendes Bild: Das kalenderbereinigte reale BIP soll im laufenden Jahr um 0,5 Prozent, 2027 um 0,8 Prozent und 2028 um 1,4 Prozent wachsen. Wegen mehr Arbeitstagen liegen die unbereinigten Wachstumsraten bei 0,7 Prozent im laufenden Jahr und 0,9 Prozent 2027. Bundesbankpräsident Joachim Nagel erwartet bis 2028 dennoch eine wieder anziehende Konjunktur – gestützt durch sinkende Energiepreise, eine anziehende Weltwirtschaft und kräftige Impulse der expansiven Fiskalpolitik.
Im Sommerhalbjahr soll die Fiskalpolitik einen Rückgang der Wirtschaftsleistung verhindern und die Kriegsfolgen ungefähr ausgleichen. Die Bundesbank unterstellt, dass die Ölpreise im Prognosezeitraum deutlich zurückgehen. Höhere Energiepreise schwächen dagegen die Kaufkraft privater Haushalte und dämpfen deren Konsumausgaben; Unternehmen leiden zusätzlich unter Lieferengpässen und schwächerer Nachfrage. Hohe Unsicherheit und gestiegene Zinsen bremsen die privaten Investitionen.
Das Produktionspotenzial wächst laut Bundesbank im Prognosezeitraum nur um 0,3 bis 0,4 Prozent pro Jahr. Die erwarteten BIP-Zuwächse liegen vor allem wegen der expansiven Fiskalpolitik deutlich darüber. Strukturelle Hemmnisse bleiben: der demografische Druck auf das Fachkräfteangebot und hohe Lohnnebenkosten. Für die Baupreise heißt das: Staatliche Aufträge und Infrastrukturmittel können Nachfrage schaffen, doch Wohnungsbau, Finanzierung und private Investitionen hängen weiter an Kosten, Beschäftigung und Vertrauen.
Eine Ausweitung des Nahostkriegs, Sabotage oder extreme Wetterbedingungen könnten die Prognosen rasch verschlechtern. Ein stärkerer Anstieg der Energiepreise würde die Inflation zusätzlich erhöhen und die Konjunktur erheblich bremsen. Die weitere Entwicklung hängt laut Herbstprognose maßgeblich vom Verlauf der Kriege im Iran und in der Ukraine ab: Eine nachhaltige Lösung könnte Energiepreise senken und die Erholung beschleunigen; anhaltend hohe Rohstoff- und Energiepreise würden Unternehmen und Verbraucher stärker belasten.
Die Baukolonne merkt solche Verschiebungen nicht erst in einer Statistik. Sie tauchen beim Dieselbeleg auf, im Angebot für Stahl, beim Zinssatz der Finanzierung und in der Frage, ob ein Projekt noch gerechnet werden kann. Der Aufschwung ist da – aber er trägt noch Sicherheitsschuhe mit ziemlich schwerem Profil.
