Für deutsche Betriebe auf der Straße, auf dem Feld und auf der Baustelle klingt die Nachricht zunächst nach Bewegung im Dieselmarkt: US-Präsident Donald Trump und Russlands Präsident Wladimir Putin haben rasche zusätzliche Lieferungen von Diesel für die USA und den Weltmarkt vereinbart. Russland soll „umgehend“ mehr als 300.000 Tonnen bereitstellen. Im November sollen laut Trump weitere 500.000 Tonnen freigegeben werden, anschließend eine Million Tonnen. Je nach Leistungsfähigkeit russischer Raffinerien könnten kurzfristig zusätzlich drei Millionen Tonnen auf den Markt kommen.

Trump begründet den Schritt mit den stark gestiegenen Preisen für Diesel und Benzin in den USA. Niedrigere Dieselpreise, besonders für Landwirte, Viehzüchter und Lkw-Fahrer, seien seine oberste Priorität. Die Kosten setzen Verbraucher, Landwirtschaft und Transportgewerbe unter Druck. Zugleich steht der US-Präsident politisch unter Druck: Die US-Zwischenwahlen finden in weniger als einem Monat statt. Putin bestätigte die Bereitschaft Russlands, Erdöl und Erdölprodukte auf dem US-amerikanischen und internationalen Markt anzubieten. Das solle der Weltwirtschaft zugutekommen.

Berlin bleibt bei den Sanktionen

In Deutschland ändert der Deal vorerst nichts am Kurs der Bundesregierung. Die EU-Sanktionen gegen russisches Öl und Ölprodukte bleiben unverändert bestehen. Deutschland will weiterhin weder Öl noch Benzin aus Russland beziehen und importiert auch keinen russischen Dieselkraftstoff. Nach Angaben der Bundesregierung bezieht das Land seit Inkrafttreten der EU-Sanktionen kein russisches Öl und keine daraus hergestellten Produkte mehr.

Das Bundeswirtschaftsministerium erklärte, Deutschland stehe uneingeschränkt zu den Sanktionspaketen. Die Bundesregierung arbeite mit europäischen Partnern an weiteren Maßnahmen und bekräftigte zugleich ihre fortdauernde Unterstützung der Ukraine. Regierungssprecher Stefan Kornelius sagte, Deutschlands Unterstützung für den ukrainischen Abwehrkampf bleibe ungebrochen. Bundeskanzler Friedrich Merz und Wirtschaftsministerin Katherina Reiche hatten Anfang Oktober Kiew besucht.

Die Bundesregierung sieht Deutschland als unabhängig von russischem Öl und die Versorgungssicherheit als gewährleistet an. Weiter gesetzt wird auf eine diversifizierte Energieversorgung und darauf, die Abhängigkeit von russischen Rohstoffen zu verringern. Für deutsche Unternehmen bedeutet das: Mit zusätzlichen Dieselimporten aus Russland rechnet derzeit niemand.

Kaum Bewegung an deutschen Zapfsäulen

Der Verband Fuels und Energie erwartet keine größeren Auswirkungen auf die deutschen Tankstellenpreise. Das seit dem 5. Februar 2023 geltende EU-Importverbot für russischen Diesel ist dabei der entscheidende Punkt. Die vereinbarten Mengen dürften nach Einschätzung des Verbands und verschiedener Ökonomen nicht ausreichen, um den Weltmarkt oder die globalen Preise nachhaltig und signifikant zu verändern.

Auch die Ökonomin Samina Sultan vom Institut der deutschen Wirtschaft erwartete keine wesentliche Änderung des Weltmarktpreises. Das Spritpreisportal Tankerkönig zeigte bis Samstagmittag keine größeren Preisbewegungen. Größere Auswirkungen auf deutsche Tankstellen werden deshalb nicht erwartet; ebenso wenig eine spürbare Entlastung für den europäischen Straßengüterverkehr. Marktteilnehmer beobachten trotzdem genau, was aus der Vereinbarung wird. Bei Diesel reichen kleine Verschiebungen manchmal für Unruhe — und meistens für viele Fragen an der Zapfsäule.

Nach Angaben der US-Energiebehörde EIA reichen 300.000 Tonnen Diesel in den USA rechnerisch für etwas mehr als 14 Stunden. Das macht die Größenordnung der ersten Lieferung deutlich. Ob daraus mehr wird, hängt von den russischen Raffinerien und der weiteren politischen Entwicklung ab.

Kritik aus Kiew, Berlin und Washington

Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj kritisierte die Vereinbarung als „nicht fair und nicht ehrlich“. US-Gesandte hätten parallel zu Gesprächen mit ukrainischen Unterhändlern in Miami über ein mögliches Kriegsende verhandelt, ohne das Diesel-Abkommen zu erwähnen. Die Erlaubnis für Russland, Erdölprodukte zu verkaufen, nannte Selenskyj eine „Investition in den Krieg“ gegen die Ukraine. Moskau werde dies mit weiterem „Terror und Gemeinheiten“ beantworten.

Selenskyj erklärte erneut, die Ukraine sei bereit, Angriffe auf russische Raffinerien einzustellen, wenn Russland im Gegenzug Angriffe auf ukrainische Energieanlagen beendet. Eine Lockerung der Russland-Sanktionen bezeichnete er als Zeichen offensichtlicher Schwäche. EU-Vertreter warnen ebenfalls, zusätzliche Energieerlöse könnten Russland wirtschaftlich stärken und indirekt den Krieg gegen die Ukraine finanzieren. Russland finanziert seinen Krieg unter anderem mit Einnahmen aus Ölverkäufen.

Die USA hatten Sanktionen gegen russischen Diesel bereits vorübergehend gelockert. Eine Genehmigung erlaubt Verkauf, Lieferung, Entladung und Import bis zum 7. April 2027. Die Grünen kritisierten Trumps Kurswechsel scharf. Parteichefin Franziska Brantner warf ihm vor, zunächst durch den Iran-Krieg die Energiepreise erhöht und anschließend mit Putin einen Deal zur Abfederung der Folgen vor den Zwischenwahlen geschlossen zu haben. Sie forderte eine rasche Abkehr von fossilen Energien.

Auch US-Demokraten gingen auf Distanz. Gregory Meeks, ranghöchster Demokrat im außenpolitischen Ausschuss des Repräsentantenhauses, verwies darauf, dass Trump wenige Wochen nach der Unterzeichnung eines Sanktionsgesetzes nun den Kauf russischer Energie ankündige. Trump hatte im September ein vom US-Parlament verabschiedetes Gesetz unterzeichnet, das ihm weitreichende Befugnisse für neue Sanktionen gegen Russland gibt. Ziel ist unter anderem, russische Öl- und Gasexporte stärker einzudämmen.

Der Blick der Branche bleibt nervös

Trump hatte Selenskyj zuletzt für eine weltweite Dieselknappheit verantwortlich gemacht und ihn aufgefordert, Angriffe auf russische Raffinerien einzustellen. Gleichzeitig bleibt der Energiemarkt von mehreren Seiten unter Spannung. Konflikte im Nahen Osten, Störungen wichtiger Handelsrouten und die Folgen des Ukrainekriegs sorgen für Preisschwankungen bei Öl und Raffinerieprodukten. Für Transport- und Logistikunternehmen bleiben Energiekosten damit ein wichtiger Risikofaktor — nicht nur in den Vereinigten Staaten.

Für Deutschland ist die unmittelbare Lage dennoch klarer: Die Kraftstoffversorgung gilt als gesichert, russischer Diesel bleibt ausgeschlossen. Ob die US-russische Vereinbarung am Weltmarkt überhaupt spürbar wird, hängt von den tatsächlich gelieferten Mengen ab. Bis dahin bleibt es für deutsche Fuhrparks, Baustellen und Speditionen bei einer nüchternen Rechnung: Der angekündigte Diesel kommt anderswo an, an den heimischen Preisen ändert sich vorerst nichts.