Trump erlaubt umfangreiche russische Diesellieferungen – mit Folgen für Preise, Bau und Wirtschaft
Am 12. Oktober 2026 sorgt eine Nachricht aus Washington und Moskau auch jenseits der Tankstellen für Unruhe: US-Präsident Donald Trump hat nach eigenen Angaben mit dem russischen Präsidenten Wladimir Putin umfangreiche Diesellieferungen an die USA und den Weltmarkt vereinbart. Russland soll umgehend mehr als 300.000 Tonnen Diesel liefern, im November weitere 500.000 Tonnen und kurz danach zusätzlich eine Million Tonnen. Je nach Lage der russischen Raffinerien könnten anschließend noch drei Millionen Tonnen exportiert werden.
Das US-Finanzministerium hat dafür trotz der bestehenden Russland-Sanktionen eine befristete Genehmigung erteilt. Verkauf, Lieferung, Entladung und Import russischen Diesels sind bis zum 7. April 2027 erlaubt. Der Kreml bestätigte die Vereinbarung. In einer schriftlichen Mitteilung erklärte Russland, Erdöl und Erdölprodukte auf den US-amerikanischen und den Weltmarkt liefern zu wollen. Das soll nach russischer Darstellung positive Auswirkungen auf die Weltwirtschaft haben.
Diesel als politischer Zankapfel
In Kiew kommt die Freigabe erwartungsgemäß schlecht an. Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj bezeichnete Exporte russischer Erdölprodukte als „Investition in den Krieg“. Der Krieg müsse beendet und nicht verlängert werden. Moskau werde die Entscheidung mit weiterem „Terror und Gemeinheiten“ beantworten.
Gleichzeitig beschlossen die G7-Staaten, bis zu 100 Millionen Barrel Diesel und Rohöl aus staatlichen Notfallreserven freizugeben. Trumps neue Linie steht damit sichtbar im Gegensatz zu einem Gesetz, das er im Vormonat selbst unterzeichnet hatte. Es verleiht ihm weitreichende Befugnisse für neue Sanktionen gegen Russland und soll unter anderem russische Öl- und Gasexporte stärker begrenzen – jene Einnahmequelle, mit der Russland seinen Angriffskrieg gegen die Ukraine finanziert.
Der innenpolitische Druck ist groß. Vor den US-Kongresswahlen im November machen gestiegene Treibstoffpreise der Regierung zu schaffen. Trump hatte zuletzt Selenskyj für die weltweite Dieselknappheit verantwortlich gemacht und ihn aufgefordert, Angriffe auf russische Raffinerien einzustellen. Mitte September sagte Trump, Selenskyj müsse aufhören, die Dieselversorgung in Russland zu beeinträchtigen; Angriffe auf Dieselanlagen schadeten der ganzen Welt.
Die Ursache der Knappheit sieht Trump in den Ereignissen in Russland und der Ukraine, nicht in der Lage im Nahen Osten. Zugleich verwies er laut dem Artikel auch auf die Folgen des Kriegs gegen den Iran und die schwierige Situation in der Straße von Hormus. Für Autofahrer, Speditionen und Betriebe klingt das alles weit weg – an der Zapfsäule kommt die Weltpolitik trotzdem ziemlich direkt an.
Russisches Öl bleibt ein gewaltiger Geldstrom
Die G7 wollen den Druck auf Russlands Ölexporte erhöhen. Der Grund ist schlicht: Russland finanziert seinen Krieg gegen die Ukraine weiterhin durch den Export fossiler Rohstoffe. Nach Angaben der Internationalen Energieagentur nahm das Land 2024 mit Rohöl- und Ölprodukt-Exporten rund 192 Milliarden US-Dollar ein.
Im selben Jahr förderte Russland durchschnittlich 10,5 Millionen Barrel Öl pro Tag – etwa zehn Prozent der weltweiten Produktion. Damit lag das Land hinter den USA und Saudi-Arabien auf Platz drei. Bei den Ölexporten kam Russland mit 4,868 Millionen Barrel pro Tag auf Platz zwei, hinter Saudi-Arabien mit 6,420 Millionen Barrel.
Seit dem Inkrafttreten des EU-Rohölembargos am 5. Dezember 2022 bis Ende August 2025 gingen laut dem Centre for Research on Energy and Clean Air 47 Prozent der russischen Ölexporte nach China und 38 Prozent nach Indien. Jeweils sechs Prozent gingen in die EU und in die Türkei. Die EU plante bisher, den Import russischen Öls und Gases ab dem 1. Januar 2028 vollständig einzustellen.
Trump fordert ein schnelleres Ende der europäischen Ölimporte aus Russland und bezeichnet China und Indien als wichtige Unterstützer der russischen Kriegsmaschinerie. Sollten russische Exporte vollständig ausfallen, müssten beide Länder andere Bezugsquellen erschließen. Die OPEC könnte ihre Förderung zwar erhöhen, nach Einschätzung der Commerzbank aber keinen kompletten Ausfall kompensieren. Selbst eine vollständige Ausschöpfung der freien saudischen Förderkapazitäten würde dafür nicht reichen.
Was ein Ausfall für Preise und Wirtschaft bedeuten würde
Ein vollständiger Wegfall russischer Ölexporte würde voraussichtlich deutlich höhere Ölpreise auslösen. Die Commerzbank erwartet in diesem Fall einen Brent-Preis von etwa 80 US-Dollar pro Barrel. Zum Vergleich: Der höchste durchschnittliche Jahrespreis lag 2012 bei knapp 112 US-Dollar, das absolute Rekordhoch wurde 2008 mit 147 US-Dollar erreicht.
Ein kräftiger Preissprung würde die Inflation in importabhängigen Ländern erhöhen und das Wirtschaftswachstum bremsen. Profitieren könnten die US-Schieferölindustrie und OPEC-Staaten. Die US-Regierung hat laut dem Wellenreiter-Experten Robert Rethfeld wegen der Inflationswirkungen von Zöllen allerdings ein Interesse an einem Ölpreis unter 70 US-Dollar.
Wie stark die Folgen ausfallen, hängt vor allem davon ab, wie heftig und wie lange der Ölpreis steigt. Ein einmaliger Sprung mit anschließender Stabilisierung auf höherem Niveau hätte laut der Commerzbank-Expertin Thu Lan Nguyen nur einen begrenzten Inflationseffekt. Wird die OPEC-Förderung dagegen schneller und stärker ausgeweitet, könnte der Preis bei nachlassender Nachfrage wieder sinken.
Diese Nachfrage wird ohnehin gebremst: Handelskonflikte und schwächere Wachstumsaussichten in den USA und China drücken auf den Verbrauch. Die IEA erwartet für das erste Halbjahr 2026 einen globalen Angebotsüberschuss von rund 3,3 Millionen Barrel pro Tag – den größten seit der Corona-Pandemie.
Der lange Schatten der Energiewende
Nach Einschätzung der IEA soll die weltweite Ölnachfrage 2029 mit 105,6 Millionen Barrel pro Tag ihren Höhepunkt erreichen. Ab 2030 wird ein Rückgang erwartet. Genannt werden schwächeres Wirtschaftswachstum, globale Handelsspannungen, die zunehmende Verbreitung von Elektroautos und der Rückgang der Ölnutzung zur Energieerzeugung.
Unter diesen Voraussetzungen könnte die Welt weniger abhängig von russischem Öl sein als bisher angenommen. Ein vollständiger Verzicht wäre dann möglicherweise verkraftbar – auch wenn die nächste Preiswelle an den Märkten, im Transport und letztlich bei vielen Produkten erst einmal ordentlich durchschlagen könnte.
Quellen: AFP, dpa, Reuters, AP, ZDF und Tagesschau.
