Deutschlands Gasversorgung bleibt trotz niedriger Speicherfüllstände stabil
Die Energiekrise ist längst mehr als eine Nachrichtenspalte über Strom und Gas. Sie steckt in Baukalkulationen, Betriebskosten und Heizungsentscheidungen – und manchmal auch im mulmigen Gefühl, wenn wieder eine Rechnung im Briefkasten liegt. Der aktuelle Überblick der Frankfurter Allgemeinen Zeitung wurde zuletzt am 6. September 2026 um 18:41 Uhr aktualisiert und zeigt täglich neue Grafiken zur Energieversorgung in Deutschland.
Konflikte, Sanktionen und gesperrte Handelsrouten prägen den deutschen Energiemarkt. Seit Beginn des russischen Angriffskriegs gegen die Ukraine am 24. Februar 2022 verdoppelte sich der Gaspreis zeitweise, Strom verteuerte sich um etwa 25 Prozent, Benzin kostete zeitweise mehr als 2,20 Euro je Liter und auch Heizöl wurde deutlich teurer. Nach der Sperrung der Straße von Hormus infolge der Angriffe Israels und der USA auf Iran am 28. Februar 2026 sank das weltweite Angebot an Gas und Öl erneut – die Preise zogen an. Höhere Gaspreise verteuern unter anderem die Herstellung von Düngemitteln und beeinflussen damit Lebensmittel- und Weizenpreise. Sanktionen Russlands und der EU treiben außerdem die Rohölpreise und wirken auf Benzin, Diesel und Heizöl durch.
Weniger Gas, andere Lieferanten
Der Gasverbrauch in Deutschland liegt deutlich unter dem Niveau von 2021. Aus Sorge vor einem Gasmangel beschloss die EU Ende Juli 2022 ein Einsparziel von 15 Prozent für den Zeitraum vom 1. August 2022 bis zum 31. März 2023. Der deutsche Verbrauch sank 2022 und 2023. Seit 2024 steigt der jährliche Verbrauch wieder leicht, bleibt aber unter dem Wert von 2021. Die Auswertungen unterscheiden zwischen dem Gesamtverbrauch, Haushalten und Gewerbe sowie der Industrie.
Vor dem russischen Angriff auf die Ukraine kamen etwa 50 Prozent der deutschen Gas- und Kohleimporte aus Russland, bei Öl war es rund ein Drittel. Seit Kriegsbeginn sucht Deutschland nach Alternativen. Die geplante Inbetriebnahme von Nord Stream 2 wurde gestoppt. Gazprom reduzierte die Lieferungen über Nord Stream 1 im Juni 2022 drastisch; nach einer zehntägigen Wartung im Juli wurde die Durchflussmenge auf 20 Prozent der Maximalkapazität gesenkt. Seit dem 31. August 2022 fließt dort kein Gas mehr.
Norwegen, die Niederlande und Belgien wurden zu wichtigen Gaslieferanten. LNG-Importe nehmen seit 2025 zu und machten 10,3 Prozent aller Gasimporte aus. Rund 96 Prozent des Flüssiggases kamen aus den USA. Wegen der geringeren Importe wurden die deutschen Gasexporte deutlich reduziert, erst 2025 legten sie wieder zu.
Für den Zeitraum vom 21. bis 27. September 2026 weist die Bundesnetzagentur 15,1 Terawattstunden Pipelineimporte und 1,9 Terawattstunden LNG-Importe über deutsche Terminals aus. Die durchschnittliche Auslastung der LNG-Terminals lag bei 41,2 Prozent. LNG gilt inzwischen als zentrale neue Säule der deutschen Gasversorgung. Damit das so bleibt, sollen regulatorische und administrative Hindernisse für kontinuierliche Importe in die EU und nach Deutschland verschwinden. Genannt werden unter anderem die bislang ausstehende Benennung der zuständigen Behörde für die REPowerEU-Prozesse sowie eine rechtssichere Übergangslösung für die Importanforderungen der EU-Methanemissionsverordnung. Der BDEW hat sich dazu wiederholt an Ministerien und Behörden gewandt.
Speicherfüllstand: nicht voll, aber laut Behörde stabil
Die deutschen Gasspeicher sind derzeit zu 57,6 Prozent gefüllt, das entspricht 142,6 Terawattstunden. Die Füllstände liegen deutlich unter denen vergleichbarer Zeiträume vergangener Jahre; die täglichen Einspeicherungen waren zuletzt teilweise weiterhin niedrig. Das klingt erst einmal nach einer unangenehmen Zahl. Nach Einschätzung der Bundesnetzagentur geht die geringe Einspeicherung allerdings auf Absicherungsstrategien der Gashändler zurück und ist nicht kritisch für die sichere Gasversorgung.
Die Speicher werden jedes Jahr vor dem Winter befüllt, damit sie bei hoher Nachfrage oder Lieferunterbrechungen einspringen können. Deutschlands Speicher sollen am 1. November mindestens zu 80 Prozent gefüllt sein und am 1. Februar 2027 noch mindestens 30 Prozent aufweisen. Die EU-Ziele für Speicherfüllstände gelten zunächst bis Ende März 2027. Das Erreichen der Novemberziele ist nach Angaben der Bundesnetzagentur für eine sichere Versorgung nicht zwingend erforderlich. Ein vergleichsweise niedriger Speicherfüllstand am Ende des Winters ist wahrscheinlich.
Entscheidend sind nicht nur die gespeicherten Mengen. Pipelineimporte, LNG-Importe, die vorhandene Infrastruktur und die Gasnachfrage spielen ebenso hinein. Die Wintervorsorge und die Speicherbefüllung liegen grundsätzlich in der Verantwortung der Gashändler. Sie müssen Lieferverpflichtungen gegenüber Stadtwerken, Versorgern, Industrie und anderen Kunden erfüllen und sich dafür absichern. Eingekauft wird über Pipelines und LNG, ergänzt durch eingespeicherte Mengen – je nach Preisen am Markt.
Auf dem Weltmarkt ist laut Bundesnetzagentur ausreichend Gas verfügbar, außerdem bestehen genügend Importmöglichkeiten. Die Gasversorgung in Deutschland ist stabil, die Versorgungssicherheit gilt als gewährleistet. Die Gefahr einer angespannten Gasversorgung schätzt die Behörde nach aktuellem Kenntnisstand weiterhin als gering ein. Beobachtet wird die Lage fortlaufend, auch im Nahen Osten. Preisveränderungen auf den Weltmärkten erreichen die europäischen Großhandelspreise; ob sie bei Kunden ankommen und wie stark, hängt unter anderem von der Dauer des Konflikts, der Beschaffungsstrategie der Lieferanten und den vertraglichen Regelungen ab.
Das Bundesministerium für Wirtschaft und Energie hat die seit dem 23. Juni 2022 geltende Alarmstufe des Notfallplans Gas aufgehoben. Seit dem 1. Juli 2025 gilt in Deutschland die Frühwarnstufe. Für Haushaltskunden bleibt sparsamer Gasverbrauch wegen des weiterhin erhöhten Preisniveaus sinnvoll – der Thermostat muss ja nicht gleich auf arktische Expedition gestellt werden.
Strom zwischen Wind, Sonne und Dunkelflaute
Häufig stammt in Deutschland mehr als die Hälfte der Stromerzeugung aus erneuerbaren Quellen wie Wind und Sonne. Während einer Dunkelflaute, wenn also wenig Wind weht und die Sonne kaum liefert, speisen verstärkt Gas-, Kohle- und Kernkraftwerke Strom ein. Atomstrom wird in Deutschland seit dem 15. April 2023 nicht mehr produziert; an diesem Tag wurden die letzten drei Atomkraftwerke abgeschaltet.
Fossile Energieträger werden aber nicht nur für die Stromerzeugung gebraucht. Die Industrie verwendet Kohle und Gas, im Verkehr dominiert Erdöl, und Wohnungen werden häufig mit Gas- oder Ölheizungen beheizt. Gas- und Ölheizungen sollen durch klimafreundliche Wärmepumpen ersetzt werden. Gleichzeitig hat die Bundesregierung die Förderung für Wärmepumpen reduziert. Das Heizungsgesetz der vorherigen Regierung soll durch ein Gebäudemodernisierungsgesetz ersetzt werden – für Eigentümer, Planer und ausführende Betriebe bleibt damit manches in Bewegung.
Bis 2030 sollen die CO₂-Emissionen gegenüber 1990 um 65 Prozent sinken. Deutschland will bis 2045 klimaneutral werden, der Anteil erneuerbarer Energien am Bruttostromverbrauch soll bis 2030 mindestens 80 Prozent erreichen. 2025 lag dieser Anteil bei 55,1 Prozent. Mehr erneuerbarer Strom soll zugleich die Abhängigkeit von fossilen Energieimporten verringern.
Markt, Vorsorge und die nächste Weichenstellung
Der BDEW mahnt, die Bundesregierung solle die aktuelle Lage aufmerksam beobachten, bei marktverzerrenden oder preistreibenden Eingriffen aber zurückhaltend bleiben. Schon Diskussionen über staatliche Eingriffe könnten zu abwartendem Verhalten führen und die weitere Befüllung der Speicher bremsen. Wenn die Wintervorsorge bei den Marktakteuren liegt, sollten Hemmnisse und unnötige Kosten abgebaut werden. Füllstandsvorgaben könnten sonst durch die Erwartung staatlicher Interventionen Fehlanreize schaffen.
Die deutschen Füllstandsvorgaben laufen Ende März 2027 aus, die europäischen Vorgaben gelten bis Ende 2027. Laut BDEW sollten beide nicht verlängert werden. Für die vom Bundeswirtschaftsministerium angekündigte nationale Gasreserve soll rasch eine gesetzliche Grundlage geschaffen werden.
Zusätzlich werden mehr langfristige Gaslieferverträge mit verschiedenen Lieferländern gefordert. Energiepartnerschaften brauchen Stabilität und Kontinuität, damit daraus konkrete Unternehmensprojekte entstehen. Für die Umstellung auf erneuerbaren oder kohlenstoffarmen Wasserstoff und dessen Derivate nennt der BDEW kooperative Ansätze mit Partnerländern sowie ein „Phase-in & Phase
