Eni deckelt Italiens Spritpreise – und schickt Autofahrer in lange Warteschlangen
Seit Montag, dem 28. September 2026, können Autofahrer in Italien bei mehreren großen Tankstellenketten günstiger tanken. Der teilstaatliche Energiekonzern Eni begrenzt die Preise in seinem Enilive-Netz zunächst für 30 Tage auf 1,99 Euro je Liter Benzin und 2,19 Euro je Liter Diesel. Eine Verlängerung bis zum Jahresende ist möglich, hängt aber von der Marktentwicklung und der Versorgungslage ab.
Der Schritt kommt zu einem ungemütlichen Zeitpunkt: Am 28. September halbierte die italienische Regierung per Dekret den Diesel-Steuernachlass von 12,2 auf 6,1 Cent je Liter. Bis zum 5. Oktober läuft diese staatliche Entlastung vollständig aus. Der freiwillige Rabatt der Mineralölkonzerne soll die erwartete Verteuerung zumindest teilweise abfedern.
Lange Schlangen, leere Tanks
Nach der Einführung des Preisdeckels bildeten sich in Neapel, Rom und Florenz lange Schlangen. Einige Tankstellen meldeten sogar leere Tanks. Bis Montagabend hatten etwa 3.850 Eni- und Enilive-Stationen die Begrenzung umgesetzt – rund 90 Prozent des Netzes.
Enilive entstand im Januar 2024 aus der früheren Marke Agip. Laut Eni gehören mehr als 4.000 Tankstellen in Italien und über 5.000 in Europa zur Kette. Der Deckel gilt sowohl bei Selbstbedienung als auch beim bedienten Tankvorgang, sofern der reguläre Marktpreis darüber liegt. Erkennbar sind die teilnehmenden Stationen am roten Enilive-Logo; Standorte lassen sich über die Enilive-Website, die App und den Tankstellen-Finder finden.
Gegenüber den Marktpreisen entspricht die mögliche Entlastung etwa 17 Cent je Liter. Die MIMIT-Preisbeobachtungsstelle nannte durchschnittlich 2,338 Euro für Diesel im Straßenverkehr und 2,421 Euro auf Autobahnen. Benzin kostete dort im Schnitt 2,154 beziehungsweise 2,247 Euro je Liter. Auf Autobahnen bleibt der Kraftstoff also auch mit Preisdeckel teurer als auf Landstraßen.
Codacons beziffert die mögliche Ersparnis bei einer vollen Tankfüllung auf ungefähr 10,40 Euro bei Diesel und 11,20 Euro bei Benzin. In einer anderen Berechnung nennt die Verbraucherorganisation rund 10 beziehungsweise 11 Euro. Entscheidend sind der Tagespreis, die Tankfüllung und die Frage, ob überhaupt eine teilnehmende Station an der Route liegt.
IP folgt, Q8 startet am 1. Oktober
Eni blieb nicht allein. Italiana Petroli, kurz IP, der größte private Anbieter Italiens, kündigte am Sonntag ebenfalls einen Preisdeckel an. Das Unternehmen wird vom aserbaidschanischen Staatskonzern SOCAR kontrolliert; SOCAR erklärte, damit einem Appell der italienischen Regierung zu folgen. Am Montagabend waren bei IP rund 600 Stationen umgestellt, innerhalb von zwei Tagen sollen es 2.000 sein. Konkrete Höchstpreise nannte der Anbieter zunächst nicht.
Q8, die italienische Tochter des kuwaitischen Staatskonzerns KPC, folgte am Dienstag. Der Start ist für den 1. Oktober vorgesehen, eine konkrete Preisobergrenze wurde noch nicht genannt. Eni, IP und Q8 betreiben zusammen rund 9.800 der gut 20.000 Tankstellen Italiens. Tamoil, Esso und freie Tankstellen kündigten dagegen keinen Preisdeckel an.
Der landesweite Durchschnitt sank am ersten Tag allerdings nur wenig: Benzin im Selbstbedienungsbetrieb von 2,159 auf 2,152 Euro je Liter, Diesel von 2,377 auf 2,369 Euro. Wer die günstigere Zapfsäule erwischt, spürt den Unterschied eher – wer vor einer langen Schlange steht, braucht Geduld und vielleicht ein bisschen Glück.
Politischer Druck auf Meloni
Ministerpräsidentin Giorgia Meloni steht wegen der Kraftstoffpreise unter Druck. Wegen der hohen Staatsverschuldung hat ihre Regierung nur begrenzten finanziellen Spielraum für weitere Entlastungen. Statt eines gesetzlichen Preisdeckels oder einer Übergewinnsteuer setzte Meloni auf einen Appell an die Mineralölkonzerne und bedankte sich anschließend öffentlich bei Eni.
Vizepremier und Außenminister Antonio Tajani bezeichnete die Maßnahme als freiwilligen Beitrag, nicht als staatliche Vorgabe und nicht als neue Steuer. Die Regierung Meloni begrüßte den Schritt als Beitrag zur Dämpfung der Kraftstoffpreise und als Beispiel für die Zusammenarbeit staatlicher Institutionen mit großen nationalen Unternehmen.
Die Opposition sieht das naturgemäß anders. PD-Senator Francesco Boccia verwies auf Enis staatliche Kontrolle und lehnte die Darstellung des Konzerns als uneigennützigen Helfer ab. Auch Vertreter des Grünen-Linksbündnisses AVS und CGIL-Generalsekretär Maurizio Landini fordern statt der befristeten Aktion dauerhaft niedrigere Kraftstoffsteuern. Tankstellenverbände sprechen von unlauterem Wettbewerb, weil kleinere Betreiber die Preise der großen Ketten nicht mitgehen könnten.
Verbraucherverbände bemängeln zudem, dass die Preisdeckel freiwillig, befristet und jederzeit widerrufbar sind. Für einen solchen Schritt hatten sich zuvor auch der Unternehmerverband Confimprenditori und der Ölbranchenverband Federpetroli ausgesprochen. Eni verweist seinerseits auf die Rabattkampagne „Riparti con Eni“ aus dem Jahr 2012, als es während der damaligen Wirtschaftskrise Wochenendrabatte gab.
Ein teurer Tausch für Eni
Analysten von Equita schätzen Enis Kosten für den Preisdeckel auf 85 bis 100 Millionen Euro monatlich. Für 2026 wird ein Nettogewinn von rund zehn Milliarden Euro erwartet. Wirtschaftlich bewerten die Analysten die Maßnahme leicht negativ, regulatorisch und politisch jedoch moderat positiv. Die Eni-Aktie stieg am Montagvormittag an der Mailänder Börse um 1,58 Prozent.
Energieexperte Simone Tagliapietra vom Thinktank Bruegel sieht darin einen wirtschaftlich kalkulierten Tausch: Für Eni sei der Preisdeckel günstiger als mögliche staatliche Eingriffe, während die Regierung auf eine Übergewinnsteuer verzichten könne. Ganz freiwillig klingt das für Kritiker nicht. Eher nach einer Rechnung, bei der beide Seiten hoffen, am Ende mit einem blauen Auge davonzukommen.
Für das kommende Jahr kündigte die Regierung außerdem an, dass die meisten Autobesitzer keine Kfz-Steuer zahlen müssen. Nach dem Auslaufen des reduzierten Diesel-Rabatts soll zudem eine „flexible Verbrauchsteuer“ eingeführt werden, mit der die Regierung Kraftstoffpreise durch Steueranpassungen regulieren kann. Eine feste Höhe ist dafür nicht vorgesehen.
Der Ärger reicht derweil über Tankstellen und Parlamente hinaus. Sizilianische Transportunternehmen kündigten für den Zeitraum vom 15. bis 20. Oktober einen möglichen Stillstand an. Mit ihren Lastwagen wollen sie auf den Stellplätzen bleiben, bis die Regierung Antworten liefert. Auf Sizilien protestieren außerdem Landwirte; Taxi-Gewerkschaften hatten wegen der hohen Kraftstoffpreise mit Streiks gedroht.
Am 8. Oktober plant die Regierung ein Treffen mit italienischen Raffinerien über eine mögliche Erhöhung der Produktionskapazitäten. Bis dahin bleibt für Reisende vor allem der praktische Rat: bei Enilive und IP nach teilnehmenden Stationen schauen, das rote Logo beachten und auf der Autobahn nicht mit denselben Preisen wie an der Landstraße rechnen. Der Tankstellengeruch, das Klappern der Zapfpistole und die Warteschlange gehören in Italien in diesen Tagen irgendwie zum Reiseplan.
