Europas Gasspeicher starten mit knappem Puffer in den Winterverknappung
Die europäischen Gasspeicher gehen mit deutlich weniger Reserve in den Winter als in den vergangenen Jahren. Im EU-Durchschnitt sind sie aktuell zu etwa 70 Prozent gefüllt – und damit unter dem Niveau von 2022. Energiekommissar Dan Jørgensen bezeichnete die Speicherstände in einem Schreiben an die Mitgliedstaaten als „außergewöhnlich niedrig“. Die EU-Kommission warnt deshalb, dass sich die Energiepreiskrise zu einem Versorgungsproblem entwickeln könnte.
Auch Deutschland steht nicht üppig da. Nach Branchendaten vom 13. September lagen die deutschen Speicher bei 55,6 Prozent, in Lettland bei 47,1 und in den Niederlanden bei 52,1 Prozent. Zum Vergleich: Im November 2022 waren die EU-Speicher durchschnittlich zu 94,9 Prozent gefüllt, am Jahresende noch zu 83,4 Prozent. Trotzdem erklärte das Bundesministerium für Wirtschaft und Energie am 21. August, es rechne trotz der niedrigen deutschen Speicherstände nicht mit Engpässen im Winter.
Hitze, Nahostkrieg und teures Nachfüllen
Das Wetter hat die Lage zusätzlich verschärft. Ein heißer und trockener Sommer trieb in vielen Ländern den Gasverbrauch für die Stromerzeugung nach oben. Genau das erschwerte die Befüllung der Speicher. Zugleich beeinträchtigt der Krieg der USA und Israels gegen den Iran den Weltmarkt. LNG-Lieferungen durch die Straße von Hormus sind auf 15 bis 25 Prozent des Vorkriegsniveaus gesunken. Katar verlängerte die höhere Gewalt für LNG-Lieferungen nach Asien und Europa um einen weiteren Monat; Lieferungen nach Europa sollen im Dezember wieder anlaufen.
Bei knappem Angebot und hoher Nachfrage ziehen die Preise an. Der niederländische Gaspreisindex TTF lag vor der Eskalation im Nahen Osten bei etwa 30 bis 31 Euro pro Megawattstunde. Inzwischen sind es etwa 72 bis 74 Euro. Anfang September wurden zeitweise sogar mehr als 80 bis 89 Euro erreicht. Ein kleiner Speicherpuffer macht die weitere Befüllung nicht nur schwieriger, sondern auch teurer.
Energieanalyst Emil Constantinescu sieht zwar einen besseren physischen Puffer, doch der Markt kalkuliert weiterhin erhebliche Aufschläge für künftige Gasverfügbarkeit und externe Versorgungsrisiken ein. Analysten halten es für möglich, dass weltweite LNG-Preise bei einem sehr kalten Winter und einer länger dauernden Sperrung der Straße von Hormus nahezu doppelt so hoch wie derzeit steigen. Europa müsste dann auf den asiatischen Märkten aggressiver um US-amerikanisches LNG konkurrieren.
Gasspeicher nehmen Erdgas auf, wenn es gut verfügbar und vergleichsweise günstig ist. Im Winter wird es wieder ins Netz eingespeist – für Haushalte, Unternehmen und Kraftwerke. Seit 2022 müssen EU-Staaten ihre Speicher in einem normalen Jahr bis zum 1. November zu 90 Prozent füllen. Wegen der gestiegenen Gaspreise erlaubt die Kommission inzwischen jedoch, nur 75 bis 80 Prozent anzustreben, um Panikkäufe zu vermeiden. Jørgensen empfiehlt, das Füllziel auf 80 Prozent zu senken und damit den unmittelbaren Druck auf Preise und Befüllungskosten zu reduzieren.
Deutschland: stabile Versorgung, niedrige Speicher
Die Bundesnetzagentur bewertet die deutsche Gasversorgung am 28. September 2026 als stabil. Die Versorgungssicherheit sei gewährleistet, die Gefahr einer angespannten Gasversorgung nach aktuellem Kenntnisstand weiterhin gering. Das Bundesministerium für Wirtschaft und Energie hat die seit dem 23. Juni 2022 geltende Alarmstufe des Notfallplans Gas aufgehoben. Seit dem 1. Juli 2025 gilt die Frühwarnstufe.
Die Importe sind stabil. Vom 20. bis 26. September 2026 kamen 15,2 TWh über Pipelines nach Deutschland, weitere 1,8 TWh über deutsche LNG-Terminals. Deren durchschnittliche Auslastung lag bei 38,9 Prozent.
Die deutschen Speicher sind laut Bundesnetzagentur zu 57,4 Prozent gefüllt, das entspricht 142 TWh. Die Füllstände liegen deutlich unter denen vergleichbarer Zeiträume vergangener Jahre; die täglichen Einspeicherungen waren zuletzt teilweise weiterhin niedrig. Nach Einschätzung der Behörde beruhen diese niedrigen Einspeicherungen auf Absicherungsstrategien der Gashändler und sind für die sichere Versorgung nicht kritisch. Es sei nicht zwingend erforderlich, die Füllstandsziele bis November zu erreichen. Ein vergleichsweise niedriger Speicherfüllstand am Ende des Winters sei wahrscheinlich.
Entscheidend ist ohnehin das Zusammenspiel: Pipelineimporte, Speicher, LNG-Importe, Infrastruktur und Nachfrage müssen zusammenpassen. Die Wintervorsorge und Speicherbefüllung sind grundsätzlich Aufgaben der Gashändler. Sie müssen Lieferverpflichtungen gegenüber Stadtwerken, Versorgern, Industrie und weiteren Kunden erfüllen und sich dafür absichern. Genutzt werden Pipeline- und LNG-Importe ebenso wie gespeicherte Mengen; eingekauft wird abhängig von den Preisen. Weltweit ist ausreichend Gas verfügbar, außerdem bestehen ausreichende Importmöglichkeiten.
Die Bundesnetzagentur beobachtet die Entwicklungen im Nahen Osten weiter. Preisbewegungen auf den Weltmärkten beeinflussen auch die europäischen Großhandelspreise. Ob und in welchem Umfang diese Änderungen bei Kunden ankommen, hängt unter anderem von der Dauer des Konflikts, den Beschaffungsstrategien der Lieferanten und den Vertragsbedingungen ab. Wegen des weiterhin erhöhten Preisniveaus für Haushaltskunden bleibt ein sparsamer Umgang mit Gas sinnvoll – auch wenn die Heizung gerade noch ausbleiben kann.
Ohne Speicher und mit Sorge um den Strom
Zypern, Estland, Finnland, Griechenland, Irland, Litauen, Luxemburg, Malta und Slowenien haben keine eigenen Gasspeicher. Diese Länder müssen Solidaritätsvereinbarungen mit anderen EU-Mitgliedstaaten schließen, um ihre Versorgung abzusichern. Jørgensen sieht derzeit keine unmittelbaren Risiken für die Versorgungssicherheit und bewertet die Lage als anders als 2022, als Europa russische Gasimporte stark zurückfuhr. Damals kam es laut Kommission weder zu tatsächlichen Gasknappheiten noch zu einer verpflichtenden Rationierung für Haushalte.
Ganz entspannt ist die Lage trotzdem nicht. Ein Gasmangel könnte sich zu einer Stromkrise ausweiten, weil viele Kraftwerke Erdgas zur Stromproduktion benötigen. Sinkende Gasverfügbarkeit kann Strompreise schnell erhöhen und die Stromnetze belasten. Kpler-Analyst Ronald Pinto erwartet derzeit keine Gasknappheit. Sollte sie eintreten, wäre besonders der Stromsektor betroffen. Gas ist vor allem im Winter häufig der preisbestimmende, also „marginale“, Stromerzeuger. Ein Mangel könnte den TTF-Preis und dadurch die Strompreise in ganz Europa kräftig nach oben drücken. Niedrige Temperaturen und eine schwache Windstromproduktion würden die Lage zusätzlich verschärfen.
Am 8. Oktober will der Verband der europäischen Fernleitungsnetzbetreiber, ENTSO-G, seine Winterprognose zur Gasversorgung veröffentlichen. Bis dahin bleibt viel Rechenarbeit: Wie kalt wird es, wie stark weht der Wind, wie viel LNG erreicht Europa – und wer zahlt am Ende welchen Preis?
Die EU-Staaten haben bereits Steuererleichterungen, Subventionen und andere Maßnahmen gegen hohe Energiepreise eingesetzt. Gleichzeitig stehen ihre öffentlichen Finanzen unter Druck. Verschlechtert sich die Lage weiter, könnte die EU-Kommission erneut eine gemeinsame Gasbeschaffung koordinieren, wie bereits 2022. Frankreichs Präsident Emmanuel Macron hat Brüssel aufgefordert, diese Möglichkeit wieder zu prüfen.
Füllziele, Markt und der Blick auf 2027
Die Niederlande stellen die verpflichtenden europäischen Speicherziele grundsätzlich infrage. Klimaministerin Stientje van Veldhoven fordert, die Vorgaben nach dem Auslaufen der aktuellen Regeln im Jahr 2027 abzuschaffen. Festgelegte Füllstände belasteten einzelne Länder ihrer Ansicht nach unverhältnismäßig. Der niederländische Gasinfrastrukturbetreiber Gasunie äußerte ähnliche Bedenken und verwies auf die wachsende Abhängigkeit der Niederlande von internationalen Gasströmen.
Gasunie empfiehlt, sich auf eine mehrere Monate dauernde Krise vorzubereiten. Über das akzeptierte Risikoniveau müssten die politischen Entscheidungsträger bestimmen. Das klingt trocken, ist im Alltag aber ziemlich greifbar: Ein kleiner Vorrat im Speicher lässt weniger Luft, wenn draußen Frost herrscht und gleichzeitig die Nachfrage aus Asien steigt.
Die Bundesnetzagentur veröffentlicht in ihrem Lagebericht eine Einschätzung zur deutschen Gasversorgung und stellt dazu interaktive Grafiken bereit. Abrufbar sind unter anderem Gasflüsse und LNG-Terminalauslastung, Speicherfüllstände, der Gasverbrauch von Industrie, Haushalten und Gewerbe sowie der Gesamtverbrauch, Temperaturen, Großhandelspreise und die Gasförderung in Deutschland.
Die Daten zeigen den Verlauf und die täglichen Veränderungen der Speicherfüllstände. Außerdem lassen sich der Verbrauch von Industriekunden sowie Haushalts-
