Fossile Energieimporte verteuern das Bauen: Warum Öl und Gas auf Baustellen durchschlagen
Hohe Öl- und Gaspreise treffen 2026 Verkehr, Heizung, Haushalte und Unternehmen. Was an der Tankstelle beginnt, landet schnell auf der Baustelle: Steigende Transportkosten, teurere Materialien und höhere Betriebskosten machen sich in vielen Kalkulationen bemerkbar. Vattenfall warnt deshalb vor den wirtschaftlichen Risiken der fossilen Energieimportabhängigkeit Deutschlands und Europas.
Der Konzern fordert einen schnelleren Ausbau erneuerbarer Energien, mehr Stromnetze und Speicher sowie eine stärkere Elektrifizierung von Wärme, Verkehr und Industrie. Die Preisentwicklung fällt in eine Phase anhaltender geopolitischer Spannungen. Das ist kein Nebengeräusch, sondern inzwischen ein ziemlich direkter Kostenfaktor.
Europa importiert den größten Teil seiner Energie
2024 deckte die Europäische Union 57 Prozent ihres Energiebedarfs durch Nettoimporte. Für fossile Energieimporte gibt die EU jährlich mehr als 300 Milliarden Euro aus. Nach Angaben der EU-Kommission waren es 2025 rund 340 Milliarden Euro. 2024 entfielen 91 Prozent der EU-Energieimporte zusammen auf Öl, Ölprodukte und Erdgas.
Der europäische Referenzpreis für Erdgas stieg laut Vattenfall seit Ende August um rund 20 Prozent und erreichte zeitweise den höchsten Stand seit Anfang 2023. Auch die internationalen Ölpreise zogen deutlich an. Das schlägt auf Heizkosten privater Haushalte, Benzin- und Dieselpreise, Produktions- und Transportkosten sowie auf die Preise für Dienstleistungen durch. Am Ende wächst der allgemeine Preisdruck.
„Deutschland und Europa bleiben stark von internationalen Energie- und Rohstoffmärkten abhängig“, erklärte Vattenfall-Deutschlandchef Robert Zurawski. Fossile Energieimporte bedeuteten zugleich den Import geopolitischer Risiken und der daraus entstehenden Preiswirkungen.
Mit der Energiekrise von 2022 sei die aktuelle Lage allerdings nicht vergleichbar, betont Vattenfall. Europas Gasversorgung ist stärker diversifiziert, zusätzliche LNG-Kapazitäten stehen bereit und die erneuerbare Stromerzeugung ist höher. Die grundsätzliche Importabhängigkeit bleibt trotzdem bestehen. Deutschland deckte 2024 laut Eurostat 67 Prozent seines Energiebedarfs durch Nettoimporte und lag damit deutlich über dem EU-Durchschnitt von 57 Prozent. Die Bundeszentrale für politische Bildung nennt für 2024 rund 68 Prozent Importe und 32 Prozent heimische Erzeugung.
Auch das Umweltbundesamt zeichnet ein klares Bild: Rohöl machte 2025 mit 964 TWh rund ein Drittel des deutschen Primärenergieverbrauchs aus, 98 Prozent davon wurden importiert. Fossiles Gas entsprach rund 27 Prozent des Primärenergieverbrauchs, der Importanteil lag bei 95 Prozent. Rohsteinkohle wurde vollständig importiert. Die Abhängigkeit von Uranimporten endete mit dem Atomausstieg.
Heizen, Fahren, Produzieren: Fossile Energie steckt überall
Im deutschen Endenergiemix 2025 entfielen gut 36 Prozent auf Mineralöl und gut 24 Prozent auf fossiles Gas. Zusammen waren das mehr als 60 Prozent. Der Mineralölverbrauch stagnierte in den vergangenen Jahren weitgehend und lag 2025 bei 829 TWh. 78 Prozent davon entfielen auf den Verkehr, 13 Prozent auf private Haushalte, 6 Prozent auf Gewerbe, Handel und Dienstleistungen und 3 Prozent auf die Industrie.
Der Verkehr ist damit der größte Mineralölverbraucher. 82 Prozent des Mineralölverbrauchs im Verkehr entfielen auf den Straßenverkehr, 17 Prozent auf den Luftverkehr. Schienen- und Schiffsverkehr spielten mengenmäßig eine geringe Rolle. Mineralöl deckte 92 Prozent des gesamten Endenergieverbrauchs des Verkehrssektors; Strom, Gase und erneuerbare Energien blieben bislang von untergeordneter Bedeutung.
Für Unternehmen endet die Rechnung nicht beim eigenen Tank. Höhere Transportkosten, gestörte Lieferketten und Mineralölprodukte als Rohstoff treffen Gewerbe und Industrie indirekt. Der nicht-energetische Mineralölverbrauch in Deutschland lag bei 175 TWh – etwa für Schmierstoffe, Baumaterialien, Kosmetik und Kunststoffe.
Private Haushalte bleiben ebenfalls stark an fossile Energien gebunden. 2025 machten fossile Energieträger mehr als 50 Prozent ihres Endenergiemixes aus. Mineralölprodukte hatten einen Anteil von 17 Prozent beziehungsweise 111 TWh und wurden überwiegend als Heizöl für Heizung und Warmwasser eingesetzt. 2022 verfügten noch 19 Prozent der Wohnungen über eine Ölheizung. Erdgas deckte 2025 fast 37 Prozent des Endenergieverbrauchs der Haushalte; dieser Anteil stieg zuletzt leicht.
Eine Preiskrise beim Heizöl kann dabei auch außerhalb der Heizperiode auftauchen, weil Einkauf und Verbrauch zeitlich auseinanderliegen. Wer im Sommer bestellt und erst Monate später heizt, bekommt den Preisrutsch oder die Preiswelle eben nicht unbedingt dann zu spüren, wenn sie am Markt passiert.
Das Umweltbundesamt nennt als Gegenmittel Einsparungen, den Ausstieg aus Öl- und Gasheizungen sowie effiziente Wärmepumpen mit erneuerbaren Energien. Im Verkehr helfen Verkehrsvermeidung und die Verlagerung auf die Schiene. Güterzüge erreichen 29,0 Tonnenkilometer pro Kilowattstunde, der Straßengüterverkehr nur 2,1 Tonnenkilometer pro Kilowattstunde. Der Bahnverkehr wird überwiegend mit Strom betrieben, der zunehmend aus erneuerbaren Energien stammt.
Auch beim Personenverkehr ist der Unterschied deutlich: Elektrofahrzeuge erreichen 6,4 Personenkilometer pro Kilowattstunde, Benzin- und Dieselfahrzeuge 2,1 Personenkilometer. Höhere Kraftstoff- und Transportkosten wirken sich trotzdem auf Haushalte, Dienstleistungen und Industrie aus – nicht nur auf jene, die täglich im Auto sitzen.
Elektrifizierung als Ausweg – mit neuen Baustellen
Vattenfall sieht in der Elektrifizierung von Wärme, Verkehr und Industrie eine strukturelle Möglichkeit, die fossile Importabhängigkeit zu verringern. Wind- und Solarenergie brauchen keinen Brennstoff. Wärmepumpen, Elektrofahrzeuge und elektrifizierte Industrieprozesse können den Bedarf an Öl und Gas senken.
Nach einer Vattenfall-Modellrechnung ließen sich jährlich rund 20 Milliarden Euro an fossilen Importausgaben vermeiden, wenn Deutschland seinen fossilen Energiebedarf um 25 Prozent verringerte und die Preise unverändert blieben. Das ist eine Modellrechnung, keine fertige Rechnung für den nächsten Haushalt – aber die Größenordnung ist beträchtlich.
Vattenfall investiert nach eigenen Angaben unter anderem in Offshore-Windenergie, Batteriespeicher, Pumpspeicherkraftwerke sowie Lösungen zur Dekarbonisierung von Wärme und Verkehr. Eines der größten aktuellen Projekte ist der Offshore-Windpark Nordlicht. Nach vollständiger Inbetriebnahme soll er jährlich rund 6 Terawattstunden beziehungsweise 6 Milliarden Kilowattstunden Strom erzeugen.
Auch die EU will mit dem Programm „AccelerateEU“ Investitionen in erneuerbare und andere saubere Energien, Stromnetze und Speicher beschleunigen. Ziel ist eine widerstandsfähigere Energieversorgung und eine geringere Abhängigkeit von internationalen Energiemärkten. Ein sinkender Öl- und Gasverbrauch würde neben den CO₂-Emissionen auch die Ausgaben für fossile Energieimporte reduzieren.
Ganz ohne neue Abhängigkeiten geht die Energiewende aber nicht über die Bühne. 2025 stammte nur etwa ein Fünftel des deutschen Primärenergieverbrauchs aus erneuerbaren Energien, während fossile Energieträger weiterhin dominierten. Zugleich lag der Anteil erneuerbarer Energien an der öffentlichen Nettostromerzeugung laut Fraunhofer ISE bei rund 62 Prozent, vor allem dank Windkraft und Photovoltaik.
Die unmittelbare Importabhängigkeit im Stromsektor sinkt dadurch. Dafür gewinnen kritische Rohstoffe, industrielle Vorprodukte sowie Technologien für erneuerbare Energien, Batterien und Wasserstoff an Gewicht. Lithium, Kobalt und seltene Erden werden für Solaranlagen, Windkraftanlagen, Batterien und Wasserstofftechnologien benötigt. Förderung und Verarbeitung konzentrieren sich häufig auf wenige Länder. China dominiert die industrielle Massenproduktion wichtiger Komponenten wie Solarpanels, Windturbinen, Batterien für Elektrofahrzeuge und Elektrolyseure.
Stärkere Diversifizierung und teilweise Entkopplung von China werden deshalb diskutiert. Kurz- und mittelfristig bleibt Chinas Dominanz wegen der kostengünstigen und teilweise qualitativ hochwertigen Produktion bestehen. Im Gespräch sind kontrollierte Interdependenzen, Bedingungen für Technologietransfer und Vorgaben für Investitionen in europäische Schlüsselindustrien wie Batterien und Elektrolyseure.
Öl bleibt ein geopolitischer Brennstoff
Erdölreserven sind regional stark konzentriert. Saudi-Arabien verfügt über 17 Prozent, Iran über 13 Prozent, Irak über 9 Prozent, die Vereinigten Arab
