Die Internationale Energieagentur (IEA) will die im März beschlossene Freigabe strategischer Ölreserven beschleunigen und möglichst bald abschließen. Hintergrund sind die steigenden Kraftstoffpreise sowie die Forderung Deutschlands und der übrigen G7-Staaten. Wegen der angespannten Dieselmärkte sollen Dieselvorräte bevorzugt auf den Markt kommen.

Im März hatte die IEA als Reaktion auf den Iran-Krieg die Freigabe von insgesamt 400 Millionen Barrel Rohöl beschlossen. Rund 325 Millionen Barrel wurden nach Angaben der Agentur bislang tatsächlich freigegeben. Einige Länder gaben sogar mehr Öl ab als ursprünglich zugesagt. Noch ausstehende Bestände von rund 100 Millionen Barrel könnten nun zusätzlich auf den Markt kommen – genau jene Menge, die die G7 gefordert hatte.

G7 drängen auf schnelle Freigabe

Zur G7 gehören Deutschland, Frankreich, Großbritannien, Italien, die USA, Japan und Kanada. Die Staaten hatten Anfang Oktober verlangt, über einen Zeitraum von vier Monaten insgesamt 100 Millionen Barrel Rohöl aus ihren Reserven freizugeben und zu verkaufen. Die Maßnahme soll die Kraftstoffpreise senken. Die IEA-Mitgliedsregierungen sprachen sich nun dafür aus, die bereits im März beschlossene Freigabe möglichst bald abzuschließen.

Ein Barrel entspricht 159 Litern. Die G7-Freigabe soll sofort beginnen und sich über vier Monate erstrecken. Innerhalb der nächsten 20 Tage soll eine erhebliche Menge Diesel verfügbar werden, eine genaue Menge wurde allerdings nicht genannt. Gerade weil der Markt angespannt ist, kann zusätzliches Öl preisdämpfend wirken – zumindest kurzfristig.

Die G7 wollen damit auch US-Präsident Donald Trump entgegenkommen, der mit einem Diesel-Exportstopp gedroht hatte. Die USA sind der weltweit größte Dieselproduzent. Trump steht wegen der drohenden Niederlage seiner Partei bei den US-Zwischenwahlen am 3. November unter politischem Druck und hatte europäische Staaten zur Freigabe ihrer Dieselreserven gedrängt, damit die Preise an US-Tankstellen sinken.

Ölmarkt reagiert, Nahost bleibt entscheidend

Nach der G7-Ankündigung sank der US-Ölpreis zeitweise um bis zu fünf Prozent. Brent-Öl fiel zwischenzeitlich unter 100 US-Dollar je Barrel. Viel länger als ein paar Schlagzeilen muss das aber nicht halten: Verschärft sich die Lage im Nahen Osten, können die Preise schnell wieder steigen. Dort liegen viele Ölfelder und Raffinerien.

Deutlich sinkende Preise werden erst erwartet, wenn Raffinerieprodukte wieder ungehindert verschifft werden können. Die Ökonomin Samina Sultan bezeichnete die Reservenfreigabe als kurzfristige Maßnahme mit begrenzter Wirkung. Die 100 Millionen Barrel entsprechen ungefähr dem weltweiten Ölverbrauch eines Tages. Weil die Menge über vier Monate verteilt wird, dürfte der Effekt voraussichtlich überschaubar bleiben.

Die G7 verfügen insgesamt über gut eine Milliarde Barrel Reserven; die geplante Freigabe umfasst knapp zehn Prozent davon. Die IEA-Mitgliedstaaten haben weiterhin öffentliche Ölnotreserven von rund 1,1 Milliarden Barrel, darunter mehr als 200 Millionen Barrel Diesel. Die IEA erklärte, bei Bedarf weitere Reserven freigeben zu können.

Deutschland senkt Energiesteuer

Seit dem 1. Oktober ist die Energiesteuer auf Diesel und Benzin um rund 14 Cent je Liter gesenkt. Einschließlich Mehrwertsteuer beträgt die Entlastung 17 Cent je Liter. Der Tankrabatt gilt bis Jahresende. Danach ist ein Preisdeckel nach dem Vorbild Luxemburgs oder Belgiens geplant.

Laut Wirtschaftsministerin Katherina Reiche bleiben ausreichend Reserven zur Sicherung der Versorgung. Außerdem wollen die G7 ihre Raffineriekapazitäten und, wo möglich, deren Auslastung erhöhen. Die Staaten wollen sich weiterhin gegenseitig mit Öl und Treibstoffen beliefern. Trump verzichtet damit zumindest vorerst auf einen Diesel-Exportstopp.

Die aktuelle Freigabe ist eine Reaktion auf die seit dem Ausbruch des Irankriegs Ende Februar stark gestiegenen Spritpreise. Zugleich wollen die G7 ihre Handlungsfähigkeit demonstrieren. An den Zapfsäulen könnte das zunächst für etwas Luft sorgen – der große Preisrutsch hängt aber weiterhin an der Entwicklung im Nahen Osten.

Hohe Preise als politischer Sprengstoff

Umweltschützer und Ökonomen schlagen vor, die hohen Preise wirken zu lassen, statt Reserven freizugeben. Dadurch könnte die Nachfrage sinken, weil sich manche Menschen fossile Brennstoffe nicht mehr leisten können. Politisch ist das allerdings ein heißes Eisen. Hohe Preise können schnell große Unzufriedenheit auslösen.

In Sachsen-Anhalt berichtete AfD-Spitzenkandidat Ulrich Siegmund, dass viele Menschen neben der Migration vor allem die Spritpreise als Problem nannten. Einige hätten erklärt, sie arbeiteten nur noch für die Finanzierung des Sprits. Laut Artikel profitierte die AfD von dieser Unzufriedenheit.

Die langfristige Alternative zu fossilen Importen ist die Elektrifizierung: Elektroautos, Wärmepumpen, grüne Kraftwerke und zusätzliche Stromleitungen gehören dazu. Die Umstellung dauert mehrere Jahre und erfordert hohe Investitionen. Der Markt für Elektroautos in Deutschland wächst derzeit stark. In den ersten acht Monaten des Jahres war jedes vierte neu zugelassene Auto rein batterieelektrisch, im August sogar jedes dritte. Für 2026 wird ein Rekordjahr bei Elektroautos erwartet.