Die deutsche Wirtschaft kommt 2026 trotz Krieg, hoher Energiepreise und einer verunsicherten Industrie voran. Das klingt zunächst nach einem Widerspruch: In manchen Werken werden Stellen abgebaut oder Produktionsstandorte geschlossen, auf dem Rhein behindern niedrige Wasserstände die Lieferketten, und der Ölpreis kletterte infolge des Iran-Kriegs zeitweise auf mehr als 100 US-Dollar je Barrel. Trotzdem rechnen die fünf führenden Wirtschaftsforschungsinstitute in ihrer Herbst-Gemeinschaftsdiagnose für 2026 mit einem Wachstum des Bruttoinlandsprodukts von 1,3 Prozent.

ING-Chefvolkswirt Carsten Brzeski erwartet damit das stärkste deutsche Wirtschaftswachstum seit 2022. Auch die Stimmung in den Unternehmen hat sich aufgehellt: Der ifo-Geschäftsklimaindex stieg fünfmal in Folge. Am 8. September 2026 erwartete das ifo Institut eine Fortsetzung der wirtschaftlichen Erholung. Nach einem kräftigen Jahresauftakt hatte die Dynamik im zweiten Quartal zwar nachgelassen, doch eine expansive deutsche Finanzpolitik und stärkere Impulse aus dem Ausland verhinderten eine deutlichere Abkühlung.

Mehr Aufträge, mehr Staat, mehr Rechenzentren

Im Sommer 2026 setzte sich die Erholung fort. Vor allem im Verarbeitenden Gewerbe und bei unternehmensnahen Dienstleistungen nahm die Wertschöpfung zu. In der Industrie verbesserte sich die Auftragslage seit Jahresbeginn kontinuierlich, zuletzt zogen auch die Exporterwartungen deutlich an. Eine robuste Weltkonjunktur dürfte die Industrieproduktion und die Ausfuhren weiter stützen.

Ein Teil des Aufschwungs hat allerdings mit Sonderfaktoren zu tun. Chemieunternehmen erhalten mehr Nachfrage aus Asien. Nach Angriffen der USA und Israels auf Iran wurden wichtige Seehandelsrouten gesperrt. Der stockende Ölfluss trieb die Energiepreise vor allem in Asien nach oben; Produktionskürzungen dort begünstigten deutsche Anbieter chemischer Grundstoffe. Diese Sonderkonjunktur schwächte sich zur Jahresmitte bereits ab.

Daneben läuft weltweit der Boom bei künstlicher Intelligenz. Deutsche Exportunternehmen liefern Waren für Rechenzentren und Serverfarmen, Maschinen und Komponenten für die Chipproduktion kommen teilweise aus Deutschland. Staatliche Ausgaben aus Sondervermögen für Infrastruktur und militärische Aufrüstung sorgen zusätzlich für Nachfrage. Die expansive Finanzpolitik soll über den gesamten Prognosezeitraum tragen: Das ifo Institut schätzt die finanzpolitischen Impulse auf knapp 40 Milliarden Euro im Jahr 2026, 27 Milliarden Euro 2027 und 18 Milliarden Euro 2028. Vorgesehen sind Mehrausgaben für Infrastruktur, Klimaneutralität und Verteidigung – also öffentlicher Konsum und Investitionen.

Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche (CDU) will am Donnerstag die Herbstprojektion der Bundesregierung vorstellen. Erwartet wird, dass auch die Bundesregierung für 2026 ein BIP-Wachstum von 1,3 Prozent prognostiziert. Das ifo Institut liegt mit seiner aktuellen Einschätzung etwas höher: 1,4 Prozent für 2026, 1,2 Prozent für 2027 und 0,8 Prozent für 2028. Gegenüber der Sommerprognose wurde die Erwartung für 2026 um 0,6 Prozentpunkte und für 2027 um 0,4 Prozentpunkte angehoben. Die fünf Forschungsinstitute rechnen dagegen mit 1,1 Prozent Wachstum 2027 und nur noch 0,4 Prozent 2028.

Energie bleibt der wunde Punkt

Für energieintensive Branchen sind die hohen Preise eine schwere Last. Gestiegene Energiepreise infolge des Iran-Krieges erhöhten die Inflation und belasteten konsumnahe Dienstleistungen. Nach dem Ende der Waffenruhe im Iran-Krieg zogen die Preise seit Juli erneut an. Zugleich erreichten die niedrigen Wasserstände in Deutschland Rekordwerte. Das könnte die Produktion in Branchen behindern, die stark von Wasserstraßen abhängig sind – der Rhein lässt grüßen.

Nach einer ersten Schätzung lag die Inflation im September bei 3,3 Prozent. Verbraucher halten sich wegen der hohen Preise und erwarteter Einkommensverluste mit Anschaffungen zurück. Die Sparneigung erreichte ein Niveau wie zuletzt während der Finanz- und Wirtschaftskrise 2008. Laut dem Nürnberg Institut für Marktentscheidungen sparen vor allem Haushalte im oberen Einkommensviertel stärker, weil sie einen Wertverlust ihrer Ersparnisse befürchten. Menschen mit niedrigen Einkommen schränken ihren Konsum ebenfalls ein, müssen sie doch einen größeren Anteil ihres Geldes für alltägliche Ausgaben verwenden.

Die private Konsumnachfrage dürfte deshalb zunächst gedämpft bleiben. Die hohe Inflation lässt die Kaufkraft der Haushalte im Prognosezeitraum nur geringfügig steigen, höhere Abgabensätze zu den Jahreswechseln belasten zusätzlich. Das ifo Institut erwartet Inflationsraten von 2,8 Prozent 2026, 3,0 Prozent 2027 und 2,3 Prozent 2028. Damit würde sich die Teuerung 2028 allmählich dem Zielwert der Europäischen Zentralbank annähern.

Arbeitsmarkt kommt später nach

Das Bundeswirtschaftsministerium erwartet eine nachlassende wirtschaftliche Dynamik. Die Sonderkonjunktur energieintensiver Industrien verlor zur Jahresmitte an Kraft, gleichzeitig bremsen hohe Energiepreise die private Konsumentwicklung. Die Erholung erreicht den Arbeitsmarkt voraussichtlich mit Verzögerung. Die Zahl der Erwerbstätigen soll 2026 im Jahresdurchschnitt nochmals sinken und erst 2027 sowie 2028 wieder steigen.

Für 2026 wird eine Arbeitslosenquote von 6,3 Prozent erwartet, für 2028 von 5,4 Prozent. Die Alterung der Bevölkerung und das geringe Produktivitätswachstum begrenzen jedoch das Wachstumspotenzial. Die Expansionsspielräume, die durch die aktuelle Unterauslastung entstanden sind, dürften Mitte 2027 ausgeschöpft sein.

Der expansive finanzpolitische Kurs hat seinen Preis. Das staatliche Finanzierungsdefizit soll von 3,0 Prozent des BIP im Jahr 2025 auf 4,6 Prozent im Jahr 2028 steigen. Der Bruttoschuldenstand dürfte im selben Zeitraum von 62,7 Prozent auf 67,9 Prozent der Wirtschaftsleistung zunehmen. Für die Bauwirtschaft sind die öffentlichen Investitionen zwar ein wichtiger Auftragsschub; gleichzeitig bleiben Finanzierungskosten, Materialpreise und die Zurückhaltung privater Haushalte spürbar.

Zwischen Hoffnung und hohem Risiko

Ein zentrales Risiko bleibt die weitere Entwicklung der Energiepreise. Verschärft sich der Konflikt im Nahen Osten, könnten Energiepreise weiter steigen, Lieferengpässe und eine Gasmangellage wahrscheinlicher werden, die Produktion leiden und der Inflationsdruck zunehmen. Bei einem Abkommen zwischen Iran und den USA könnten die Energiepreise dagegen schneller sinken als erwartet.

Offen ist auch, welche wirtschaftspolitischen Entscheidungen in Deutschland folgen. Zusätzliche wachstumsfördernde Reformen könnten die Entwicklung verbessern. Mehr Konsolidierungsdruck würde die Prognose dagegen verschlechtern; zusätzliche Beitragserhöhungen oder Ausgabenkürzungen würden den staatlichen Konjunkturimpuls verringern und die Wirtschaft kurzfristig belasten. Auf den Baustellen und in den Betrieben entscheidet sich damit nicht nur an der Materiallieferung, sondern auch an Energie, öffentlichem Geld und der Frage, ob private Kunden ihre Geldbörsen wieder öffnen.